Wintersemester 2025
Bericht
Der Deutsche Übersetzungsdienst der UN zu Besuch am INTRAWI
Marlies Wulf leitet den Deutschen Übersetzungsdienst (DÜD) der UN in New York und hat am 16.12.2025 ihre Sektion bei einem Gastvortrag am Institut für Translationswissenschaft (INTRAWI) vorgestellt. Der DÜD hat eine Sonderstellung, ist Deutsch doch keine der offiziellen Amtssprachen der UN. Er wird von deren deutschsprachigen Mitgliedsstaaten, darunter Österreich, finanziert.

Die Vereinten Nationen (UN) haben sechs Amtssprachen: Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch. Das bedeutet, dass Verdolmetschungen von Sitzungen von UN-Hauptorganen wie der Generalversammlung oder dem Sicherheitsrat sowie Übersetzungen offizieller UN-Dokumente in diesen Sprachen verpflichtend bereitgestellt werden. Deutsch ist nun ein Sonderfall: Es handelt sich um die einzige, nicht-offizielle Sprache, für die in den UN ein Übersetzungsdienst betrieben wird – dies auf Betreiben von Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz. Diese translationspolitische Entscheidung geht auf 1974 zurück und ist in der DÜD-Gründungsresolution geregelt.
Insgesamt beschäftigt der DÜD, der innerhalb der Abteilung Dokumentation im Sekretariat der UN angesiedelt ist, ein zehnköpfiges Team, darunter sechs Translator:innen, die rein schriftliche Sprachmittlung betreiben und vornehmlich Resolutionen, Beschlüsse, Berichte, Ergebnisdokumente usw. übersetzen. Der Fokus liegt mithin auf der Translation stark formelhafter Texte, wiewohl auch appellative oder popularisierende Textsorten, beispielsweise Reden und Texte zur Information bestimmter Zielgruppen, etwa Kinder und Jugendliche, zum Repertoire gehören. Die inhaltliche Vielfalt ist dabei so breit aufgestellt wie die thematische Befassung der verschiedenen Organisationen der UN selbst: Von Seerecht über Gleichstellungsfragen und Menschenrechte bis hin zum Umweltschutz – die Translator:innen des DÜD navigieren virtuos durch diese und viele weitere Fachsprachen.
In ihrem Gastvortrag, der im Rahmen des Moduls Professionalisierung (mit den Kursen Translationsethik und Translationspolitik sowie Translationsmanagement, Kursleitung Peter Sandrini respektive Martina Mayer) am INTRAWI organisiert wurde, hat Marlies Wulf die Arbeitsweise ihres Dienstes vorgestellt und der großen Zuhörerschaft aus Studierenden und Lehrenden ein Bild davon vermittelt, welche Abläufe essentiell sind, um den Qualitätsansprüchen einer solchen Einrichtung Genüge zu tun. Hochqualifizierte Übersetzer:innen arbeiten dort strikt nach dem Muttersprachprinzip, meist aus dem Englischen, ausschließlich ins Deutsche. Sie werden bei der Rekrutierung handverlesen und durchlaufen eine zweijährige Probezeit, in der sie dank intensiver Einarbeitungsprogramme und gründlicher Revisionsprozesse das Ziel, zur Veröffentlichung bzw. Verwendung geeignete Übersetzungen grundsätzlich ohne Fremdrevision zu erstellen, erreichen sollen. Gearbeitet wird mit modernsten Werkzeugen, im konkreten Fall dem hauseigenen CAT-Tool eLuna, das auf einer DeepL-Basis auch maschinelle Übersetzung integriert. Darüber hinaus werden UNTERM und DETERM als Hilfsmittel genutzt, die speziellen Terminologiedatenbanken der UN und des DÜD. Weiters sollen demnächst integrierte KI-Tools eine möglichst effiziente Gestaltung von Translationsprozessen erlauben, wiewohl dabei klar auf der Hand liegt, dass Humantranslation nicht durch Technologien ersetzbar ist.
„UN-Texte sind ein Stück Zeitgeschichte“, betonte Marlies Wulf in ihrem Vortrag, und so werden immer wieder Translator:innen gesucht, die sich dieser Tragweite bewusst sind und den Wunsch haben, an dieser Arbeit teilzuhaben, die sich an den vier Werten inclusion, integrity, humility und humanity orientiert. Im Jänner 2026 startet ein Auswahlverfahren, und auf der Website des DÜD finden sich vertiefende Informationen für etwaige Interessent:innen. Studierende einschlägiger translationswissenschaftlicher Studiengänge, wie das INTRAWI sie anbietet, haben optimale Chancen, in ein solches Arbeitsumfeld einzutreten, und so gilt die Aufforderung, sich ab dem Bachelorabschluss zu bewerben.
Das INTRAWI dankt Marlies Wulf für ihren Besuch und die profunden Einblicke sowie ihrem Kollegium beim DÜD für die erfreuliche Zusammenarbeit in Vor- und Nachbereitung dieser Kooperation.
Text: Martina Mayer
Foto: Doroti Domokos
Bildbeschreibung: Marlies Wulf (ganz rechts) mit etwa der Hälfte der interessierten Zuhörer:innenschaft.
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