Die Opferwidder - Prozession im Virgental (Osttirol)


Alljährlich am Tag vor dem Weißen Sonntag führen die Bewohner von Virgen und Prägraten (die zwei Gemeinden des Hinteren Iseltals = Virgentals, nordwestlich von Matrei in Osttirol) eine Prozession zur Wallfahrtskirche Maria Schnee in Obermauern (Gemeindegebiet von Virgen) durch, bei der sie ein mit Bändern und Blumen geschmücktes, ungeschorenes und weiß gewaschenes männliches Steinschaf mitführen: den sogenannten "Opferwidder".

Dieses Tier wird jeweils acht Jahre lang von den Fraktionen der Gemeinde Virgen und fünf Jahre lang von den Fraktionen der Gemeinde Prägraten gestellt. Die Fraktionen beauftragen einen Widderhalter, der ein Jahr lang die aufwendigen Pflegearbeiten an dem ausgesucht schönen Tier durchführt und dafür eine finanzielle Entschädigung erhält. Der Widder hat spezielle Weidevorrechte und kann sich in einem kühlen Futterhaus recht frei bewegen. Er wird das ganze Jahr hindurch nie geschoren (weshalb das Fließ seiner Wolle nach einem Jahr 30 - 50 Zentimeter lang geworden ist!), dafür aber häufig gewaschen ...

Das Waschen des Widders am Vortag zur Prozession Photo: © Bodner Reinhard 2000

Das Waschen des Widders am Vortag zur Prozession
Photo: © Bodner Reinhard 2000

Seit einem Beschluß aus dem Jahr 1920 hat die Opferwidder-Prozession die Wallfahrtskirche Maria Schnee in Obermauern als Zielort. Bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges führte die Prozession noch zu dem ca. 50 Kilometer entfernten Lavanter Kirchbichl im Südosten des Lienzer Beckens: das sind mindestens 12 Stunden Gehzeit!

Die Frage nach dem Grund für diese erstaunliche und jährlich vollbrachte Leistung führt uns in die Entstehungszeit des Verlöbnisses zurück: In den Jahren 1634 bis 1636 wütete in der Region eine verheerende Pestepidemie - man muß sich vorstellen, daß in diesen Jahren ein Drittel der Tiroler Bevölkerung dahingerafft wurde! Die "schröckliche Menschenseuche" (Eintrag in die Virgener Dorfchronik) verschonte auch das Virgental nicht, wie man aus mehreren Sagen und sagenhaften Überlieferungen erfahren kann: Die Gemeindeväter von Virgen und Prägraten hätten sich, so erzählen diese Sagen, schließlich keinen anderen Rat mehr gewußt als die Zuflucht bei Gott: sie gelobten den Bau eines Bildstocks und eine jährliche Prozession mit einem Widder nach Lavant, um endlich von der Pest befreit zu werden. Der Verlust eines Widders stellte in den armen und verschuldeten Gemeinden Virgen und Prägraten ein respektables Opfer dar - aber offensichtlich war die damalige Situation so dramatisch, daß man zu diesem Opfer bereit war.

Virger Widderprozession von 1999. Photo: Berger Karl © 1999.

Virger Widderprozession von 1999.
Photo: Berger Karl © 1999.

Der erwähnte Bildstock (bezeichnet als "Pestketterle") enthielt bis 1986 ein barockes Votivbild (seit 1986 nur mehr eine Kopie), in dem sich die Inschrift "1635 ex Voto" befindet, welche übereinstimmend mit mehreren Chronik-Einträgen das Datum 1635 als den "offiziellen" Beginn des Brauches nennt - "Offiziell" deshalb, weil ein früheres Verlöbnis, auf das 1635 möglicherweise zurückgegriffen worden sein könnte, durchaus vorstellbar ist: Schließlich suchte die Pest seit dem 14. Jahrhundert immer wieder Tirol heim, weshalb Verlöbnisse von Bitt- und Opfergängen keine Seltenheit waren: Die Prozession der Virgener und Prägrater ist also nicht als Einzelerscheinung in der Region Osttirol / Oberkärnten zu beobachten - in Kals am Großglockner ist ein Widderopfer beispielsweise bereits seit 1601 nachweisbar und wird bis heute durchgeführt, und ebenfalls noch Brauch ist ein ähnliches Widderopfer in Ötting bei Oberdrauburg im Oberen Drautal in Kärnten. In anderen Ortschaften (z.B. Matrei in Osttirol oder Zedlach bei Matrei) ist das Widderopfer inzwischen abgekommen. In Sagritz im Mölltal werde am "Jörgensonntag" (St. Georg) Schafsopfer durchgeführt.

Drei mal wird der Widder um den Hochaltar geführt Photo: Berger Karl © 1999

Drei mal wird der Widder um den Hochaltar geführt
Photo: Berger Karl © 1999

Der mit Blumen und Bändern festlich geschmückte Widder wird am Weißen Samstag in einer Prozession nach Obermauern gebracht, wobei er, wenn er vom weiter entfernten Prägraten gestellt wird, den Großteil der Strecke mit dem Traktor transportiert wird. In Obermauern treffen die Gläubigen aus Virgen und Prägraten zusammen und vereinen sich zum gemeinsamen Anstieg zur Wallfahrtskirche Maria Schnee.

Dort wird der Widder vom Widderhalter dreimal um den Hochaltar geführt - ein "Ritual", das sich seit der Zeit der Prozession nach Lavant nicht geändert hat. Anschließend wohnt der Widder im Kirchenraum dem "Bitt- und Dankgottesdienst" bei. Nach der Messe erfolgt auf dem Vorplatz der Obermaurer Kirche die Verlosung des Widders. Während das Tier in früheren Zeiten versteigert wurde - z.T. auf "amerikanisch", mit einem verdeckten Wecker - , ist seit den 80er-Jahren die Verlosung üblich. Seit 1999 findet sie noch am selben Tag von Prozession und Messe statt. Der Erlös aus dem Losverkauf wird zur Gänze für Renovierungs- und Instandhaltungsarbeiten an der Wallfahrtskirche Maria Schnee verwendet. Dort befindet sich seit 1986 auch das renovierte Original des bereits angesprochenen Votivbilds: In barocker Darstellung zeigt es die göttliche Dreifaltigkeit, Maria und Josef, die Prozession der Gläubigen auf den Lavanter Kirchbichl mit seinen zwei Kirchen und - eine sagenhafte Überlieferung darstellend - den Kampf des Widders mit dem Sensenmann.

Votivbild anläßlich des Verlöbnisses der Widderprozession. Photo: Berger Karl © 1999

Votivbild anläßlich des Verlöbnisses der Widderprozession.
Photo: Berger Karl © 1999

 


Literatur:
Bockhorn, Olaf: Opferwidder und Widderopfer. In: Kulturelles Erbe und Aneignung. Wien 1982 / Dörrer, Anton: Sinn und Alter der Widderprozessionen. In: Schlern, 26. Jhg. 1952 / Maierbrugger, Matthias: Lebendiges Brauchtum in Kärnten, Klagenfurt 1979 / Kurzthaler, Sigmund: Kunst und Kultur in den Hohen Tauern, Matrei 1997