FlexAdapt. Entwicklung flexibler Adaptierungskonzepte für die Siedlungsentwässerung der Zukunft.

Förderung:


Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft Umwelt- und Wasserwirtschaft, BMLFUW (Österreich)


Partner:

Laufzeit: 08/2016 – 12/2018

Projektziele:

Die kommunale Wasserwirtschaft steht vor vielfältigen Herausforderungen. Alternde Infrastruktursysteme mit steigendem Sanierungsbedarf, potentielle Klimawandeleinflüsse, Herausforderungen durch stark schrumpfende oder stark wachsende Gemeinden oder steigende Bedenken gegen die Belastung durch (Mikro)schadstoffe treffen auf immer angespanntere Gemeindebudgets.

Eine der Kernaufgaben der siedlungswasserwirtschaftlichen Infrastruktur besteht in der sicheren Ableitung und unter Umständen Reinigung von Niederschlagswasserabflüssen. Hierfür sind unterschiedliche Verfahren möglich, wie beispielsweise die Ableitung zu Abwasserreinigungsanlagen in Mischsystemen oder auch die dezentrale Niederschlagswasserbehandlung vor Ort durch Versickerung oder durch Einleitung in ein nahe gelegenes Gewässer. Unter Umständen kann dabei auch eine Vorreinigung des Niederschlagsabflusses notwendig sein, um die Gewässerqualität zu bewahren.

Im Falle von Neubauten oder sobald bestehende Anlagen umfangreich saniert werden müssen, stellt sich die Frage, welche der zur Auswahl stehenden technischen Systeme geeignet sind jetzt und in Zukunft diese Aufgaben bestmöglich zu erfüllen. In Zeiten unsicherer zukünftiger Entwicklungen, beispielsweise in der Bevölkerung (und damit verbunden in der Flächennutzung) oder im Klima, wird oftmals der Ruf nach möglichst flexiblen Verfahren laut. In diesem Zusammenhang werden vermehrt dezentrale Lösungen als Verfahren der Wahl für die Zukunft vorgeschlagen. Die Kernidee besteht darin, auf Investitionen in teure leitungsgebundene Infrastruktur zu verzichten und damit flexibler auf unterschiedliche zukünftige Bedingungen reagieren zu können. Ein weiterer Vorteil wird darin gesehen, dass dezentrale Verfahren, wie beispielsweise die Versickerung vor Ort, den urbanen Wasserkreislauf in Richtung einer natürlichen Wasserbilanz verschieben und diese Verfahren somit auch ökologische Vorteile, wie eine gesteigerte Grundwasserneubildung, eine Verbesserung des Mikroklimas oder eine Reduzierung des schnellen Oberflächenabflusses, haben.

Eine fundierte Entscheidungsfindung sollte aber nicht alleine auf diesen offensichtlichen Faktoren beruhen, sondern unter Einbeziehung verschiedenster Einflussfaktoren möglichst objektiv durchgeführt werden. Beispiele für zu berücksichtigende Einflüsse sind Zustand und Alter der bestehenden Anlagen (Kanäle, Versickerungsanlagen, Vorreinigungen), Besiedlungsdichte, Sensibilität von Grundwasserkörpern und Gewässern inklusive etwaiger Vorbelastung, vorhandene organisatorische Strukturen für Wartung und Betrieb der Anlagen, erwartete Bevölkerungsentwicklung und Änderungen in der Flächennutzung oder mögliche klimatische Änderungen. Zusätzlich ist es notwendig, Konsequenzen eines Systemwechsels auch in einer unter Umständen mehrere Jahrzehnte dauernden Übergangsperiode zu berücksichtigen. Diese können technischer, organisatorischer oder finanzieller Natur sein. Gleichzeitig ist es auch für die Netzbetreiber wichtig, vorausschauend zu planen, da sie sich beispielsweise vertraglich oft langfristig zur Übernahme von Einleitungen verpflichten und ein Übergang nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch und finanziell (z. B. in der Gebührenstruktur) erfolgen muss.

Eine Entscheidungsfindung ist also überaus komplex. Explizit zu betrachten ist dabei die Situation kleinerer und mittlerer Gemeinden im ländlichen Raum. Diese unterschieden sich in mehreren Punkten von den größeren Städten, insbesondere im Entwässerungsverfahren - (modifiziertes) Misch/Trennsystem -, in der Bebauungsdichte und Bebauungsart und damit dem Platzangebot für alternative Lösungen sowie bei der Verschmutzung des Niederschlagsabflusses. Weiter sind kleinere Gemeinden auch mit anderen institutionellen und wirtschaftlichen Randbedingungen konfrontiert. So ist die finanzielle Lage vieler kleinerer Gemeinden nach wie vor angespannt, wodurch eine zweckgebundene Verwendung eingehobener Kanal- und Wassergebühren nicht stattfindet. Zusätzliche Herausforderungen bestehen in stark ausgeprägter Bevölkerungsentwicklung in beide Richtungen, starkes Wachstum in den „Speckgürteln“ um die größeren Städte mit entsprechendem Anpassungsbedarf an die Infrastruktur aber auch starke Rückgänge im ländlichen Raum mit den damit verbundenen Einnahmeausfällen.

