Forschungsfeld "Wirtschafts- und Sozialgeschichte"

Internationale TAGUNG, 2.-3. Mai 2013

 


Ein Fels in der Brandung?
Bischof Golser und der Innsbrucker Hexenprozess von 1485

Frühjahrs-Klausurtagung der Forschungsplattform "Politik - Religion - Kunst", veranstaltet in Kooperation mit dem Forschungsfeld für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik der Universität Innsbruck und der School of International Management and Business (SIMB)

Ort: Innsbruck, Claudiana (Altstadt)

 



Programm
(PDF des Tagungsprogramms)


Donnerstag, 2. Mai:

14.00

  • Begrüßung durch Prof. Christian Smekal, Vorsitzender des Universitätsrats der Universität Innsbruck
  • Begrüßung durch Prof. Brigitte Mazohl, Sprecherin des Bereichs "Politik - Religion - Kunst" im Forschungsschwerpunkt "Kulturelle Begegnungen - Kulturelle Konflikte" der Universität Innsbruck
  • Einführung ins Tagungsprogramm durch Andreas Exenberger (Universität Innsbruck)

14.30

Keynote von Wolfgang Behringer (Universität des Saarlandes):

Zurück aus Rom: Das Hochstift Brixen als Testgebiet des internationalen Verfolgungsspezialisten Heinrich Kramer

anschließende Diskussion (Leitung: Andreas Exenberger)

Kaffeepause

16.00

  • Romedio Schmitz-Esser (Universität München): Ursprünge der Hexenverbrennung (Arbeitstitel)
  • Hansjörg Rabanser (Universität Innsbruck): Zauberei im "Innsbrucker Hexenprozess" und seine Ausführenden
  • anschließende Diskussion (Leitung: Kordula Schnegg)

Pause

19.30
Ort: Haus der Begegnung (Forum), Rennweg 12

Podiumsgespräch mit Bischof Manfred Scheuer und Caritas-Präsident Georg Schärmer über das zivilgesellschaftliche Engagement religiös begründeter Autoritäten und modernen Hexenwahn
Leitung: Wolfgang Palaver (Universität Innsbruck)

Ankündigung


Freitag, 3. Mai:

09.00

  • Klaus Brandstätter (Universittät Innsbruck): Der Tiroler Landesfürst und die Bischöfe zur Zeit Georg Golsers
  • Leo Andergassen (Amt für Denkmalpflege, Bozen): Fürstbischof Georg Golser als Bauherr und Auftraggeber
  • anschließende Diskussion (Leitung: Heinz Noflatscher)

Kaffeepause

 11.00

  • Christina Antenhofer (Innsbruck): "Der Friedhof Europas": Die Konstruktion des Mittelalters über die Fetisch- und Reliquiendebatten
  • Maria Heidegger (Innsbruck): Ehrenprozesse wegen Hexereiverdachts. Beobachtungen anhand von Prozessverläufen im Tiroler Oberland um 1600 in geschlechterkritischer Perspektive (Arbeitstitel)
  • anschließende Diskussion (Leitung: Sabine Fick)

Kaffeepause

 13.00

  • Georg Modestin (Universität Fribourg): Ein allzu eifriger Hexenjäger? Der Lausanner Fürstbischof Benedikt von Montferrand (1476-1491)
  • Roman Siebenrock (Universität Innsbruck): Von Mächten und Gewalten: Systematisch-theologische Überlegungen zum Hexenwahn
  • anschließende Schlussdiskussion (Leitung: Johann Holzner)

ca. 14.30 Ende der Tagung


Für weitere Information kontaktieren Sie Dr. Andreas Exenberger (andreas.exenberger@uibk.ac.at) oder Dr. Markus Mayr (markus.mayr@simb.at).


 

Inhalt

Im Mai 2013 nehmen wir den baldigen 525. Todestag von Bischof Georg Golser († 20. Juni 1489, Bischof von Brixen 1464-88) zum Anlass, an ein bislang zwar durchaus bekanntes, aber immer noch nicht ausreichend aufgearbeitetes Ereignis zu erinnern, das sich in Innsbruck im Jahr 1485 zugetragen hat: den Innsbrucker Hexenprozess. Dieses Ereignis zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass die zweite Schlüsselfigur, Heinrich Kramer († um 1505), in weiterer Folge zu einem fanatischen Hexenjäger wurde, sondern auch dadurch, dass er an seinem weiteren Wirken in der damals noch ganz Tirol umfassenden Diözese Brixen durch das Einschreiten von Bischof Golser gehindert wurde. Ob er sich dadurch als "Fels in der Brandung" des aufkommenden Hexenwahns erwiesen hat, ist eine der Fragen, denen die Tagung nachgehen will. Tirol blieb jedenfalls für einige Zeit davon verschont.

Am 29. August 1484 wird Kardinal Giovanni Battista Cibo (Innozenz VIII.) zum Papst gewählt. Schon am 5. Dezember erlässt er eine Bulle "Summis desiderantibus affectibus", die eine Hexen- und Zaubererverfolgung speziell in Ländern des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation fordert. Den Auftrag für die Durchführung der Verfolgungen erhält der Dominikanermönch Heinrich Kramer (Insistoris).

Im Sommer 1485 präsentiert er dem Fürstbischof von Brixen, Georg Golser, sein Dekret und erhält dessen Unterstützung. Kramer reist nach Innsbruck weiter und wird auch der Unterstützung von Erzherzog Sigismund (†1496) versichert. Anfang August beginnt er seine Tätigkeit und bereits Ende des Monats kann er 50 Verdächtige vorweisen. Zwar wird nur eine davon schließlich inhaftiert, allerdings auch noch sechs weitere Frauen.

Am 4. Oktober 1485 beginnt das Verhör der Frauen. Bischof Golser und Erzherzog Sigismund entsenden Prozessbeobachter. Einer davon zeigt sich mit der Prozessführung nicht ganz einverstanden. Nach dem Ende der Verhöre am 21. Oktober geht der Prozess in die nächste Phase, das Urteil soll von einem eigens gebildeten Gerichtshof gefällt werden. Doch in dessen erster Sitzung am 29. Oktober regen sich erneut kritische Stimmen, und in der zweiten Sitzung am 31. Oktober fällt der Gerichtshof das Urteil, dass der Prozess nicht nach den gültigen Rechtsnormen geführt worden und somit ungültig sei. Die Angeklagten werden freigelassen, die Prozesskosten von Erzherzog Sigismund übernommen.

Bischof Golser erklärt nun die Vollmachten des Inquisitors für erloschen und empfiehlt ihm, das Land zu verlassen. Doch Heinrich Kramer weigert sich. Auch eine erneute Aufforderung am 14. November ignoriert er. So verfasst Golser am 8. April 1486 einen Brief an ein Mitglied des Chorherrenstiftes Wilten, in dem er Kramer als verrückt erklärt ("mihi delirare videtur") und einen weiteren Brief an Kramer selbst, in dem er ihm nicht nur erneut befiehlt, das Land zu verlassen, sondern ihm auch androht, er könne nicht mehr für seine Sicherheit gegenüber den Männern und Freunden der unschuldig eingekerkerten Frauen garantieren.

Daraufhin verlässt Kramer Tirol. Noch im gleichen Jahr erscheint sein Werk "Malleus Maleficarum", der Hexenhammer. Der moderne Hexenwahn beginnt.