Zeit für Entschei­dungen

subject_09.1: Corona-Krise | Wie weiter? Die Corona-Krise hat die ganze Welt im Griff. Forscherinnen und Forscher der Uni Innsbruck machen sich Gedanken, wie „danach“ aussehen kann. Wie bisher? Alles anders? Oder irgendetwas dazwischen?

pixabay.com

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Dieses subject ist anders als die bisherigen: Es ist das erste in einer zusammenhängenden Reihe – weitere Forscherinnen und Forscher kommen in zusätzlichen Teilen zu Wort, die wir in den kommenden Wochen veröffentlichen. Es entstand und entsteht außerdem weitgehend im Homeoffice – die Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Covid–19 machte neue Arbeitsweisen notwendig. Und es berührt viele der Themen, die wir bereits in früheren Ausgaben des subject beleuchtet haben, nur nun unter den Vorzeichen der Krise. Aber Krise, was ist das überhaupt? Der Altphilologe, Altrektor und ehemalige Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle hat sich dieser Frage im ersten Beitrag aus Sicht seines Faches genähert. Wir werfen in diesem Teil außerdem einen Blick auf nunmehr nochmal deutlichere Ungleichheiten, auf den Wert des Menschen und das Leben im Alter und Organisation in Zeiten von Corona.

Zur „Krise“: Optimismus aus ihrer Wurzel?

Der Begriff „Krise“ bezeichnet heute am ehesten eine „schwierige“, „gefährliche Lage“ und hat eine – etymologisch gesehen – wesentliche Bedeutungsnuance nahezu eingebüßt, nämlich die der „Entscheidung“ oder „Wendung“. Das wahrscheinlich über das Französische ins Deutsche gelangte Wort stammt vom griechischen Substantiv krísis, das die Lateiner übernahmen (Seneca z. B. bezeichnet einmal den Zahnausfall bei einem Knaben und bei sich als Greis als eandem, „dieselbe“, crisim) und das in der Medizin als Fachbegriff überlebt hat. Dort bezeichnet(e) man mit crisis die Phase einer Krankheit, in der sich die Wendung zur Gesundheit oder zum Tod ergibt. Man kann vermuten, dass die dort vorliegende negative Konnotation (denn eine solche Situation wird immer als heikel und gefährlich empfunden) zur generellen modernen Bedeutung mit beigetragen hat.

Karlheinz Töchterle schreibt über die Krise. (Foto: Andreas Friedle)

Das dem griechischen Substantiv zugrunde liegende Verbum krínein hat auch andere Wörter generiert, von denen wir im heutigen Deutsch noch einige gebrauchen, etwa „Kritik“, „kritisieren“, „Kriterium“ oder das schon etwas antiquierte „(be)kritteln“.

Krínein hat eine große Bedeutungsfülle, die mit der Übersetzung „(ent)scheiden“ vielleicht am adäquatesten erfasst wird. Das kann dann aus- oder absondern bedeuten, auch auswählen oder aussuchen, aber auch bestimmen, schlichten oder streiten und vor allem (be)urteilen. Krités ist ein Schieds- oder Preisrichter, das Richtmaß kritérion. – Lässt sich aus dieser kleinen Wortgeschichte irgendein Aspekt zur Betrachtung der gegenwärtigen Krise ableiten? Zusammen mit einem Blick auf pandemische, aber auch generell politische oder gesellschaftliche Krisen in der Menschheitsgeschichte zeigt sie, dass Krisen in der Tat nahezu immer auch Wenden bedeuteten, ob zum Besseren oder zum Schlechteren, hängt natürlich sowohl für die jeweils Betroffenen als auch für unbeteiligte Beobachter häufig von deren gesellschaftlicher Lage und ihrem ideologischen Standpunkt ab.

Zur wohl berühmtesten Pandemie der Antike hat deren Historiker und Zeitzeuge Thukydides durch seine dramatisch großartige Schilderung die sogenannte „Pest von Athen“ von 430 v. Chr. gemacht. Sie hat in zahlreichen späteren geschichtlichen, aber auch poetischen Darstellungen solcher Ereignisse weitergewirkt, und wenn man dieses Frühjahr Bilder aus Norditalien sehen musste, dann wurde man auf schreckliche Weise an manche Formulierungen des antiken Autors erinnert. Eine große Wende hat sie allerdings nicht bewirkt, Athen verlor damals zwar seinen großen Staatsmann Perikles, seine letztliche Niederlage im Krieg gegen Sparta hatte aber andere Ursachen.

Ganz anders steht es da etwa mit den politischen Krisen, denen die antiken Stadtstaaten ausgesetzt waren. Sie führten fast ausnahmslos zur Umwandlung in stärker autoritäre und monokratische Strukturen. Athen verlor seinen autonomen und demokratischen Status bekanntlich mit der Annexion Philipps von Makedonien, nach dessen Sohn Alexander das von diesem geschaffene Riesenreich in einzelne Königreiche zerfiel. Die einzelne Polis verlor damit zwar an Autonomie, behielt aber doch einen Gutteil ihrer Selbstverwaltung, und kriegerische Konflikte mit lästigen Nachbarstädten wurden forthin obsolet.

