Terror und Tourismus in Innsbruck

Fachliche, konzeptuelle und räumliche Grenzen wurden bei der internationalen „Terror on Tour“-Tagung an der Universität Innsbruck überwunden. In Zusammenarbeit mit den Universitäten Roehampton und Chichester diskutierten Vortragende aus sieben Ländern die Verbindungen zwischen Terror(ismus) und Tourismus. Allein aus Innsbruck waren vier Fakultäten beteiligt.
Fragen bei der Konferenz
Bild: Die „Terror on Tour“-Tagung in Innsbruck. (Credit: Chih-Yun Liu)

Das Motto des Symposiums, „Grenzen, Umwege und Eventualitäten“, hätte nicht treffender sein können. Für die dritte Tagung des interdisziplinären „Terror and the Tour“-Netzwerkes reisten WissenschaftlerInnen aus Österreich, Deutschland, Großbritannien, Norwegen, Spanien, Italien und der Schweiz an, um in der Hauptstadt Tirols, nahe der Grenze am Brenner, die Wechselwirkungen zwischen Terror und Tourismus zu erkunden. Das Spektrum war breit gefächert: In zwanzig Beiträgen wurden politische, juristische, kulturwissenschaftliche, historische, ethische, visuelle, architektonische und performative Herangehensweisen an die hochaktuelle Thematik aufgezeigt. Unter den zahlreichen Teilnehmenden befanden sich auch eine Reihe von Studierenden der verschiedenen Fakultäten der Universität Innsbruck.

Am 29. März 2017, just an dem Tag, als in Großbritannien Artikel 50 in Kraft gesetzt wurde, eröffnete die Hauptorganisatorin des Symposiums, Ariane de Waal vom Institut für Anglistik, mit Andrew Wilford (Chichester), Jonathan Skinner und Paul Antick (beide Roehampton, London) die Tagung in der Claudiana. Die eröffnende Keynote Lecture von Gene Ray (Genf) zum Thema Terror im Anthropozän legte die Traumata des 20. Jahrhunderts angesichts der gegenwärtigen Bedrohung globaler Klimakatastrophen dar. Die erste Konferenzsektion widmete sich touristischen Terrorerfahrungen, von der Städtereise bis zum Pauschalurlaub. Bei einem abendlichen Empfang feierte die Tagungsgesellschaft das Erscheinen der Sonderausgabe „Terror and the Tour“ im Online-Journal Liminalities.

Der zweite Konferenztag begann im Bogentheater mit einem Denkanstoß durch die Aufführung der Performance „Have You Eyes?“ von Raymond Waring (London). Darin wurden zwei scheinbar gegensätzliche Geschichten einander gegenübergestellt: Die abfällige „Trip Advisor“-Rezension eines männlichen Hotelgasts und der Bericht eines syrischen Geflüchteten. Danach wurde die Bühne für die Premiere des Stücks „To the Light/Over: A Postmodern Pilgrimage“ der Theatergruppe RAI – renegade actors innsbruck freigegeben. Unter der Leitung von Ariane de Waal führten zwölf Innsbrucker Studierende eine politisch aufgeladene Pilgerfahrt auf. Der Rest des zweiten Tages beleuchtete die sogenannte Flüchtlingskrise aus diversen fachlichen Perspektiven. Andreas Müller vom Institut für Europarecht und Völkerrecht erörterte zum Auftakt die Komplexität der Rechtslage zu den Außengrenzen und der Asylpolitik der EU. In einer Sektion zu historischen Grenzen nahm die Innsbrucker Germanistin Miriam Strieder die Tagungsgäste mit auf eine Reise ins frühe Mittelalter, um die „terroristische“ Darstellung der „Wikinger“ zu ergründen. Zuletzt veranlasste ein „Walkshop“ die Teilnehmenden dazu, die Stadt Innsbruck aus verschiedenen Blickwinkeln zu erkunden.

Das große Potenzial des „Terror on Tour“-Kolloquiums, brisante und hochaktuelle Themen aus interdisziplinärer und sozialkritischer Sicht zu beleuchten, wurde am letzten Tag nochmals unterstrichen. Hier standen architektonische Konstrukte und „touroristische“ Unternehmungen im Vordergrund. Andreas Oberprantacher, Assoziierter Professor am Institut für Philosophie, führte die Tagungsgäste durch die Haft-Architektur des Deportationszentrums Vordernberg. Josefína Echavarría, Senior Lecturer in Peace and Conflict Studies, illustrierte anhand des Beispiels der Kölner Silvesternacht 2015 innovative Methoden der Konfliktlösung. Zuletzt rückte eine autobiographisch geprägte Analyse des Konflikts in den palästinensischen Gebieten durch Praveen Sewgobind (Potsdam) die Möglichkeiten des gewaltfreien Widerstands gegen Grenzregime in den Vordergrund.

Der äußerst gewinnbringende interdisziplinäre, interfakultative und interuniversitäre Austausch, den die Tagung an der Universität Innsbruck ermöglicht hat, soll in einer Reihe von Forschungs- und Publikationsprojekten fortgesetzt werden.

Antigoni Memou von der University of East London.

Antigoni Memou von der University of East London. (Credit: Ariane de Waal)

(Judith Rifeser, University of Roehampton, London)


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