Zeitreise in die 1930er Jahre. Die Pension Gstrein im Ötztal  
Hans Fessler 1932/33 

Hans Fessler (18961973) zählte spätestens seit dem Bau der Patscherkofelbahn zu den zentralen Architekten der Zwischenkriegszeit in Tirol. Noch ist das vielseitige Werk zu wenig erforscht, das von den 20er bis in die 60er Jahre reicht. Dazu zählen auch verschiedene Bauten des Tourismus. Die Pension Gstrein in Vent ist im Gegensatz zu vielen anderen Hotels der 1930er Jahre in weiten Teilen erhalten.  

Die Pension Gstrein wurde 1932/33 geplant und errichtet. Bauherr war der Bergführer und Skilehrer Johann Gstrein mit seiner Frau Aloisia. Vermutlich lernte er Fessler am Arlberg kennen, wo er als Skilehrer bei Hannes Schneider arbeitete und Fessler zeitgleich zahlreiche Bauten realisierte. Im Archiv für Bau.Kunst.Geschicht finden sich Fotos und zwei Grundrisse der Pension. 

 

Pension Gstrein Vent © Archiv für Bau.kunst.geschichte, Nachlass Hans Fessler.

Pension Gstrein Vent © Archiv für Bau.kunst.geschichte, Nachlass Hans Fessler.

Der zweischenklige Bau, dessen westliche Ecke prägnant abgerundet ist, besteht aus drei Geschossen. Das Erdgeschoss liegt über einer Sockelzone, die Belichtung und Belüftung für den Keller ermöglicht. Darüber liegen zwei Geschosse, in denen die Zimmer untergebracht sind. Erdgeschoss und Sockelzone sind weiß verputzt, genauso wie die süd-östliche Gebäudeecke, die einen turmhaften Akzent schafft; dieses Schema wiederholt sich an der westlichen Fassade. Die Zimmergeschosse sind etwas zurückversetzt und mit dunklem Lärchenholz in Stülpschalung verkleidet. Ihnen vorgelagert, befinden sich jeweils ein umlaufender, leicht auskragender Balkon. Den Abschluss bildet ein flaches, ebenfalls abgerundetes, Pultdach. Zusammen mit den Bauten der Patscherkofelbahn stellt das Pultdach der Pension Gstrein, innerhalb Fesslers Werk in der Zwischenkriegszeit, eher eine Ausnahme dar. Konstruiert wurde die Pension unter anderem aus lokalen Natursteinen und lokalem Lärchenholz. 

Im ursprünglichen Bau befand sich im Erdgeschoss der Speisesaal, die ›Bauernstube‹, die Küche, Nebenräume, sowie die Wohnräume von Aloisia Gstrein. In den Zimmergeschossen gab es vorranging Einzelzimmer und nur wenige Zweibettzimmer. Eine Besonderheit des Baus war, dass jedes Zimmer über fließendes Wasser verfügte; Toiletten und Bad befanden sich jedoch zeittypisch am Gang. Die ersten größeren Umbaumaßnahmen erfolgten Anfang der 1950er Jahre, erneut durch Hans Fessler. Er erweiterte die Pension um drei Achsen in Richtung Osten und führte auch im Innenraum Adaptionen durch. Die schon in den Plänen von 1932 eingezeichnete Terrasse wurde erst später realisiert; zunächst fehlte vermutlich das Geld. Aus brandschutztechnischen Gründen wurde 2009 ein neuer Zugangsbau mit Treppenhaus angebaut.

Die genannten Umbauten und weitere Modernisierungsmaßnahmen führten nicht nur zu Änderungen des Äußeren, sondern vor allem zur (partiellen) Reorganisation der Räume. Die Einteilung im Erdgeschoss ist nach wie vor sehr nah am Originalbau, lediglich die alte Treppe, die noch vorhanden ist, ist durch den Anbau des Treppenhauses geschlossen worden. In den kommenden Jahren soll zudem die Rezeption vergrößert werden. Im Speisesaal befinden sich noch die Thonet-Stühle aus den 60er Jahren und auch der gleichalte Herd ist noch in situ und usu. Größere Eingriffe gab es natürlicherweise in den Zimmergeschossen. Um jedes Zimmer auf Doppelbelegung zu vergrößern und mit einem privaten Bad auszustatten, wurden jeweils mehrere Zimmer zusammengelegt. Trotzdem sind einzelne Originalzimmer als Personal Zimmer, oder angeschlossen an Doppelzimmer, als Kinderzimmer, bis heute erhalten geblieben. Die wahrscheinlich von Fessler entworfenen Einbauholzmöbel in Kombination mit den Originaltüren und -fenstern, bieten eine Zeitkapsel, die so nur noch selten zu finden ist. Auch in den ›neuen‹ Zimmern ist der ursprüngliche Flair nach wie vor spürbar: zahlreiche neue Möbel wurden aus dem geschliffenen Holz der alten Einbauten von einer lokalen Schreinerei gefertigt. 

Dass die Pension Gstrein sich in einem so guten Zustand befindet, ist mit Sicherheit vor allem der Familie Gstrein zuzuschreiben, die die Pension heute in der dritten bzw. vierten Generation führt. Die zahlreichen historischen Fotografien, die im Haus hängen, sowie das umfassende Wissen, das Martina Gstrein über das Haus hat und die Bereitschaft immer wieder Interessierte durch das Haus zu führen sprechen für sich. Auch wenn der Betrieb eines historischen Hotels sicherlich mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, ist es Familie Gstrein bislang gelungen dieses Zeugnis der Tiroler Moderne, auch ohne Denkmalschutz, zu erhalten.  

 

Text: Lydia Krenz 

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