Die Krise der römischen Republik, die, wenn auch in beträchtliche Fläche gewachsen, ebenfalls wie eine Polis verfasst war, beendete nach einem fast hundertjährigen blutigen Bürgerkrieg schließlich der Prinzipat des Augustus. Wenn damit auch die politische Mitwirkung breiterer Schichten (allerdings fast nur des Geburts- und Geldadels) stark reduziert wurde, brachte er doch eine lange Zeit des Friedens und der Wohlfahrt im Innern.

Auch heute wird neben der allgemeinen Hoffnung, aus der gegenwärtigen Bedrängnis und Einschränkung herauszukommen, nicht selten auch eine speziellere auf eine damit einhergehende Wende geäußert. Der auferzwungene Verzicht auf eine Fülle von scheinbar selbstverständlichen Gewohnheiten, Annehmlichkeiten und Vergnügungen könne, so meinen nicht wenige, unseren Blick für das wirklich Wichtige und Wesentliche schärfen. Die etwas in den Hintergrund getretene Debatte um den Klimawandel erhält in dieser Krise als neue Facette den Appell, für das anzustrebende Erstarken der Wirtschaft ökologische Weichen zu stellen. Mindestens genauso wichtig wären andere Appelle, etwa an die an der Waffenproduktion profitierenden Staaten (man kennt sie), ihr Geschäftsmodell, mit dem sie unendliches und täglich aktuelles Leid über Millionen von Menschen bringen, zu überdenken.

Leider bleibt nicht nur da Skepsis (von griechisch sképtesthai, „mal schauen“).

Karlheinz Töchterle

Karlheinz Töchterle schreibt über die Krise. (Foto: Andreas Friedle)

Karlheinz Töchterle schreibt über die Krise. (Foto: Andreas Friedle)

Karlheinz Töchterle schreibt über die Krise. (Foto: Andreas Friedle)

Utopie des Lockdown

Krise und Stillstand fördern soziale Ungleichheit.

Foto: pexels/Patrick Robert Doyle

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„Im Alltag erlebe ich fast eine Zeitreise in meine eigene Kindheit der 1980er Jahre: Familien sitzen drei Mal täglich am Esstisch und machen Gesellschaftsspiele. Menschen verbringen ihre Zeit im Garten und sprechen dort mit den Nachbarn über den Zaun hinweg. Die Kinder kreuzen mit den Fahrrädern und Rollern durchs autoleere blühende Viertel, das ungewohnt ruhig in der Frühlingssonne liegt. Die Gesellschaft rückt spürbar zusammen“, beschreibt Silke Meyer, Professorin für Europäische Ethnologie, die, wie sie es bezeichnet, „Utopie des Lockdown“. Silke Meyer hält es aber für falsch, angesichts der Corona-Epidemie ein Bild der sogenannten guten alten Zeit zu zeichnen. „Dass diese Zeit eben nicht gut ist, sehen wir daran, wie Krise und Stillstand die Gesellschaft weiter spalten, und das trotz Nachbarschaftshilfe und erstarktem Regionalbewusstsein. Im Vordergrund steht für mich die Verstärkung von sozialer Ungleichheit und nicht die Entschleunigung“, betont Meyer.

Soziale Unterschiede offenbart

Das Coronavirus kennt keine sozialen Klassen. Bei der Häufigkeit und Schwere der Erkrankungen und auch beim Umgang mit Einschränkungen zeigen sich aber sehr wohl klassenbezogene Unterschiede. „Die Zahlen der Corona-Erkrankten können dazu beitragen, strukturellen Rassismus aufzudecken“, sagt Silke Meyer und verweist auf eine Reportage der BBC, laut der schwarze Gemeinden in Chicago, New Orleans, Las Vegas und in den Staaten Maryland und South Carolina überproportional von Covid-19 betroffen sind. „Viele Bewohnerinnen und Bewohner dieser Gemeinden leiden unter Vorerkrankungen und Stress und verrichten harte Arbeit, was ihr Immunsystem schwächt. Gleichzeitig ist die Gesundheitsvorsorge oft mangelhaft, und weil sie nicht krankenversichert sind, suchen sie nicht rechtzeitig medizinische Hilfe auf“, beschreibt Meyer die Situation in den USA. Doch um soziale Ungleichheit festzustellen, muss man den Blick nicht außer Landes richten. „Kollegen aus Wien haben kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der sie auf die Möglichkeit einer steigenden Einkommensungleichheit aufgrund des Lockdown hinweisen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Home-Office oft nur in höheren Einkommensschichten sinnvoll möglich ist“, sagt die Ethnologin.

