Wampelerreiten in Axams


Die historischen Ursprünge dieses früher alle vier, heute alle zwei Jahre stattfindenden Fastnachtsbrauches liegen noch im Dunkeln. Die meisten Publikationen beschränken sich daher diesbezüglich auf die Bemerkung "...von alters her" od. dgl. Ernst PREGENZER berichtet noch 1930 in den Tiroler Heimatblättern, daß dieser Brauch auch in den Orten Götzens, Grinzens und im Sellraintal vor allem am Unsinnigen Donnerstag gepflegt worden sei. 1848 sollten die Wampeler abgefangen und demaskiert werden, jedoch wehrten sie sich vehement gegen das Einschreiten der Polizeibehörden. Auch die Geistlichkeit unternahm Versuche zur Einstellung des Brauches, indem es ihr gelungen war, 128 Hausbesitzern das Gelöbnis auf Verzicht zur Teilnahme an der Fastnacht abzuringen. Während und nach dem II. Weltkrieg konnte der Brauch nicht ausgeübt werden, erfuhr aber 1967 eine Wiederaufnahme.

Der Kristallisationskern dieses in der auf dem westlichen Mittelgebirge über Innsbruck gelegenen Ortschaft besteht in einem als Kampfspiel zu bezeichnenden Verlauf, bei welchem die maskierten "Wampeler" als Kerngruppe des Fastnachtszuges in einem Wettstreit gegen nicht maskierte Zuschauer antreten. Die "Wampeler" rekrutieren sich aus der männlichen Dorfjugend, die sich unter der grobleinenen weißen Pfoad (=Hemd) mit Heu so stark ausstopfen, daß sie wie aufgebläht wirken und daher stark in ihren Bewegungsmöglichkeiten behindert, jedoch hierdurch vor Verletzungen beim Niederfallen auf den Boden weitestgehend geschützt sind. Die zweite Gruppe dieses Kampfspektakels bilden die nicht maskierten "Reiter" aus den Reihen des Publikums, welche die Wampeler anspringen und versuchen, sie zu Boden zu reißen. Die Wampeler müssen ständig herumtänzeln, da sie nicht wissen, wer unter den Zuschauern "Reiter" sein können, die sie zu Boden reißen können. Wenn es einem "Reiter" nicht gelingen sollte, einen "Wampeler" mit einem Ruck auf den Rücken zu legen, muß er diesen sofort loslassen.

Wampelerreiten in Axams, März 2000. Ein Reiter versuchtz einen Wampeler auf den Rücken zu werfen. Photo: Karl Berger © 2000

Wampelerreiten in Axams, März 2000.
Ein Reiter versuchtz einen Wampeler auf den Rücken zu werfen.
Photo: Karl Berger © 2000

Zur Überwachung der Spielregeln gehen "Schiedsrichter" im Zug mit. Ein Ausruhen ist für die "Wampeler" nur möglich, wenn sie sich mit dem Rücken an eine Hauswand lehnen, weil sie den Regeln zufolge nicht angesprungen werden dürfen. Wenn ein "Wampeler" den Anschluß an den Zug verliert, peitschen ihm die "Tuxer" - die dritte Kerngruppe des Fastnachtszuges - den Weg frei. Das Kraftspiel endet meist damit, daß die besten Wampeler gefeiert und von den unterlegenen "Reitern" freigehalten werden.

Die neuere kulturwissenschaftliche Brauchforschung hat sich auf Grund entsprechender Forschungsergebnisse von einer nach wie vor allgemein verbreiteten, ausschließlich vegetationskultischen Deutung, die sich im Falle von Axams auf einer örtlichen Volksglaubensvorstellung gründet, derzufolge der "Türken" (=Mais) besonders gut wachsen würde, wenn nur möglichst viele Wampeler an der Fastnacht teilnehmen, distanziert. Da im allgemeinen Feste eine eigene Dynamik entwickeln, die Zugeständnisse an das Publikum und Abstriche von der ursprünglichen Konzeption erfordert und diese zudem tief in den ursprünglichen Festablauf eingreift und es in seinem Wesen verändert, könnte dieser Umstand auch das "Wampelerreiten" zutreffen. Anhand des derzeitigen Forschungsstandes kann nicht gesagt werden, ob sich vor Zeiten die Brauchfunktion von dem nahezu ausschließlich rituellen Charakter des Maskenauftritts in Form von Hüpfen, Springen, Tänzeln hin zum Agonalen (gr. Agon, Wettstreit) gewandelt hat oder ob vom Beginn des Entstehens an das agonale Zug, also das Kampfspiel zwischen "Wampelern" und "Reitern" vorgeherrscht hat.

 


Literatur:
Anton DÖRRER; Tiroler Fasnacht, Wien 1949, S. 344 ff.;
Friedrich HAIDER, Tiroler Brauch im Jahreslauf, 2. Aufl. Innsbruck-Bozen 1985, S. 65-67;
Günther KAPFHAMMER, Brauchtum in den Alpenländern. Ein lexikalischer Führer durch den Jahreslauf, München 1977, S. 299-300;
Ernst PREGENZER, Die Wampelerreiter, in: Tiroler Heimatblätter 8(1930)3, S. 82-83;