Die drei siedlungswasserwirtschaftlichen Schwesterinstitute an der Universität Innsbruck, der BOKU Wien und der TU Graz haben das Ziel in einem gemeinschaftlichen Forschungsprojekt nachhaltige Lösungen der Niederschlagswasserbehandlung in Österreich aus technisch-betrieblicher, umweltrelevanter, organisatorischer, finanzieller und gesellschaftlicher Sicht zu untersuchen und Empfehlungen für eine nachhaltige Entwicklung abzugeben. Dabei werden folgende Forschungsfragen untersucht:

  • Wie soll die Niederschlagswasserbeseitigung der Zukunft in Abhängigkeit unterschiedlicher Randbedingungen aussehen? Unter welchen Bedingungen sind dezentrale Lösungen den bereits bestehenden zentralen Verfahren zu bevorzugen?
  • Unter welchen Bedingungen (z. B. anstehender Sanierungsbedarf, Alter der bestehenden Infrastruktur, bestehender Anpassungsbedarf, prognostizierte Gemeindeentwicklung) ist es sinnvoll den Übergang auf ein alternatives Konzept aktiv zu verfolgen? Wie kann der Übergang von leitungsgebundener Infrastruktur auf dezentrale Niederschlagswasserbehandlung vorbereitet werden?
  • Wie beeinflussen spezifische Probleme von kleineren und mittleren Gemeinden (z. B. starker Bevölkerungsrückgang in ländlichen Gemeinden, Bevölkerungszunahme in den „Speckgürteln“) die optimale Lösung?
  • Welche Skaleneffekte bestehen hinsichtlich Errichtung und Betrieb? (z. B. Vergleich dezentraler Niederschlagswasserversickerung auf Grundstücksebene gegenüber Regenwasserteichen auf Gemeinde- oder Stadtteilebene)
  • Welche weiteren Änderungen z. B. hinsichtlich zukünftiger Anforderungen an die Reinigung von Niederschlagsabflüssen sind zu erwarten und inwieweit sollten diese bereits derzeit in der Planung berücksichtigt werden?
  • Welche Konsequenzen kann der vermehrte Einsatz alternativer Entwässerungskonzepte mit sich bringen (beispielsweise Änderungen der Grundwasserspiegellagen)? Wie kann dem begegnet werden?
  • Wie können alternative Entwässerungskonzepte finanziert werden? Wer ist für Errichtung und Wartung verantwortlich (öffentlich oder privat)? Wie sollte die Gebührenstruktur verändert werden?
  • Welche Anforderungen an Wartung und Erhaltung alternativer Entwässerungskonzepte bestehen? Können diese mit der bestehenden organisationalen Ausstattung (Regelwerke, Ausbildungskurse, etc.) abgedeckt werden oder sind auch hier neue Aktivitäten erforderlich? Wie kann interkommunale Zusammenarbeit in der Wartung der Anlagen gefördert werden?

Das Ergebnis des Projektes besteht in direkten Anleitungen und Hinweisen für Abwasserverbände, Gemeinden, Planer und Sachverständige. Im Detail sind dies

  • Konkrete Handlungsanweisungen in Form eines Leitfadens / Abschlussberichtes
  • Katalog von möglichen Niederschlagswasserbehandlungsverfahren inklusive einer Bewertung hinsichtlich finanziellem und technischem Aufwand in Errichtung und Betrieb sowie Umsetzbarkeit unter Berücksichtigung lokaler Randbedingungen
  • Bewertung verschiedener Möglichkeiten zur Niederschlagswasserbehandlung hinsichtlich hydraulischer und stofflicher Leistungsfähigkeit
  • Empfehlungen bzw. Entscheidungshilfen zur Wahl des Verfahrens zur Niederschlagswasserbehandlung unter Berücksichtigung zukünftiger Entwicklungen wie beispielsweise Bevölkerung, Klima und umweltrelevanter Anforderungen

Kontakt:

University Innsbruck
Dr. Manfred Kleidorfer
Technikerstrasse 13
6020 Innsbruck
manfred.kleidorfer@uibk.ac.at