Soziale Unterschiede machen sich auch beim Home-Schooling bemerkbar. „Wer zur Bildungselite gehört, kann seinem Kind bei Fragen zum Gravitationsfeld der Erde und zu Barockgedichten besser helfen als diejenigen, die einen Mittelschulabschluss haben“, weist Silke Meyer auf eine weitere Problematik hin. Besonders in Haushalten, in denen es mehrere Kinder und nur ein Endgerät und vielleicht nicht genügend Rückzugsraum zum Lernen gibt, ist der Online-Unterricht eine große Herausforderung. Auch die zahlreichen Beschäftigungstipps für Kinder sind abhängig vom finanziellen, zeitlichen und kulturellen Kapital der Eltern. Es klingt so leicht: Basteln und Indoor-Schnitzeljagden veranstalten kann doch jede und jeder. Aber wenn man sich um die Miete, den Job und den Einkauf sorgt, geht die Energie für diese Formen der Beschäftigung schnell zu Ende.

„All das hat mit der Corona-Krise noch nicht direkt zu tun, soziale Ungleichheit im Gesundheits- und Bildungsbereich gab es auch schon vor Corona. Aber das Virus verschärft soziale Ungleichheit und ihre Folgen und darüber müssen wir jetzt sprechen.“
Silke Meyer

Die Krise als Wendepunkt

In ihrer Rolle als Erzählforscherin stellt Silke Meyer sich auch die Frage, in welchen Formen die Corona-Krise künftig erzählt werden wird: Als Erfolgsgeschichte der Wissenschaften? Oder als Geschichte vom Scheitern der Globalisierung, aus der Nationalstaaten erstarkt hervorgehen? Die Krise als Wendepunkt, nach dem die Menschheit die Globalisierung und mit ihr Wachstum und Konkurrenz als gefährlich deutet und sich stattdessen auf Augenmaß, Regionalität und Solidarität besinnt? Oder als Wendepunkt, mit dem die Menschen verstehen, dass heutige Krisen nur global lösbar sind und zwar mit dem Aufbau globaler Strukturen? Wird die Moral von der Geschichte „Austria/America or any other state first“ sein? Oder kann z.B. die EU erfolgreich aus der Krise hervorgehen? Werden Ähnlichkeiten zu anderen Krisenerzählungen zu erkennen sein, z.B. über die Nachkriegszeit, wo Solidarität und Kooperation als Maxime des Handelns beschworen werden?

„Westliche Industrienationen machen in der gegenwärtigen Krise die Erfahrung der Verwundbarkeit. Und zwar nicht nur die ohnehin schon immer gefährdeten prekären Existenzen beispielsweise von Obdachlosen, Geringverdienenden oder Alleinerziehenden. Wir alle sind zurzeit so schutzbedürftig wie schon lange nicht mehr“, sagt Silke Meyer. „Da ist es auch nicht erstaunlich, dass plötzlich fast alles geht, was bisher in der globalisierten Welt unmöglich schien. Wer hätte vor Corona gedacht, dass nationale Grenzen geschlossen werden, Produktion, Handel und Tourismus aussetzen und die Austeritätspolitik so radikal aufgehoben wird?“, so die Ethnologin.

Silke Meyer ist Professorin für Europäische Ethnologie. (Foto: Axel Springer)

Silke Meyer ist Professorin für Europäische Ethnologie. (Foto: Axel Springer)

Das Virus verschärft die soziale Ungleichheit. (Foto: pexels/anna shvets)

Das Virus verschärft die soziale Ungleichheit. (Foto: pexels/anna shvets)

Wir und die anderen

Der Philosoph Andreas Oberprantacher forscht seit Jahren zum und über den Umgang unserer Gesellschaften mit jenen, die an ihren „Rändern“ leben. Die Corona-Krise spitzt prekäre Positionen nochmals zu.

Foto: Pixabay/Free-Photos

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Ausnahmezustand, Relativierung der Grund- und Menschenrechte, insbesondere Einschränkung der Bewegungsfreiheit, biometrische Kontrolle, Datentracking, „Residenzpflicht“, Quarantäne: Die Maßnahmen gegen das aktuelle Corona-Virus waren und sind massiv. Für europäische Mehrheitsbevölkerungen sind diese Einschnitte in persönliche Rechte weitgehend ungewohnt und neu – für marginalisierte und diskriminierte Gruppen aber keineswegs, ruft der Philosoph assoz. Prof. Andreas Oberprantacher in Erinnerung: „Wer sich mit der jüngeren Geschichte von Flucht und Migration befasst, wird erkennen können, dass viele der Maßnahmen, die im Zuge der Corona-Krise von den diversen Regierungen gewählt wurden, die letzten drei Jahrzehnte bereits auf Menschen ‚getestet‘, also angewandt wurden, die verdächtigt worden sind, ‚illegal‘ nach Europa, in die USA, nach Australien etc. gereist zu sein. Die gegenwärtigen Maßnahmen wurden also teilweise schon zuvor auf marginalisierte und diskriminierte Gruppen angewandt und sind nun – befristet – auf die Gesamtbevölkerung übertragen worden.“ Die Corona-Krise verschärft auch soziale Ungleichheit: „Die mantramäßigen Botschaften – „Schau auf dich, schau auf mich“, „So schützen wir uns“, die Rede von einem „neuen Zusammenhalt“ – können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Schutz und der Zusammenhalt, die so gerne beschworen werden, nicht für alle gelten und ambivalent sind. Sie dienen unter anderem dazu, eine Menge von Maßnahmen zu legitimieren, die mit unserem häufig idealisierten Verständnis von Demokratie inkompatibel sind. Abgesehen davon zeigt sich auch, dass die Bereitschaft, sich für Menschen zu engagieren, die als ‚fremd‘ bzw. als nicht-zugehörig erachtet werden, die unter miserabelsten Bedingungen festgehalten werden – das Moria-Lager auf Lesbos ist nur das bekannteste Beispiel für katastrophale Lebensbedingungen, die von der EU toleriert werden –, die kaum oder gar keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung haben, die also besonders gefährdet sind, begrenzt ist. Die Corona-Krise wird soziale Benachteiligung weiter forcieren.“

