Frieden als wert­volles Gut

Am ersten Wochenende im Advent ist die Uni Innsbruck traditionell wieder zu Gast in Außervillgraten in Osttirol. Eva Pfanzelter vom Institut für Zeitgeschichte, wird als eine der vortragenden Expertinnen und Experten Ihre Forschungen zum diesjährigen Thema „Konflikt – Forschung – Frieden“ präsentieren.
Außervillgraten
Bild: Die "Universität im Dorf" findet heuer bereits zum 18. Mal in Außervillgraten in Osttirol statt. (Credit: Josef Told)

In der Podiumsdiskussion zum Thema „Frieden als Aufgabe“ werden Sie gemeinsam mit Roman Siebenrock, Andreas Oberprantacher und Andreas Exenberger am Podium sitzen. Was ist Ihr Schwerpunkt im Impulsvortrag? 

Das Thema Konflikt und Frieden wird in dieser Runde eingebettet in unterschiedliche Forschungsrichtungen. Ich als Historikerin werde mich auf jene Bereiche konzentrieren, die die Herangehensweise der Geschichtswissenschaft erklärt. Das heißt, ich versuche zunächst kurz auf das „Zeitalter der Extreme“ einzugehen. Das ist ein Begriff, der von Eric Hobsbawm für das 20. Jahrhundert geprägt wurde und die Weltkriege und den Kalten Krieg ebenso zu beschreiben versucht, wie den rasanten gesellschaftlichen Wandel, der nicht zuletzt zu den Umbrüchen des Jahres 1989 und den Fall des Eisernen Vorhangs führte. Gleichzeitig beschreibt Hobsbawm damit auch jene lange Friedenszeit, die Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt – natürlich nicht selbstverantwortlich, sondern begleitet von internationalen Entwicklungen wie der UNO oder dem humanitären Völkerrecht, der UNHCR und vielen anderen Dingen, die hier zu nennen wären. Danach möchte ich noch darauf eingehen, welche Auswirkungen diese globalen Ereignisse und Entwicklungen im regionalen Bereich haben: sozusagen Osttirol als Spiegel einer gefühlten, sehr fernen Weltpolitik. Also so in etwa in dem Sinne: Wie erlebte Osttirol die Weltkriege und welche Folgen hatten die Friedensverträge oder aber auch, wie streiften die 1968-er die Provinz und wie vollzieht sich fernab der protestierenden Jugendschichten in den Großstädten der Welt der gesellschaftliche Wandel in Bezug beispielsweise auf Frauenrechte.

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Eva Pfanzelter spricht über die bevorstehende „Universität im Dorf“. (Bild: Pfanzelter)

Wie sehen Sie den „Frieden als Aufgabe“? Was kann jeder und jede beitragen?

Frieden ist gelebte Demokratie, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg kennen. Mit Demokratie ist nicht nur das politische System gemeint, sondern es geht um Demokratie als Lebensform. Zu ihr gehören viele Dinge, über die wir nicht bewusst nachdenken, wie Gleichberechtigung, Wohlstand, eine für breite Gesellschaftsschichten funktionierend Wirtschaft, problemlose Grenzüberschreitungen, und vieles mehr. Dieses System zu erhalten, das ist die Aufgabe jeder und jedes Einzelnen. Damit können alle in vielen Bereichen dazu etwas beitragen – sei es im privaten, als auch im Berufsleben oder etwa in einem Fußballclub und in der dorfeigenen Musikkapelle.

Wie verstehen Sie Frieden?

Unter Frieden verstehe ich die Bereitschaft durchaus auch im kritischen Dialog die Gegenwart und unser alltägliches Leben so zu organisieren, dass möglichst viele Menschen in Ruhe und ohne dauernde Konflikte leben können. Das heißt nicht, dass es immer um eitle Wonne geht. Wohl eher im Gegenteil, es geht darum, uns kritisch mit unserer Umwelt auseinanderzusetzen und etwa auch unsere friedliche Lebensweise zu verteidigen. Frieden ist ein wertvolles Gut, doch es ist nicht selbstverständlich und enthält eine gute Portion Kompromissbereitschaft.

