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Die Landschafts­macher

Kulturlandschaft ist ein menschliches Konstrukt. Agrarsoziologin Rike Stotten hat mit jenen gesprochen, die sie maßgeblich mitgestalten: den Landwirten. Die Bedeutung der alpinen Landwirtschaft für die Nahrungsmittelversorgung nimmt ab. Dennoch sind es immer noch Bäuerinnen und Bauern, die unsere Landschaft maßgeblich formen.

Wirkt ein Asthaufen auf der grünen Wiese unaufgeräumt, gehört er einfach dazu oder ist er gar ein erfreulicher Anblick? Was schön ist, liegt sprichwörtlich im Auge des Betrachters. Und dieses wird von tradierten Werten, aber auch von aktuellen gesellschaftlichen Diskursen gelenkt, wie Dr. Rike Stotten vom Institut für Soziologie im Rahmen ihrer Untersuchungen zeigt. Für ihr 2015 publiziertes Dissertationsprojekt arbeitete sie sehr eng mit Bauern in drei Schweizer Gemeinden zusammen, um zu erfragen, welche Landschaft für wen schön ist und warum. Denn: Die Landwirtschaft ist nach wie vor ein landschaftsprägendes Element. Verändert sich die Landwirtschaft, so verändert sich auch die Landschaft. „In der Schweiz ist die Pflege der Kulturlandschaft eine gesetzlich verankerte Aufgabe der Landwirtschaft. Das heißt, Bauern stellen öffentliches Gut bereit, das für die Bevölkerung und den Tourismus wichtig ist“, erklärt Rike Stotten die Ausgangsüberlegung ihrer Untersuchungen. „Die Frage, wie man lernt, was landschaftlich schön ist, ist deshalb eine grundlegende, wenn man bedenkt, welche starke Position Bauern haben.“ Gerade in der landwirtschaftlichen Praxis wird laut  Stotten noch viel von Familienmitgliedern gelernt und weitergegeben. „Eine sauber ausgemähte Wiese wird häufig als schön empfunden. Früher hatte das wirtschaftliche Hintergründe, weil für die Futtermittelproduktion auch der letzte kleine Rest Gras wichtig war. Heute ist es natürlich günstiger Futter zuzukaufen, dennoch prägt dieses Akkurate immer noch stark die Kulturlandschaft“, verdeutlicht die Wissenschaftlerin die Zusammenhänge zwischen Landwirtschaft und Kulturlandschaft an ein einem Beispiel aus ihrer Untersuchung.

Bild-Geschichten

Um grundlegenden Fragen der Landschaftssozialisation zu beantworten, hat Rike Stotten in den Schweizer Gemeinden Engelberg, Escholzmatt  und Wolfenschiessen umfassende Erhebungen mithilfe von explorativen Methoden der visuellen, qualitativen Sozialforschung durchgeführt. An jedem ihrer drei Untersuchungsstandorte herrschen unterschiedliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Ausgangssituationen vor, in allen gibt es Landwirtschaft: Während Engelberg touristisch geprägt ist, ist Escholzmatt Teil der UNESCO Biospäre Entlebuch, in Wolfenschiessen ist die traditionelle Landwirtschaft prägender Aspekt. An ihrer Studie nahmen 28 Probanden teil, die beauftragt wurden, mit einer Einwegkamera schöne und nicht schöne landschaftliche Elemente in ihrem Arbeitsumfeld zu fotografieren. Basierend auf den so entstandenen Aufnahmen hat Rike Stotten vor Ort Interviews und Gruppendiskussionen geführt, die sehr stark von den Fotos geleitet waren. „Die Methode ist zwar aufwändig, aber sehr gut angenommen worden, weil die Probanden so die Gelegenheit hatten, sich schon vor den Interviews mit dem Thema auseinander zu setzen“, erzählt Stotten. „Auf Basis dieser visuellen Grundlage, kamen Geschichten und Aspekte zum Vorschein, nach denen ich sonst nicht fragen hätte können.“ So fotografierte zum Beispiel ein Proband einen Baum, im Interview erzählte er dann, dass bereits sein Großvater diesen Baum gepflanzt habe, der seither von der Familie erhalten und gepflegt wird. „Das ist ein schönes Beispiel für einen familiären Bezugspunkt. Landschaft ist für Landwirte auch sehr stark mit moralischen Werten verknüpft“, so Stotten. Überlieferte Werte – so ein wichtiges Ergebnis von Stottens Untersuchungen – sind im Übrigen in Wolfenschiessen am stärksten präsent, wenn es um landschaftliche Schönheit geht. Dort fließen, im Gegensatz zu Engelberg und Escholzmatt nämlich keine spezifischen gesellschaftlichen Diskurse in die Landschaftswahrnehmung ein. So erklären sich auch die unterschiedlichen Ansichten über den eingangs erwähnten Asthaufen, die sich in den Gruppendiskussionen offenbarten. „Die Bauern in der Biosphären-Gemeinde Escholzmatt nehmen den Asthaufen eher positiv wahr, weil sie sich des ökologischen Wertes bewusst sind, der ihnen vermittelt wurde. In der touristisch geprägten Gemeinde Engelberg ist der Asthaufen einigen negativ aufgestoßen“, berichtet Stotten. Dafür sei man in der Tourismusgemeinde eher bereit, die touristische Verbauung zu akzeptieren, die anderenorts als weniger schön empfunden wird.