Der Philosoph Andreas Oberprantacher.

Wer ist „Bevölkerung“?

Problematisch sieht der Philosoph auch eine Neudefinition von „Bevölkerung“, die in diesem Zusammenhang im Gange ist: „Die Corona-Krise verstärkt die Tendenz, dass sich die Epidemiologie – in Allianz mit der Bioinformatik und -statistik – als Sozialwissenschaft etabliert und unser Verständnis von ‚Bevölkerung‘ auf politisch problematische Weise redefinieren wird. Die ‚Bekämpfung‘ von Lepra, Pest und Polio hatte ebenfalls vielfältige und weitreichende Konsequenzen. Da unsere politischen Institutionen auf einem rechtsphilosophischen Begriff der Einzelperson sowie des Staatsvolkes als Individual- bzw. Kollektivsubjekt von Rechten basieren und sich auch so legitimieren, stellt sich die Frage, was geschieht, wenn dieses rechtsphilosophische Verständnis sozialer Verhältnisse tendenziell von einem epidemiologischen Begriff der ‚infektionsgefährdeten‘ bzw. ‚infizierten‘ Bevölkerung ergänzt oder stellenweise gar ersetzt wird.“ Auch hier bestehe für Andreas Oberprantacher die Gefahr einer neuen Form der Ungleichheit und der Differenzierung, eben nun nach „Gesundheitsstatus“: „Es besteht etwa die Gefahr, dass die politischen Institutionen sowie die Diskurse zum Beispiel über Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit, die mit diesen Institutionen historisch verknüpft sind, durch die Corona-Krise bio-politisch verformt, vielleicht auch verdrängt werden und dass sich in weiterer Folge neue Formen der sozialen Ungleichheit und Differenzierung entwickeln. Zu fragen wäre also, wie sich Epidemologie und die Geschichte politischer Institutionen zueinander verhalten, ob und inwiefern sie denn demokratisch kompatibel sind.“

Ein neuer Zusammenhalt?

In diesen negativen Entwicklungen liegt für den Philosophen unter Umständen die Chance für eine positive Änderung: „Wenn es überhaupt so etwas wie eine ‚positive Auswirkung‘ der gegenwärtigen Corona-Krise gibt, dann könnte sie vielleicht am ehesten darin bestehen, zu lernen, so etwas wie eine globale Sensibilität für Situationen der Gefährdung und Verunsicherung zu kultivieren und zu pflegen. Die gegenwärtige Corona-Krise mag überraschend gekommen sein und in vielerlei Hinsicht auch ohne Präzedenz sein, doch die Erfahrungen, die momentan gemacht werden, und die Maßnahmen, welche getroffen wurden, sind es sicherlich nicht – sie gehören zur ‚Normalität‘ für alle jene Menschen, die ihre Grundbedürfnisse nicht oder nur mangelhaft befriedigen können, von Krieg betroffen sind, vertrieben wurden etc. Zu einer solchen Sensibilität gehört jedenfalls auch, bestehende politische Institutionen weiterzuentwickeln und neue zu erfinden, um so die Bedingungen für einen Zusammenhalt zu schaffen, der nicht so exklusiv ist wie der gegenwärtige.“

Der Philosoph Andreas Oberprantacher.

Der Philosoph Andreas Oberprantacher.

Was zählt der Mensch?

Was zählt ein Menschenleben in den täglich präsentierten Statistiken? Wolfgang Palaver beschäftigt sich als Theologe und Professor am Institut für Systematische Theologie vor allem mit den Fragen, was die Menschen, die Menschheit und Theologie zur Bewältigung der Krise beitragen können.

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Für einen theologischen Sozialethiker wie Wolfgang Palaver drängt sich vor allem die Frage nach der Solidarität auf. Die Corona-Krise erfordert eine solidarische Antwort sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Über den weltweiten Tod vieler Menschen hinaus besteht die langfristige Gefahr dieser Krise darin, dass Menschen und Nationen nur auf sich selbst schauen und so einen gefährlichen, ja mitunter sogar tödlichen Konkurrenzkampf verschärfen.

