Das Buch ist im Rahmen eines Forschungsprojekts zu sexualisierter Gewalt im sozialen Nahraum in Südtirol enstanden und auch in italienischer Sprache erschienen: „E nessuno ha mai detto: ‚Che cosa sta succedendo qui, in realtà?‘ Violenza a sfondo sessuale e silenzio in Alto Adige“. Als Ergebnis der ersten sozialwissenschaftlichen explorativen Studie über sexualisierte Gewalt in Südtirol gibt es Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, einen Raum, um ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu teilen. Ihre Perspektiven stehen im Mittelpunkt und machen sichtbar, wie tief sexualisierte Gewalt im gesellschaftlichen Alltag Südtirols verankert ist.
Grundlage des Buches sind 31 Interviews mit Menschen unterschiedlicher Generationen, die sich der deutschen, italienischen und ladinischen Sprachgruppe zugehörig fühlen und die im Zeitraum seit den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart sexualisierte Gewalt im sozialen Nahraum erlebt haben – u. a. in Familien, Schulen, Vereinen, Kirchen und am Arbeitsplatz. Ihre Erfahrungen eröffnen den Blick auf jene gesellschaftlichen Bedingungen, die Gewalt ermöglichen und Schweigen fördern – und auf das, was notwendig ist, um hinzusehen, aufzuarbeiten und vorzubeugen. Die dreijährige Studie wurde von der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, der Stiftung Südtiroler Sparkasse und der Universität Innsbruck gefördert.
Nicola Werdenigg zu Gast
Die Buchpräsentation wurde gemeinsam mit Nicola Werdenigg veranstaltet. Die ehemalige Skirennläuferin setzt sich seit vielen Jahren für die Sichtbarmachung und Politisierung sexualisierter Gewalt u.a. im Kontext des Spitzensports ein. Ein zentrales Thema an dem Abend war, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse ein Bedingungsgefüge herstellen, das sexualisierte Gewalt und das Schweigen darüber begünstigen: Patriarchale Geschlechterverhältnisse, heteronormative Vorstellungen von Beziehungen Sexualität und soziale Ungleichheiten begünstigen sexualisierte Gewalt ebenso wie das weitgehende Fehlen von gesellschaftlichem Wissen über sexualisierte Gewalt und einem in der Gesellschaft immer noch weit verbreiteten Konsens zu Gewalt.
Ebenso zeigt die Studie, dass sexualisierte Gewalt meist nicht im Verborgenen geschieht. Oft gibt es Hinweise, Verdachtsmomente oder Mitwissende – doch selten erfahren Menschen, denen sexualisierte Gewalt angetan wird, vom sozialen Umfeld Unterstützung. Das deutliche Ungleichgewicht zwischen den Folgen für Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, und der weitgehenden Folgenlosigkeit für Täter:innen ist ein zentrales Ergebnis der Studie. Sexualisierte Gewalt hat für Menschen, denen sie angetan wurde, oft lebenslange körperliche, psychische, emotionale, soziale, finanzielle Folgen, während die allermeisten Täter:innen kaum negative Folgen erfahren. In der Studie hat von 31 Interviewpartner:innen nur eine Person Anzeige erstattet.
Über das Alltägliche sprechen
Die Studienautor:innen und Nicola Werdenigg betonen, dass die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein muss: Es braucht die Verbreitung von Wissen, das nicht Täter:innen schützt, sondern sexualisierte Gewalt als solche benennt und das alltägliche Bedingungsgefüge, in das sexualisierte Gewalt eingebettet ist, verändert. Dafür braucht es großflächige und kontinuierliche Bildungskampagnen in Kindergärten, Schulen, Vereinen, Ausbildungsstätten, Arbeitsplätzen usw. Es muss, so zeigte auch die Publikumsdiskussion an dem Abend, über sexualisierte Gewalt gesprochen werden, denn Gewalt ist in einer patriarchal-heteronormativen Gesellschaft für viele Menschen Alltag.
Projektwebsite: https://www.uibk.ac.at/de/geschlechterforschung/projekte/sexualisierte-gewalt-in-sudtirol/
(Julia Ganterer, Gundula Ludwig, Laura Volgger)
