MITIGATION
GL:OSS:IER_03 | Mit den aktuellen politischen Maßnahmen werden die Klimaziele nicht erreicht – es bleibt eine Emissionslücke. Wo lassen wir Mitigationspotenzial liegen?
News-Redaktion der Uni Innsbruck, September 2026
Treibhausgase, die von menschlichen Aktivitäten verursacht werden und maßgeblich zur Erderhitzung beitragen, sind meist nicht so sichtbar wie die Luftballons, die auf dem Bild gen Himmel schweben.
Sie sind nicht nur für das menschliche Auge unsichtbar – auch die CO2-Bilanz eines Produkts, vom Abbau der Rohstoffe über die Produktion bis zur Lieferung, bleibt für uns als Endkonsument:innen meist nicht oder nur schwer nachvollziehbar. Doch was wir nicht sehen, können wir trotzdem verringern: Jede Tonne CO2, die eingespart wird, zählt im Kampf gegen die Erderhitzung.
Wissenschaftler:innen der Universität Innsbruck sprechen über Mitigation und Mitigationsoptionen in ihren jeweiligen Fachgebieten: Verkehr, Gebäude und Wohnen, Ernährung, Abfallwirtschaft sowie Landwirtschaft.
Was heißt denn... Mitigation?
Sucht man im Duden und in Fremdwörterbüchern nach dem Begriff Mitigation, so werden als Synonyme Milderung oder Mäßigung genannt. Spricht man im Kontext der Klimakrise von Mitigation, dann beschreibt dieser Begriff jede Art von menschlicher Intervention, die dazu beiträgt, Emissionen zu reduzieren oder Senken von Treibhausgasen zu optimieren – so die Definition des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC).
Mitigationsoptionen sind theoretisch oder technisch verfügbare Möglichkeiten, Emissionen zu senken. Mitigationsmaßnahmen hingegen beziehen sich auf konkrete Interventionen oder Instrumente, welche die Optionen realisieren. Als Mitigationspotenzial wird die Menge der Netto-Treibhausgasemissionen bezeichnet, die durch eine bestimmte Mitigationsoption im Vergleich zu einem festgelegten Emissionswert erreicht werden kann. Wird von einem Mitigationsszenario gesprochen, so ist das eine plausible Beschreibung der Zukunft, die darstellt, wie ein System auf die Umsetzung von Klimaschutzstrategien und -maßnahmen reagiert.
Wo kommt der größte Teil der Emissionen her?
In Österreich zählen die Industrie, Energieerzeugung, Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft, Abfallwirtschaft sowie anderwertige Energienutzung zu den größten Treibhausgasverursachern. Wälder und andere intakte Ökosysteme können hingegen als natürliche Senken wirken und mehr CO2 aufnehmen als sie abgeben.
Die Stärke der Quelle bzw. Senkleistung wird in CO2-Äquivalenten (CO2eq) gemessen. Schließlich zählen zu den Treibhausgasen nicht nur CO2, sondern z.B auch Methan, Lachgas und F-Gase. Diese Treibhausgase werden anhand ihres jeweiligen Global Warming Potentials (GWP) in CO2-Äquivalente umgerechnet, um eine Vergleichbarkeit herzustellen. Das Global Warming Potential ist ein Index, der die kombinierte Wirkung der unterschiedlichen Verweildauer von Treibhausgasen in der Atmosphäre und ihrer relativen Wirksamkeit bei der Absorption ausgehender Infrarotstrahlung darstellt.
Mitigation: Was können wir tun?
Eine Reduktion von Emissionen ist nur durch ein breites Bündel an Maßnahmen erreichbar. Diese Maßnahmen werden in aktuellen Klimadiskursen je nach Fachbereich mit zwei unterschiedlichen Frameworks zusammengefasst: Avoid-Shift-Improve bzw. Avoid-Reduce-Remove.
Beide Konzepte folgen der hierarchischen Logik, im ersten Schritt Emissionen strukturell zu vermeiden, dann erst Optimierungsmaßnahmen zu setzen. Technologische Lösungen stehen bei beiden Konzepten nicht an erster Stelle. Der Unterschied liegt in der Herangehensweise:
Das Avoid-Shift-Improve-Konzept beschreibt die „Reduzierung der Treibhausgasemissionen durch vollständige Vermeidung der Nutzung emissionsverursachender Dienstleistungen, Umstellung auf die emissionsärmste Art der Dienstleistungserbringung und/oder Verbesserung der Technologien und Systeme zur Erbringung der Dienstleistung in einer Weise, die zu einer Verringerung der Emissionen führt“, heißt es im Glossar des AAR2.