Auf internationaler Ebene wurde dies beispielsweise im Wettstreit der Staaten um Schutzmasken oder den alleinigen Zugriff auf den bald zu erhoffenden Impfstoff sichtbar. Im solidarischen Miteinander lässt sich aber eine die ganze Menschheit betreffende Bedrohung viel wirksamer bekämpfen.
Wolfgang Palaver

Papst Franziskus hat am Ostersonntag in einem Brief an die Mitglieder von Volksbewegungen (movimientos populares) von der Notwendigkeit eines „universalen Grundeinkommens“ gesprochen. Es braucht eine starke Solidarität zwischen den reichen Staaten im Norden und dem globalen Süden. Auch innerstaatlich müssen die Lasten solidarisch getragen werden. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, fordert beispielsweise einen größeren finanziellen Beitrag der Besserverdienenden zur Bewältigung der Corona-Krise.

Sterblichkeit auf der Waagschale

Mich interessieren schon seit vielen Jahren die sozialen und politischen Dimensionen der menschlichen Sterblichkeit. Die gegenwärtige Corona-Krise drängt uns eine Auseinandersetzung mit dem Tod auf.
Wolfgang Palaver

Zu den positiven Auswirkungen zählt, dass die Begrenztheit des menschlichen Lebens wieder stärker in den Blick kommt und dass bei der großen Mehrheit der Menschen die Meinung gestärkt wurde, dass ein Menschenleben nicht einfach gegen andere Werte verrechnet werden kann. Das größte Glück der größten Zahl legitimiert auch nicht die Preisgabe eines einzigen Menschenlebens. Zu den negativen Auswirkungen gehören die lauter werdenden Stimmen, die Menschenleben mit Verlusten in der Wirtschaft zu verrechnen beginnen. Im Hintergrund dieser Frage steht eine mit der Sterblichkeit verbundenes Problem. Wo ein egoistisches Überleben um jeden Preis Menschen motiviert, ist schon die Wurzel für Gewalt und Krieg gelegt. Der „Überlebende“, wie ihn Elias Canetti verstanden hat, muss andere in den Tod schicken, um sich selbst möglichst lange am Leben zu erhalten. Unser berechtigter Kampf gegen den Tod muss daher immer mit der Nächstenliebe einhergehen und daher den Tod des anderen ins Zentrum unserer Sorge stellen.

Das endliche Leben

Pandemien neigen – wie Geschichte und Gegenwart zeigen – zur Jagd auf Sündenböcke. Aktuell am gefährlichsten ist die Jagd auf Muslime, die von nationalistischen Hindus in Indien ausgeht. Umfangreiche Studien der Terror-Management-Theorie haben gezeigt, dass die Verdrängung unserer Sterblichkeit zu Feinddenken und Sündenbockjagden führt, wenn wir plötzlich mit dem Tod konfrontiert sind. Die gegenwärtige Krise kann uns einen offeneren Blick für die Begrenztheit des Lebens und unsere eigene Sterblichkeit lehren. Wo wir diese Grenzen des Lebens als Geschöpfe annehmen lernen, schaffen wir die Grundlagen für ein solidarisches Miteinander.

Credit: Wolfgang Palaver

Alter neu denken

Krise als Chance?

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Die Abhängigkeit im Alter sowie Pflege- und Betreuungsarbeit waren schon immer – auch schon vor der Corona-Krise – geprägt von Widersprüchen. Die derzeitige Situation bringt diese nur verstärkt zutage, wie der Soziologe Bernhard Weicht erklärt: „Als um das Jahr 2005 in Österreich die Diskussion um die 24-Stunden-Betreuung aufpoppte, habe ich mit meinen Diskursanalysen begonnen.“ Kernthema von Bernhard Weicht ist die Abhängigkeit im Alter, ein Thema, das in der derzeitigen Krise aktueller ist denn je.

Illusion bleibt aufrecht

Vor allem das in Österreich beliebte Modell der 24-Stunden-Betreuung geriet durch die mit der Pandemie verbundenen Reisebeschränkungen ins Wanken. Waren es früher im Bereich der informellen Pflege vor allem weibliche Familienmitglieder, die die Alten-Betreuung unentgeltlich übernommen haben, so ermöglicht die seit 2007 im Hausbetreuungsgesetz verankerte 24-Stunden-Betreuung den Traum vom Altern in vertrauter Umgebung.

„Die 24-Stunden-Betreuung, die vorwiegend durch Pflegekräfte aus dem Ausland getragen wird, wurde geschaffen beziehungsweise gesetzlich legalisiert, ohne das Pflegesystem grundsätzlich zu ändern“, kritisiert Weicht. „Diese Form der Betreuung war immer schon  geprägt von Widersprüchen und Unzulänglichkeiten. Es handelt sich hier um eine krude Mischung aus Markt, Staat und Familie, in dem der Staat einen transnationalen Markt ermöglicht, der dadurch die Imagination der Familiennähe hilft, die allgemeine Gültigkeit des Familienmodells in der Pflege weiter aufrecht zu erhalten. Anstatt die Frage von Pflege und Betreuung als gesamtgesellschaftliches Problem zu verstehen, wurde die Illusion der Familienpflege nicht in Frage gestellt, sondern über marktförmig organisierte Ersatzpersonen verlängert“, erklärt der Soziologe.

