Foto durch die Scheibe des Agnes-Heller-Haus mit Blick auf die Folie einer Präsentation, auf der "Who Cares?" steht.

200 Traumapädagog:innen diskutierten Ende Februar im Kleinen Hörsaal des Ágnes-Heller-Hauses über den dringenden Bedarf an fachlichem Austausch im Bereich der traumapädagogischen Arbeit.

Who Cares? Trau­ma­päd­ago­g:in­nen ver­net­zen sich

Rund 200 Fachkräfte aus Wissenschaft und Praxis diskutierten am 26. und 27. Februar 2026 an der Universität Innsbruck über zentrale Fragen der Traumapädagogik. Die Tagung „Who Cares? Traumapädagogik im Licht der Fachkräfte“ rückte erstmals gezielt jene in den Fokus, die täglich mit den Folgen von Gewalt, Traumatisierung und belasteten Biografien arbeiten.

Trauma gehört in vielen sozialen, pädagogischen und psychosozialen Arbeitsfeldern zum Alltag. Fachkräfte sind dabei regelmäßig mit Geschichten von Gewalt, Verlust und menschlich mitverursachtem Leid konfrontiert – Erfahrungen, die auch für sie selbst belastend sein können. Die Tagung, organisiert vom Forschungsbereich Konflikt-Trauma-Gewalt der Fakultät für Bildungswissenschaften in Kooperation mit dem Fachverband Traumapädagogik, stellte deshalb eine zentrale Frage: Wer sorgt eigentlich für jene, die sich professionell um traumatisierte Menschen kümmern?

Neben wissenschaftlichen Vorträgen bot die Tagung Workshops und zahlreiche Möglichkeiten zum Austausch zwischen unterschiedlichen Praxisfeldern.

Impulse aus Wissenschaft und Praxis

Den Auftakt bildeten Fachvorträge, die nicht nur unterschiedliche Perspektiven auf traumapädagogische Arbeit eröffneten, sondern auch jeweils den Bezug zum aktuellsten Forschungsstand zur Thematik boten:

 

  • Der leitende Psychologe des Kompetenzzentrums Gewaltschutz, Thomas Beck, thematisierte, wie Gewalt sowohl Betroffene als auch Fachkräfte sprachlos machen kann. Scham, Stigmatisierung oder Selbstbeschuldigungen erschweren es Betroffenen häufig, über ihre Erfahrungen zu sprechen.
  • Pia Andreatta (Universität Innsbruck) richtete den Blick auf die Auswirkungen von Traumaarbeit auf Fachkräfte selbst. In ihrem Beitrag ging sie auf Prozesse der Symbolisierung sowie auf Formen sekundärer Traumatisierung ein. Traumapädagogisches Arbeiten erfordert demnach nicht nur methodisches Wissen, sondern auch eine reflektierte professionelle Haltung und den bewussten Umgang mit eigener Betroffenheit. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Bedeutung von Teams in der Arbeit mit traumatisierten Menschen.
  • Jacob Bausum hob hervor, dass pädagogische Teams nicht nur organisatorische Einheiten sind, sondern zentrale Räume für Reflexion und Unterstützung. Gerade im Umgang mit Gewalt und belastenden Situationen kann Teamarbeit helfen, Isolation zu vermeiden und Handlungssicherheit zu stärken.
  • Gianluca Crepaldi schließlich beschrieb in seinem Beitrag, wie „containment“ Helfende dabei unterstützt, überwältigende Gefühle aushalten und „verdauen“ zu können, um traumatische Blockaden zu vermeiden und seelisches Wachstum zu ermöglichen.

Am Nachmittag vertieften Workshops zentrale Themen der Tagung, darunter Selbstfürsorge, kreative Zugänge zur Reflexion sowie die Entwicklung gemeinsamer pädagogischer Haltungen in Teams. Dabei zeigte sich deutlich, wie vielfältig die Praxisfelder sind, in denen traumapädagogisches Wissen eine Rolle spielt – von sozialpädagogischen Einrichtungen über psychosoziale Beratung bis hin zu Bildungsinstitutionen.

Third Mission: Wissenschaft im Dialog mit Gesellschaft und psychosozialer (Bildungs-)Praxis

Die Tagung verdeutlichte auch die gesellschaftliche Relevanz traumapädagogischer Forschung. Die Universität Innsbruck versteht Veranstaltungen dieser Art als Teil ihrer „Third Mission“ – also als Brücke zwischen Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft. Der Austausch zwischen Forschung und der Professionalisierung innerhalb der Praxisfelder ermöglicht es, wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar in Handlungswissen zu übersetzen.

Die große Resonanz mit rund 200 Teilnehmenden aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern zeigt, wie dringend der Bedarf an fachlichem Austausch und gemeinsamer Reflexion in diesem Themenbereich ist. Die Leitfrage der Tagung „Who cares?“ wurde damit zugleich zu einem Auftrag: traumapädagogische Arbeit braucht nicht nur Wissen über Trauma, sondern auch Strukturen, die Fachkräfte selbst stärken.

    Nach oben scrollen