Was ist Ihre wissenschaftliche Herangehensweise und worin sehen Sie Ihren wissenschaftlichen Auftrag sich mit dem Thema „Frieden“ zu beschäftigen?

Als Zeithistorikerin beschäftigen wir uns natürlich konstant besonders mit den Brüchen in der historischen Entwicklung, also besonders auch mit den Kriegen und Konflikten der letzten Jahrzehnte. Dabei geht es in einem ersten Schritt um Rekonstruktion der Ereignisse und dann aber besonders um die Vorgeschichte, also darum zu untersuchen, wie es überhaupt zu den Auseinandersetzungen kommen konnte. Dabei rücken dann politische, wirtschaftliche, soziale Entwicklungen in den Fokus – also auch darum, wenn man es flapsig formulieren will, was man aus der Geschichte lernen könnte. Letztlich geht es aber noch darum, aufzuarbeiten, wie wir in späteren Jahrzehnten an solche Ereignisse erinnern, denn im öffentlichen Umgang mit traumatischen Vergangenheiten erkennen wir etwa, was die Identitäten von Gemeinschaften ausmacht, wie und warum öffentliches Erinnern zelebriert wird und auf welchen Selbstverständnissen unsere Gesellschaft aufbaut. Es geht also um eine ganze Bandbreite von Themen und damit auch von unterschiedlichen methodischen und theoretischen Herangehensweisen, die wir als Historikerinnen und Historiker in der Auseinandersetzung mit dem Frieden verbinden.

Die „Uni im Dorf“ hat in Außervillgraten bereits eine lange Tradition. Wie sehen Sie das Format?

Die Uni als Elfenbeinturm einer intellektuell abgehobenen Elite ist wohl das klassische Bild dessen, was einem solchen Format, wie der „Uni im Dorf“ entgegensteht. Dabei ist diese vermeintliche Elite gar nicht so weit vom „alltäglichen Leben“, im Gegenteil, sie ist genauso normal wie das Leben im Dorf. Ebenso funktioniert das Leben beispielsweise in Außervillgraten auf denselben Ebenen wie jenes im vermeintlichen Elfenbeinturm. Gerade im gegenseitigen Wahrnehmen und Sich-Zeigen besteht wohl die größte Errungenschaft dieser Initiative: Daher den Think-Tank Universität und den Think-Tank Dorf zu vermischen und damit etwas Neues – oder auch weniger Neues – aber jedenfalls gegenseitiges Anerkennen mitnehmen, das ist eine sehr gute Sache und damit ist für den Frieden schon wieder viel erreicht.

Die diesjährige "Universität im Dorf" wird in Zusammenarbeit mit dem Forschungsschwerpunkt "Kulturelle Begegnungen - Kulturelle Konflikte" gestaltet, der sich mit unterschiedlichen Formen kultureller Kontakte auseinandersetzt und diese als Orte der Kreativität und der Entstehung von Neuem, aber auch der konflikthaften Zuspitzungen bis hin zu Krieg und Gewalt untersucht.

Rückblick

Schon seit 18 Jahren findet die Uni im Dorf ohne Unterbrechung in Außervillgraten statt – dieser Erfolg berechtigt zu einem Rückblick auf die vergangenen Jahre. Begonnen hat alles mit dem Thema „Glaube und Christliches Brauchtum“. In den darauffolgenden Jahren wurden die unterschiedlichsten Inhalte in den Veranstaltungen der Uni im Dorf in Außervillgraten vorgetragen und diskutiert. Themen wie Chancen und Entwicklung im ländlich-alpinen Raum, ein Ausflug in die Weiten des Weltalls, Generationenkonflikte oder –chancen, die Themen Mundart, Pflege oder neue Medien sind nur eine Auswahl der vielfältigen Inhalte. Mit viel Engagement organisiert die Arbeitsgemeinschaft „Universität im Dorf“, bestehend aus der Gemeinde Außervillgraten und der Uni Innsbruck, die bereits traditionelle Veranstaltung. Die „Universität im Dorf“ in Außervillgraten ist ein vorbildliches Beispiel für den Wissenstransfer der Uni Innsbruck und die Vermittlung von anwendungsorientierten Forschungen.

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