Widersprüche werden sichtbar

In der derzeitigen Situation zeigen sich laut Weicht die daraus resultierenden Widersprüche umso deutlicher: Großfamilien leben in den meisten Fällen nicht mehr im gleichen Haushalt. Frauen stehen nicht ständig zur Verfügung, um alle Betreuungs- und Pflegeaufgaben im gesamten Familienverband zu erledigen. Die klassische Familienpflege, die meist von Frauen geleistet wird, wurde substituiert durch Betreuungskräfte aus den osteuropäischen Nachbarländern, die ihre Rolle des anwesend-Seins übernehmen sollen. „Dieses Modell fußt auf zwei grundsätzlichen Voraussetzungen: transnationale Mobilität und globale Ungleichheit. Beim Fehlen einer dieser Voraussetzungen fällt das gesamte Modell um“, verdeutlicht Weicht. Alle weiteren derzeit auftauchenden Probleme sind laut dem Soziologen dann nur sich aus diesen Widersprüchen ergebende, abgeleitete Herausforderungen. Durch das Modell der Selbständigkeit der Pflegekräfte wurden beispielsweise Transportfragen auch bisher kaum beachtet; daneben ergeben sich aus diesem Modell Probleme in Bezug auf die Nichtbezahlung in der teilweise vorgeschriebenen 14-tägigen Quarantäne-Zeit. Und auch das von Rumänien im Rahmen der Pandemie verhängte Ausreiseverbot für Pflegekräfte bringe das ständige Problem des „Care Drains“ beziehungsweise den Pflegekräftemangel in den Herkunftsländern ans Tageslicht.

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„Die reale Ermöglichung, dass Gesellschaft ausschließlich für die Gesunden, Jungen und Fitten existiert, die mit ihrer Arbeit und ihrem Einsatz die Anderen schützen, stellt für mich eine reale Bedrohung der gesellschaftlichen Kohäsion dar.“
Bernhard Weicht

Ein weiterer Bereich, in dem sich laut dem Soziologen derzeit ein bereits vor der Krise existierender sozialer Gegensatz verschärft, ist die Frage der diskursiven Konstitution von Alter und Krankheit. In vielen Stellungnahmen politischer oder medialer Natur wird derzeit über die Risikogruppe gesprochen. Die Alten, die Kranken, die Schwächsten, die Nicht-Fitten sind Personen, die von uns und durch unser Verhalten geschützt werden müssen. „Diese dichotome Gegenstellung reproduziert ein die Gesellschaft prägendes Bild der Abgrenzung. Auf der einen Seite stehen die Fitten, die Jungen, die Aktiven und die Unabhängigen als Idealbild, das es zu erfüllen gilt. Die andere Seite in diesem diskursiven Bild wird eben von den Alten, den Pflegebedürftigen, den Kranken beziehungsweise den Von-Anderen-Abhängigen gebildet“, erläutert Weicht. Durch diese Darstellung des Wir-für-sie-Sorgens werde diese problematische Gegenstellung reproduziert und intensiviert, so der Soziologe.

Hier sieht er die Gefahr konkreter Auswirkungen, wenn es um die Planung der nächsten politischen und gesellschaftlichen Schritte geht. „Der öffentliche Diskurs wird stark durch das Wir geprägt, also wir, die Fitten, Jungen schützen sie, die Risikopersonen. Eine Verstärkung des Diskurses und der realen Ermöglichung, dass Gesellschaft eben ausschließlich für die Gesunden, Jungen und Fitten existiert, die mit ihrer Arbeit und ihrem Einsatz die Anderen schützen, stellt für mich eine reale Bedrohung der gesellschaftlichen Kohäsion dar“, so Weicht.

Kurswechsel notwendig

Eine neue Diskussion der Probleme in Betreuungs- und Pflegearbeit könnten eine Chance bieten, allerdings können neue Wege nur auf der Basis eines radikalen Kurs- und Diskurswechsels gefunden werden, ist der Wissenschaftler überzeugt. „Wir sind unser ganzes Leben lang von anderen abhängig. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wir müssen beginnen, viel mehr darüber zu sprechen, dass Altern und Abhängigkeiten Teil unseres Lebens sind, sonst wird es keine positiven Lösungen geben.“ Dieses Umdenken muss auch die Arbeitswelt miteinschließen, sodass neben dem Arbeitsleben auch Betreuungsaufgaben zu Hause Platz haben, meint der Soziologe. „Während einem in der Berufswelt die Betreuung kleiner Kinder noch irgendwie zugestanden wird, ist die Pflegekarenz eher tabuisiert und wird kaum in Anspruch genommen.“  Auch das Schaffen neuer Wohnformen ist ein wichtiger Schritt. Wohngemeinschaften, generationen­übergreifendes Wohnen, aber auch ganz neue Wohnarten sind denkbar. Einmal mehr betont Weicht, dass die für solche Ideen erforderlichen, organisatorischen Entscheidungen ein anderes Begreifen von Altern voraussetzen. „Das ist ebenso eine politische wie auch gesellschaftliche Thematik.“