Das Konzept stammt ursprünglich aus der nachhaltigen Verkehrsforschung der 1990er- und 2000er-Jahre. Es folgt einer Transformationslogik im Sinne von „Wie verändern wir Systeme?“ und wird sektorbezogen angewandt (z. B. Verkehr, Gebäude, Ernährung).
Das Avoid-Reduce-Remove-Framework richtet sich stärker an unternehmensbezogene und technische Überlegungen zur Senkung von Emissionen. Die Fragestellung ist zielgerichteter auf die Emissionsreduktion bezogen. Anders als beim ASI-Framework werden explizit technologische Entnahmemöglichkeiten miteinbezogen (remove).
Im 2. Österreichischen Sachstandsbericht wird vorwiegend das ASI-Konzept eingesetzt, um Mitigationsoptionen zu verdeutlichen. Im Folgenden ein Beispiel für den Bereich der Industrie:
BEREICH
AVOID (Vermeiden)
Ziel: weniger Bedarf erzeugen
SHIFT (Verlagern)
Ziel: gleiche Funktion, anderes System
IMPROVE (Verbessern)
Ziel: gleiche Funktion, sauberere Technologie
INDUSTRIE
Material- und Energiebedarf reduzieren, längere Produktlebensdauer, Kreislaufwirtschaft, Sharing-Modelle statt Besitz
Von fossilen zu klimafreundlichen Produktionssystemen wechseln
Energieeffizienzmaßnahmen, Abwärmenutzung, Prozessoptimierung, Digitalisierung und Monitoring
Wir haben mit Wissenschaftler:innen der Universität Innsbruck aus den Bereichen Verkehr, Gebäude und Wohnen, Ernährung, Abfallwirtschaft sowie Landwirtschaft gesprochen und mit ihnen Mitigationsoptionen diskutiert.
MOBILITÄT

Stephan Tischler ist Experte für Mobilität, Verkehr und Raumnutzung in Alpinen Regionen.
„Der Verkehrsbereich ist nach wie vor eine der größten Baustellen im Klimaschutz – in vielen anderen Sektoren sind die Emissionen bereits gesunken, hier tun wir uns immer noch sehr schwer“, bringt es Stephan Tischler, Experte für intelligente Verkehrssysteme, auf den Punkt. Mit dieser Einschätzung trifft er den Kern: Während andere Bereiche Fortschritte verzeichnen, stagniert die Entwicklung im Verkehr. Der Grund liegt im komplexen Zusammenspiel aus Technologie, Infrastruktur und menschlichem Verhalten.
Reduktionspotenzial bei Alltagsfahrten
Die Corona-Pandemie schien kurzzeitig einen Wandel einzuleiten. Flugverkehr und internationale Reisen kamen nahezu zum Erliegen, viele Menschen entdeckten ihre unmittelbare Umgebung neu. Die Hoffnung war groß, dass sich daraus langfristige Veränderungen im Reiseverhalten ergeben könnten – etwa eine stärkere Orientierung an regionalen Angeboten und eine bewusste Reduktion von Fernreisen. Doch mit dem Wegfall der pandemiebedingten Reisebeschränkungen stieg die Reisefreudigkeit in den letzten Jahren sogar noch stärker an. Soziale Medien verstärken diesen Effekt, indem sie neue Reiseziele global sichtbar machen und Massentourismus antreiben. Dennoch bleibt der durch Reisetätigkeit induzierte Verkehr ein kleinerer Faktor im Vergleich zur Alltagsmobilität. „Der größte Anteil an verkehrsbedingten Emissionen entsteht nicht durch Urlaubsreisen, sondern durch unsere tägliche Mobilität – also die Wege, die wir jeden Tag im Nahbereich zurücklegen, beispielsweise zur Arbeit, zum Einkaufen, um Bildungseinrichtungen zu erreichen oder auch für soziale Kontakte oder Freizeitaktivitäten im näheren Umfeld", verdeutlicht Tischler. Genau hier liegt das größte Potenzial für Veränderungen.