Selbstbestimmt oder fremdbestimmt

„Es macht also einen Unterschied, ob die Wahrnehmung selbstbestimmt ist oder durch gesellschaftliche, wirtschaftliche und agrarpolitische Diskurse fremdbestimmt wird“, fasst Rike Stotten zusammen. Hier sieht die Wissenschaftlerin einen wichtigen Punkt, der in der landwirtschaftlichen Ausbildung, aber auch in der Kommunikation mit Landwirtinnen und Landwirten, stärker berücksichtigt werden sollte, z.B. wenn es um die Umsetzung agrarpolitischer Reformen geht. In einigen Kantonen in der Schweiz sei die Kulturlandschaftspflege in den landwirtschaftlichen Schulen ein vernachlässigtes Thema, meint Stotten. „Hier steht immer noch im Vordergrund: Der Bauer soll Nahrungsmittel produzieren. Das hat natürlich großen Einfluss darauf, wie die Landschaft wahrgenommen und wie in ihr gehandelt wird“, ergänzt sie. Die Landschaftssozialisation könnte man laut Stotten noch viel aktiver nützen. „Man sollte gemeinsam ermitteln, welche Ziele sind da und wie kann man sie umsetzen“, hält sie fest. So werden vom Tourismus gerne  saftig grüne Wiesen als Werbeträger genutzt, die aber in der landwirtschaftlichen Realität nicht immer so aussehen.  Traditionell gedacht, ist eine für die bäuerliche Gesellschaft eine bewirtschaftete Wiese eine schöne, weil sie ein Symbol der geleisteten Arbeit ist. Solche Überlegungen sind sekundäre laut Stotten auch im Tourismusland Tirol wichtig. „Wichtig ist, dass die Landwirtinnen und Landwirte selbst begreifen, wie wichtig sie für die Landschaft sind“, sagt Stotten. „Dass Landwirte echte Statements in der Landschaft setzten können, hat sich letzten Sommer einer Siloballen-Aktion gezeigt, die auf Brustkrebs aufmerksam machte: Einige haben sich beteiligt und die Siloballen mit rosa Folie gewickelt.“ 

Zur Person

Rike Stotten, geboren 1984 in Herten im Ruhrgebiet, studierte Geographie und Soziologie in Aachen, anschließend war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und am Kompetenzzentrum für Stadt- und Regionalentwicklung der Hochschule Luzern tätig. 2014 promovierte sie an der Uni Innsbruck, wo sie aktuell am Institut für Soziologie in der Arbeitsgruppe „Ländliche Entwicklungen“ des Forschungszentrums Berglandwirtschaft arbeitet.

Dieser Artikel ist in der April-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).


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