Bernhard Weicht, geboren 1981 in Wien, studierte (Sozial-)Wirtschaft in Wien sowie Sozialpolitik an der University of Nottingham, wo er 2010 promovierte. Als Marie Curie Fellow forschte er an der Universität Utrecht, anschließend war er Dozent am Leiden University College. Seit 2015 arbeitet er am Institut für Soziologie der Universität Innsbruck. Der Themenkreis, Alter, Altern und Pflege ist Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit. (Foto: Weicht)

Portät Bernhard Weicht

Bernhard Weicht, geboren 1981 in Wien, studierte (Sozial-)Wirtschaft in Wien sowie Sozialpolitik an der University of Nottingham, wo er 2010 promovierte. Als Marie Curie Fellow forschte er an der Universität Utrecht, anschließend war er Dozent am Leiden University College. Seit 2015 arbeitet er am Institut für Soziologie der Universität Innsbruck. Der Themenkreis, Alter, Altern und Pflege ist Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit. (Foto: Weicht)

Bernhard Weicht, geboren 1981 in Wien, studierte (Sozial-)Wirtschaft in Wien sowie Sozialpolitik an der University of Nottingham, wo er 2010 promovierte. Als Marie Curie Fellow forschte er an der Universität Utrecht, anschließend war er Dozent am Leiden University College. Seit 2015 arbeitet er am Institut für Soziologie der Universität Innsbruck. Der Themenkreis, Alter, Altern und Pflege ist Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit. (Foto: Weicht)

Zwei Seiten der Medaille

Bürokratie in Krisenzeiten

Foto: Unsplash.com

Foto: Unsplash.com

Der Begriff „Bürokratie“ ist in unserem Sprachgebrauch meist negativ konnotiert. Viele Amtswege oder vorgegebene Abläufe seien „überbürokratisiert“ und eher ein Hemmnis als ein Vorteil. Aber ist das wirklich so? Und sind klare, strukturierte Abläufe gerade in öffentlichen Institutionen nicht sehr wichtig im Hinblick auf Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen oder Zuständigkeiten zum Beispiel? Und wo zeigen sich Stärken und Schwächen dieses Systems in einer nie dagewesenen Krisensituation, wenn die Rolle des Staates so stark in der Vordergrund rückt? Prof. Leonhard Dobusch vom Institut für Organisation und Lernen hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt. Der Organisationsforscher im Interview:

Prof. Leonhard Dobusch (Foto: Ingo Pertramer, CC BY 4.0)

Prof. Leonhard Dobusch (Foto: Ingo Pertramer, CC BY 4.0)

Bürokratie ist zwar ein häufig verwendeter, aber im Detail eher schwer greifbarer Begriff. Wie definieren Sie Bürokratie aus Ihrer wissenschaftlichen Perspektive im Hinblick auf demokratische Gesellschaften?

Als Organisationsforscher denke ich beim Begriff der Bürokratie zuerst an den Soziologen Max Weber. Für ihn ist Bürokratie die zentrale Organisationsform der Moderne. Idealtypisch basiert Bürokratie auf klaren und expliziten Regeln, maßgeblich für Karriere sind Qualifikation und Leistung. Weber zufolge ähnelt eine bürokratische Organisation einer gut geölten Maschine: Sie ist anderen Organisationen überlegen hinsichtlich Präzision, Stabilität und Verlässlichkeit.
Diese Eigenschaften sind auch der Grund, warum gerade im öffentlichen Sektor bürokratische Organisationsformen dominieren: in einem demokratischen Rechtsstaat dürfen staatliche Organe nur auf Basis von demokratisch legitimierten Gesetzen – formalisierten Regeln – handeln und müssen alle Bürgerinnen und Bürger gleich behandeln – braucht es also Stabilität und Verlässlichkeit.
Genau diese bürokratischen Tugenden können aber auch zum Problem werden, wenn Flexibilität und Innovationskraft gefordert sind: in solchen Situationen wird aus Stabilität Trägheit und aus Verlässlichkeit Umständlichkeit. Das erklärt auch den bisweilen schlechten Ruf den Wörter wie „Bürokratie“ oder „bürokratisch“ in unserem alltäglichen Sprachgebrauch in der Regel haben.

Welche Herausforderungen stechen in Krisenzeiten besonders hervor?