Mobilität gestalten
Technologische Lösungen wie die Elektrifizierung des Verkehrs sind wichtig, reichen aber allein nicht aus. Ebenso entscheidend ist die Gestaltung des öffentlichen Raums: Wo Straßen verkehrsberuhigt, begrünt und attraktiver gestaltet werden, steigt auch die aktive Mobilität, also das Zufußgehen und Radfahren. „Man sieht ganz klar: Wenn die Infrastruktur vorhanden ist, dann wird sie auch genutzt – ohne entsprechende Angebote bleibt Verhaltensänderung schwierig“, so der Mobilitätsexperte. Und diese Veränderung braucht Zeit: „Verhaltensänderung passiert nur selten von heute auf morgen – sie entsteht Schritt für Schritt und wird stark von unserem sozialen Umfeld mitgeprägt." Neben dem urbanen Raum gewinnt insbesondere im Alpenraum auch der Tourismus zunehmend an Bedeutung im Kontext nachhaltiger Mobilität. Im Tiroler Tourismus beispielsweise entsteht der Großteil der Emissionen bei der An- und Abreise. Integrierte Mobilitätskarten und Anreize für klimafreundliche Anreise können hier Abhilfe schaffen. Gleichzeitig eröffnen sich dadurch neue Perspektiven für die Tourismuswirtschaft. Weniger Individualverkehr bedeutet auch weniger Bedarf an Parkflächen – ein Kostenfaktor, der durch alternative Angebote kompensiert werden kann. Besonders relevant ist dies vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen: Für viele Reisende wird bereits eine autofreie Anreise zunehmend zur Voraussetzung. Destinationen, die hier keine passenden Angebote schaffen, riskieren langfristig, an Attraktivität zu verlieren.
„Verhaltensänderung passiert nur selten von heute auf morgen – sie entsteht Schritt für Schritt und wird stark von unserem sozialen Umfeld mitgeprägt."
Stephan Tischler, Mobilitätsexperte
„Gerade jetzt, wo sich etwas in Bewegung setzt, wäre es fatal, wenn die Politik gegensteuert oder Maßnahmen zurücknimmt – diesen Schwung darf man nicht verlieren“
Stephan Tischler, Mobilitätsexperte
Entscheidend bleibt politische Kontinuität: „Gerade jetzt, wo sich etwas in Bewegung setzt, wäre es fatal, wenn die Politik gegensteuert oder Maßnahmen zurücknimmt – diesen Schwung darf man nicht verlieren“, verdeutlicht Stephan Tischler. Die Transformation des Verkehrs ist kein rein technisches Problem, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Prozess – und die Frage, wie wir uns in Zukunft bewegen wollen, ist zugleich die Frage, wie wir unsere Lebensräume gestalten wollen.
GEBÄUDE und WOHNEN
Mit der Frage, wie wir Lebensräume gestalten wollen, wie diese in Zukunft ausschauen werden und was es für ein gutes Leben wirklich braucht, beschäftigt sich auch Wolfgang Streicher. Er ist Professor für Energieeffizientes Bauen mit spezieller Berücksichtigung des Einsatzes Erneuerbarer Energien.
„Wenn wir von Mitigation sprechen, müssen wir zwischen dem Senken des Energiebedarfs und dem Senken von Emissionen unterscheiden“, betont er. Eine Reduktion des Energiebedarfs wird zum einen durch eine Effizienzsteigerung, zum anderen über Suffizienz erreicht. „Für sich genommen sagt eine Reduktion des Energiebedarfs allerdings noch nichts über die CO2-Einsparung aus, da dieser Wert vom verwendeten Energieträger abhängt: Wir sehen im AAR2, dass 70 Prozent des Endenergieverbrauchs auf Gebäude und Verkehr entfallen, diese beiden Sektoren aber ‚nur‘ für 38 Prozent der Emissionen verantwortlich sind.“

Wolfgang Streicher ist Leitautor des Kapitels 3 "Bebaute Umwelt und Mobilität" im AAR2.