In Krisenzeiten werden diese beiden Seiten der bürokratischen Medaille noch stärker sichtbar. Einerseits müssen systemrelevante Einrichtungen und Dienstleistungen der Daseinsvorsorge – ua. Gesundheits-, Energie- und Lebensmittelversorgung – gerade auch in Krisenzeiten weiterhin funktionieren. Bisweilen lernen wir in solchen Situationen „bürokratische“ Vorschriften wie Notfallpläne und Ausfallssicherungssysteme so richtig zu schätzen.
Andererseits gehen Krisenzeiten häufig auch mit neuen Herausforderungen einher, stellen sich Notfallpläne als unzureichend heraus und bedarf es der Improvisation. Das setzt bürokratische Strukturen unter Stress. Allerdings profitieren Bürokratien auch in so einer Situation von den für sie typischen, klaren Hierarchien, die im Krisenfall rasche Entscheidungen ermöglichen – auch wenn das bedeutet, lange etablierte Regeln und Prozesse zumindest temporär außer Kraft zu setzen.
Gleichzeitig wohnt raschen, hierarchischen Entscheidungen jenseits etablierter Regeln aber auch ein tendenziell autoritäres Moment inne. Der Preis größerer Flexibilität ist also ein Verlust an demokratischer Rückbindung und Legitimation. Deshalb ist es so wichtig, auch für so einen „Ausnahmezustand“ klare Regeln vorzusehen und ihn zeitlich und inhaltlich klar zu begrenzen.

Können mit dem jetzigen Wissenstand bereits Rückschlüsse auf das Funktionieren oder Scheitern bürokratischer Prozesse angesichts der Corona-Pandemie gezogen werden?

Für eine abschließende Beurteilung von bürokratischem Handeln in Zeiten der Corona-Pandemie ist es definitiv noch zu früh. Allerdings legen Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern einige Schlüsse zumindest nahe. Das wäre zunächst die rasche und konsequente Reaktion auf die Bedrohung durch das Virus in Ländern wie Südkorea und Taiwan. In beiden Fällen haben wir es mit Ländern zu tun, die bereits in der jüngeren Vergangenheit Erfahrung mit neuartigen Viren wie SARS oder MERS gemacht hatten. Die Reaktion darauf war in beiden Ländern die Einrichtung bzw. bessere Ausstattung von Behörden, deren Hauptaufgabe die Vorbereitung und rasche Reaktion auf die Bedrohung durch neue Krankheitserreger ist.

Organisationen im Allgemeinen und Bürokratien im Besonderen mobilisieren in der Krise Effizienzreserven, die davor oft als vermeintliche Einsparungs- oder Rationalisierungspotentiale angesehen wurden.
Leonhard Dobusch

Wenn solche Institutionen erst im Zuge der Krise geschaffen werden müssen, geht wertvolle Zeit verloren.
Beobachten lässt sich das derzeit in den USA, wo das für Seuchenbekämpfung zuständige Center for Disease Control and Prevention (CDC) mit Personalabbau und wiederholten Versuchen drastischer Kürzungsmaßnahmen konfrontiert war. Auch jenseits der USA kämpfen Länder wie Italien oder Spanien damit, dass in den letzten zehn Jahren Krankenhaus- und Intensivbettkapazitäten unter Verweis auf Einsparungspotentiale abgebaut worden waren. Aus organisationstheoretischer Sicht zeigen diese Beispiele, dass sich übertriebene Effizienzorientierung im Krisenfall als kurzsichtig herausstellen kann: Organisationen im Allgemeinen und Bürokratien im Besonderen mobilisieren in der Krise Effizienzreserven, die davor oft als vermeintliche Einsparungs- oder Rationalisierungspotentiale angesehen wurden. Insofern ist es zu begrüßen, dass beispielsweise von Seiten des österreichischen Rechnungshofs angekündigt wurde, Prüf- und Empfehlungspraktiken auf Grund von Erfahrungen aus der Coronavirus-Krise neu zu bewerten.


Gemeinsam mit sieben Forscherinnen und Forschern von österreichischen und deutschen Universitäten hat Prof. Leonhard Dobusch vom Institut für Organisation und Lernen der Uni Innsbruck auf Basis klassischer und neuer Organisationstheorien und aktueller Forschung aus den Bereichen Krisenmanagement und Krisenbewältigung innerhalb weniger Wochen den in dieser Form bisher einzigartigen Kurs „Organizing in the Times of Crisis: The Case of Covid-19“ ins Leben gerufen. Darüber erzählt Dobusch in folgendem Interview mehr:

Das Themenspektrum reicht von Entscheidungsprozessen, Krisenkommunikation und Entrepreneurship über staatliche Bürokratie, Fragen der Führung in der Krise bis hin zu Open Science und Open Data. Das Besondere: Alle Kursmaterialien sind offen lizenziert für alle frei im Netz verfügbar. Vorlesungsvideos, Foliensätze, Aufgabenstellungen und ein Standard-Syllabus finden sich unter timesofcrisis.org.

© News-Redaktion der Universität Innsbruck 2020

Mit Beiträgen von: Melanie Bartos, Stefan Hohenwarter, Lisa Marchl, Daniela Pümpel, Susanne Röck, Karlheinz Töchterle

Fotocredit, wenn nicht anders angegeben: Universität Innsbruck