Im direkten Vergleich mit dem Verkehrssektor liefert die Gebäudesanierung weniger Einsparungspotenzial: Während beim Verkehr der Wechsel von Verbrennungsmotor auf Elektroantrieb wegen der enormen Wirkungsgradunterschiede (rund 15 % im Vergleich zu 70 %) den größten Hebel darstellt, bleibt die Gebäudesanierung mit rund 30 Prozent Reduktionspotenzial limitierter. „Eine Reduktion der Wohnfläche pro Person birgt zusätzlich Einsparungspotenzial. In den Modellrechnungen ist das nicht erfasst – ein Verzicht löst bei vielen Menschen Verlustängste aus und führt nicht zu einer langfristigen Verhaltensänderung“, so Streicher.
Vielmehr gelte es, die Vorteile zu betonen, die nachhaltige Entscheidungen bergen: Im Bereich Gebäude und Wohnen beispielsweise „intelligente“ Wärmepumpen, eine „smarte“ Vernetzung der elektronischen Anwendungen im Haushalt, ein höherer Wohnkomfort und geringere laufende Kosten durch eine Sanierung des Gebäudes (shift/improve).
Hochwertig sanieren
Betrachtet man den Gebäudesektor, zeigen Modellrechnungen für Tirol, dass mittels Sanierungen in realistischen Zeiträumen und entsprechender Sanierungstiefe bis 2050 Energieeinsparungen in der Höhe von 30 Prozent möglich sind. Von frühzeitigen Sanierungen rät Streicher allerdings ab: „Wird ein funktionierendes Bauteil frühzeitig saniert oder getauscht, ist das wirtschaftlich ineffizient und auch nicht nachhaltig. Eigentümerwechsel, Heizkesseltausch, bauliche Erweiterungen sind sinnvolle Anlässe für Sanierungen.“ Statt einer höheren Sanierungsrate plädiert Streicher für eine Erhöhung der Sanierungstiefe: „Es geht darum, wie hochwertig saniert wird, sobald ohnehin saniert wird – Kostenoptimalitätsstudien zeigen, dass die Mehrkosten gering ausfallen.“
Bei Neubauprojekten ist seit 2024 gesetzlich vorgegeben, dass keine Öl- und Gasheizungen verbaut werden dürfen. Werden bestehende Anlagen gegen eine Wärmepumpe oder Biomasse ersetzt, empfiehlt Streicher auch hier, den vorzeitigen Tausch einer funktionsfähigen Anlage zu vermeiden. Außerdem müssen ineffiziente Nachrüstlösungen vermieden werden: Moderne Heizungssysteme müssen, so gesetzlich verankert, auch kühlfähig sein. Das ist primär eine Adaptionsmaßnahme an steigende Sommerhitze, ist allerdings auch energie- und emissionsrelevant: Müssen Gebäude im Sommer vermehrt gekühlt werden, steigt der Energiebedarf, und damit – je nach Art der Erzeugung – der Emissionsausstoß.
ERNÄHRUNG
Die Art, wie Land genutzt und bewirtschaftet wird, hat maßgeblich Einfluss auf den Ausstoß bzw. die Reduktion von Emissionen. Wälder und andere intakte Ökosysteme können als CO2-Senken wirken. Im direkten Zusammenhang damit steht unser Ernährungsverhalten: Eine Umstellung der Ernährung auf weniger Kalorien und mehr pflanzliche Proteine in Verbindung mit einer Halbierung der Lebensmittelverluste würde die Aufforstung und Renaturierung landwirtschaftlicher Flächen ermöglichen und in Österreich im Vergleich zu Referenzszenarien eine zusätzliche Kohlenstoffsenke von 3,0 bis 12,9 Mt CO2/Jahr schaffen, heißt es im AAR2.
Planetary Health Diet
Gleichzeitig reduzieren sich durch eine Ernährungsumstellung die Emissionen, die bei der Produktion der Lebensmittel anfallen: Eine Reduktion von Fleisch, Milchprodukten und Eiern um 50 Prozent würde die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 2004 um 25 bis 50 Prozent senken. In Österreich den Ernährungsempfehlungen der „Planetary Health Diet“ zu folgen, welche die planetaren Grenzen, die menschliche Gesundheit sowie soziale und ökonomische Aspekte umfasst, hat ein Emissionsreduktionspotenzial von 5,0 bis 15,4 Mt CO2eq/Jahr (reduzierte Emissionen in der Landwirtschaft und erhöhte Senkleistung durch Aufforstung in den Berechnungen inkludiert).
Warum wir zu viel Fleisch essen
Die Soziologin Thea Wiesli befasst sich in ihrer Forschung mit der Frage, wo die soziologischen Gründe für übermäßigen Fleischkonsum liegen – obwohl dieser der Gesundheit, dem Klima und dem Tierwohl schadet und global betrachtet zu einem Ungleichgewicht in der Verteilung von Nahrungsmitteln führt. „Ernährungsgewohnheiten werden von sozialen, kulturellen und sozioökonomischen Faktoren beeinflusst und soziale Gruppen und Schichten sind bei der Wahl ihrer Ernährung mit unterschiedlichen Bedingungen konfrontiert“, betont Wiesli.

Thea Wiesli befasst sich aus soziologischer Sicht mit dem Fleischkonsum.
Die aktuelle Fachliteratur zeigt, dass Fleischkonsum je nach sozialer Gruppen und abhängig von Faktoren wie Einkommen, Bildung, Geschlecht, Alter und kulturellen Normen stark variiert. Ein höherer Bildungsabschluss korreliert meist mit einem geringeren Fleischkonsum: „Vermutlich, weil die Menschen mehr über die Fleischproduktion und den -konsum wissen, z. B. zu gesundheitlichen, ökologischen und ethischen Aspekten.“
Bisher wurde der Fleischkonsum im Zusammenhang mit sozialen Klassen empirisch-quantitativ noch nicht beleuchtet. Aktuell führt die Wissenschaftlerin dazu zwei Studien in Österreich, Finnland und Großbritannien durch. Sobald die Daten aus den Befragungen ausgewertet sind, möchte die Wissenschaftlerin Akteur:innen und Entscheidungsträger:innen miteinbeziehen und entsprechende Handlungsempfehlungen erarbeiten, die auf die Bedürfnisse unterschiedlicher sozialer Klassen abgestimmt sind und so effektiv zur Entwicklung eines nachhaltigen Ernährungsstils beitragen können.
ABFALLWIRTSCHAFT
Nicht nur das Was, sondern auch das Wie macht einen großen Unterschied. Bewusstes Einkaufen ist ein Beitrag, den jede:r Einzelne zum Klimaschutz leisten kann. Anke Bockreis ist Professorin am Arbeitsbereich für Umwelttechnik und Expertin für Abfallbehandlung und Ressourcenmanagement. Als solche rät sie: „Es geht vor allem um die selbstverständlichen Dinge: den Mehrwegbecher mitnehmen, wenn man täglich unterwegs Kaffee trinkt, das eigene Geschirr oder Verpackungsmaterial beispielsweise zum Metzger mitbringen und den Einkauf von regionalen Produkten bevorzugen.“

Anke Bockreis ist Professorin für Abfallbehandlung und Ressourcenmanagement.
Allein in Innsbruck werden täglich rund 17.000 Einwegbecher verbraucht – schon eine Reduktion eines Teils davon hätte spürbare Wirkung. Wichtig ist, dass es geht nicht um Verzicht geht, sondern um eine Verhaltensänderung ohne Qualitätseinbußen. Bockreis merkt mit einem Augenzwinkern an: „Man könnte, zumindest den Espresso, auch vor Ort genießen.“
Im Jahr 2018 hat die Uni Innsbruck gemeinsam mit den Innsbrucker Filialen von Baguette/MPREIS, der Bäckerei Ruetz, der Mensa sowie den Kaffeespezialisten coffeekult und Brennpunkt einen umweltfreundlichen Mehrwegbecher eingeführt. Die mit dem Becher etablierte Preisreduktion für Kund:innen mit eigenem Becher ist bis heute Standard.
Wertvolle Rohstoffe im Restmüll
Auch beim Elektroschrott fehlt vielen das Bewusstsein. „Ein einzelnes Handy hat geringen Materialwert, doch in der Masse enthalten Altgeräte mehr Gold und Kobalt als das ursprüngliche Erz. Diese Rohstoffe gehen verloren, wenn Geräte in den Restmüll wandern statt zu Sammelstellen“, so Bockreis, die sich gemeinsam mit ihrem Team auch dafür einsetzt, dass bereits in Schulen über eine sortenreine Trennung aufgeklärt wird. So wächst das Umweltbewusstsein auch bei jungen Menschen und Bockreis beobachtet, dass Studierende heute schon mehr Vorwissen über dieses Thema mitbringen. Auch der neue Bachelorstudiengang Umweltingenieurwissenschaften an der Uni Innsbruck wird zukünftige Expert:innen in diesem Bereich ausbilden. Je früher das Bewusstsein verankert wird, desto leichter fällt nachhaltiges Handeln im Alltag.
Lebensmittelverschwendung
Eine österreichweite Restmüllanalyse zeigt: Im Restmüll befinden sich zwischen 20 und 30 Prozent Bioabfälle – obwohl es eine getrennte Bio-Sammlung gibt.
Hinzu kommen 12 bis 15 Prozent noch genießbare Lebensmittel, die einfach weggeworfen werden, etwa ungeöffnete Nudelpackungen kurz nach, aber auch vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Würde korrekt sortiert, wären unsere Restmülltonnen zu rund 70 Prozent leerer. Eine bewusste Einkaufsplanung – nur kaufen, was man wirklich verbraucht – und das Verständnis, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum kein „Wegwerfdatum" ist, könnten viel bewirken.
„Wir Menschen stehen dem Klimawandel nicht machtlos gegenüber. Unsere eigenen Entscheidungen, kleine, aber bewusste Handlungen im Alltag, sind ein großer Beitrag für eine nachhaltige Veränderung – eine Veränderung, die wir dringend benötigen."
Anke Bockreis, Expertin für Abfallbehandlung und Ressourcenmanagement
LANDWIRTSCHAFT
Die Klimakrise sowie die zunehmende Energie- und Ressourcenknappheit erfordern ein Umdenken in der Landwirtschaft. Thomas Lichtmannegger vom Arbeitsbereich für Umwelttechnik, Fachgebiet Abfallbehandlung und Ressourcenmanagement, arbeitet gemeinsam mit seinen Kolleg:innen in einem Interreg-Bayern-Österreich-Projekt daran, Wirtschaftsdünger und regionale organische Abfälle in gemeinschaftlichen Biogasanlagen zur Produktion von Biogas und organischen Düngern zu nutzen.
Gemeinsam zur klimaresilienten Landwirtschaft
Die Voralpenregionen Tiroler Unterland, Vorarlberg, Allgäu und Oberbayern sind landwirtschaftlich ähnlich. Sie sind meist kleinstrukturiert und stark geprägt durch Grünland- und Milchviehwirtschaft. Die anfallenden Wirtschaftsdünger (Gülle, Mist und Jauche) werden nach der Lagerung in Tirol direkt auf die Felder als Dünger ausgebracht. Während der Lagerung und bei der Ausbringung entstehen, neben den üblichen Gerüchen, nicht unerhebliche Emissionen. „Die Emissionen dieser Bewirtschaftung müssen reduziert werden, während der Klimawandel gleichzeitig neue Herausforderungen an landwirtschaftliche Böden stellt“, verdeutlicht Lichtmannegger. Ziel des Projektes (BESN) sind ein überbetriebliches Bioressourcenmanagement mit gemeinschaftlicher Nutzung landwirtschaftlicher Reststoffe, das zu einer ressourcenschonenden, zirkulären und klimafreundlichen Landwirtschaft beiträgt sowie der Humusaufbau, um die Landwirtschaft widerstandsfähiger gegenüber Klimawandel, Starkregen und Wasserknappheit zu machen.
„Die Emissionen dieser Bewirtschaftung müssen reduziert werden, während der Klimawandel gleichzeitig neue Herausforderungen an landwirtschaftliche Böden stellt."
Thomas Lichtmannegger, Experte für Ressourcenmanagement
Emissionen verringern durch Zusammenarbeit
Die in Tirol durch die stark verbreitete Milchviehwirtschaft produzierte Gülle und Mist werden derzeit direkt auf die Felder ausgebracht. „Wirtschaftsdünger werden aktuell in Österreich kaum energetisch genützt“, so der Wissenschaftler, der den zweigeteilten Ansatz des Projektes erklärt. „Das Energiepotenzial der Wirtschaftsdünger soll energetisch genutzt und gleichzeitig die bei der Lagerung von Wirtschaftsdünger entstehenden Emissionen reduziert werden.“ Die anfallenden Gärreste werden dabei in einen hochwertigen organischen Dünger umgewandelt, der gezielt die Humusbildung und Nährstoffspeicherung fördert. Ziel ist es, in Tirol eine Pilotanlage zu konzipieren. Die Umsetzung ist aktuell im Raum Fritzens-Wattens geplant. Dort soll eine Anlage entstehen, in der der Wirtschaftsdünger mehrerer Bauern der Region vergoren und anschließend wieder auf die Felder ausgebracht wird. „Eine gemeinschaftliche Anlage zur Biogaserzeugung ist für Tirol sinnvoller als einzelbetriebliche Lösungen, da die Milchviehhaltung hier kleinstrukturiert ist. Viele Betriebe halten unter 50 Kühe, was eine eigene Anlage unwirtschaftlich macht“, so der Experte. Bei der Lagerung von Gülle in Güllegruben unter Laufställen entstehen über die Lagerzeit von rund sechs Monaten beträchtliche Methan- und Stickstoffemissionen. Der dabei als Ammoniak und Lachgas entweichende Stickstoff geht den Bauern zudem als Dünger verloren. Werden Wirtschaftsdünger hingegen in gemeinschaftlichen Biogasanlagen vergoren, kann das entstehende Biogas weiter zu Biomethan aufbereitet und ins Erdgasnetz eingespeist werden, wo es fossiles Erdgas ersetzt. Zudem verbleibt der Stickstoff im Gärrest und die Landwirte haben so eine verbesserte Düngewirkung. „Emissionstechnisch bringt die Vergärung also nur Vorteile. Wirtschaftlich ist die Umsetzung jedoch schwierig. Bereits vor über sechs Jahren gab es erste Initiativen und Ankündigungen für gesetzliche Verpflichtungen zur Beimischung von erneuerbarem Gas – umgesetzt wurde davon bislang nichts“, so Lichtmannegger, der das Potenzial zur Verringerung von Emissionen in der Landwirtschaft auf diesem Weg betont.
Wie setze ich den Begriff Mitigation in der Klimakommunikation ein?
DOs
Vorteile kommunizieren
- Klimafreundliches und nachhaltiges Verhalten hat positive Auswirkungen auf Gesundheit, Wohlbefinden und ev. finanzielle Situation.
Handlungsoptionen hervorheben
- „Es ist so, und diese Möglichkeiten haben wir" statt nur "Es ist so, und das ist schlimm."
Auf Begrifflichkeiten achten
- Reduktion des Energiebedarfs und Emissionsreduktion sauber unterscheiden
DON'Ts
Mitigation als Verzicht framen
- Verzicht sorgt bei Menschen oft für Verlustängste.
- Ansätze positiv formulieren und Vorteile betonen.
Individuelle Moralisierung oder Schuldzuweisungen
- Auf Appelle verzichten, die Einzelpersonen moralisch unter Druck setzen.
- Keine Reduktion komplexer Probleme auf individuelles Fehlverhalten
Zum Weiterlesen
- AAR2/Kapitel 2: Klimawandel, Landnutzung, Ökosystem-Dienstleistungen und Gesundheit
- AAR2/Kapitel 3: Bebaute Umwelt und Mobilität
- AAR2/Kapitel 8: Transformationspfade

© News-Redaktion der Universität Innsbruck 2026 / Daniela Feichtner, Melanie Bartos, Anna Maria Huber
Fotocredit, wenn nicht anders angegeben:
Universität Innsbruck
Die Kommunikation des Klimawandels erfordert Expertise, Feingefühl und eine klare Sprache. Kurzbeschreibungen reichen oft nicht aus, um komplexe Begriffe verständlich einzuordnen.
Das Klima-Gl:oss:ier der Universität Innsbruck verbindet als Glossar in Dossier-Form die Expertise der Innsbrucker Klimawissenschaftler:innen mit praxisnahen Tipps für die Klimakommunikation: gegen inhaltliche Leere und inflationäre Verwendung, für fundierte Einordnungen, vertiefendes Hintergrundwissen und Orientierung im Umgang mit zentralen Begriffen.


