Kinder in Nairobi beim Fußballspielen

Fußball verändert hier Schicksale. Die Kinder im ACAKORO-Programm erhalten eine Fußball- und eine Schulausbildung.

Wo ein Tor die Zukunft öffnet

Wenn Kinder in einem Slum aufwach­sen, sind ihre Aussichten auf eine bessere Zukunft meist sehr schlecht. Ein beson­deres Projekt mit öster­rei­chi­schen Wurzeln hilft Kindern in Nairobi ihren Weg aus der Armut zu finden – mit Fußball. Begleitet wird das Programm von Simon Mott vom Institut für Psycho­logie an der Uni Inns­bruck.

Im Korogocho-Slum am Nordostrand Nairobis wachsen Kinder in einer Welt auf, in der Gewalt, Hunger und Traumata zum Alltag gehören. Sauberes Wasser, medizinische Versorgung oder regelmäßiger Schulbesuch sind für viele dort keine Selbstverständlichkeiten. „Der Anteil von Menschen aus solchen Verhältnissen, die traumatische Erlebnisse erfahren haben,  liegt in Studien oftmals bei 100 Prozent", sagt Simon Mott, Wissenschaftler am Institut für Psychologie an der Uni Innsbruck. Um das Leben zumindest einiger der dort wohnhaften Kinder zu verbessern, wurde ein ganz besonderes Programm gegründet. Was 2013 als Initiative des oberösterreichischen Fußballers Helmut Köglberger begann, hat sich zu einem wissenschaftlich begleiteten Modellprojekt entwickelt, das weit über die Grenzen Kenias hinaus Aufmerksamkeit erregt. In einer der ärmsten und dichtbesiedelsten urbanen Siedlungen Kenias setzt die ACAKORO Football Academy seit über einem Jahrzehnt auf eine ungewöhnliche Methode der Entwicklungszusammenarbeit, nämlich Fußball.

Schlüssel aus der Armut

Über 150 Mädchen und Jungen zwischen acht und 18 Jahren werden derzeit in der ACAKORO Academy gefördert. Hinter dem Projekt stehen engagierte Personen, die sich mit vollem Einsatz einbringen. Lukas Mott, der Bruder des Wissenschaftlers, leitet seit 2021 vor Ort als Head of Sports die sportliche Entwicklung der Kinder. Simon Mott, Psychologe an der Universität Innsbruck, kam durch diese familiäre Verbindung zur wissenschaftlichen Begleitung des Projekts, zuerst in einer Masterarbeit, aus der schließlich eine vollwertige Langzeitstudie, die ACAKORO Health Study, wurde. Seit 2022 begleitet Simon Mott, unterstützt von seinem Bruder vor Ort, sowie Kolleg:innen am Institut für Psychologie, die Akademie, die auf Fußball als Motor für Bildung und Entwicklung setzt. „Ihr Grundprinzip ist einfach: Wer am täglichen Training teilnehmen will, muss die Schule regelmäßig besuchen“, so Simon Mott, der erläutert, dass die Unterstützung in der Akademie weit über Fußball hinausgehe. „Die Akademie übernimmt Schulgebühren, stellt Mahlzeiten und medizinische Versorgung bereit und fördert psychosoziale Kompetenzen.“ Neben Fußball ist die Bildung die wichtigste Säule des Programms. „Eine nachhaltige und gute Ausbildung schafft Chancen – auch abseits des Fußballplatzes“, erklärt Mott. Eine Erfolgsgeschichte führt auch nach Tirol. Sylvia Makungu kam als Zehnjährige 2013 zur Akademie, heute spielt sie für den FC Wacker Innsbruck in der österreichischen Frauen-Bundesliga.

Stress messen, wo er am größten ist

Kinder, die in so prekären Verhältnissen aufwachsen, erleben in der Regel einen Alltag mit vielen Belastungen. Korogocho ist ein Extremfall urbaner Armut. „Arbeitslosigkeit treibt viele in die Kriminalität. Kinder übernehmen früh Verantwortung, für jüngere Geschwister und für das Familieneinkommen. Nicht weit vom Projektstandort befindet sich die Dandora-Deponie, eine der größten Müllkippen Afrikas. Dort suchen Kinder täglich zwischen giftigen Dämpfen und alten Batterien nach verwertbaren Materialien, um irgendwie ihren Alltag zu finanzieren“, erzählt Simon Mott, der mit der ACAKORO Health Study, eine Längsschnittstudie, systematisch untersucht, was das Programm mit dem Stressempfinden und der Resilienz der Kinder macht. Der Experte nützt dafür Fragebögen, Interviews und Eigenberichte der Kinder sowie biologische Daten. Hierzu zählen Haar-, Fingernagel- und Ohrenschmalzproben, die es ermöglichen, eine retrospektive Messung des Stresshormons Cortisol durchzuführen und so ein objektiveres Bild liefern als Selbstberichte allein. „Mit Fragebögen zu arbeiten, ist verhältnismäßig einfach. Allerdings kann man gerade bei Kindern davon ausgehen, dass gewisse Dinge beschönigt oder bagatellisiert werden. Deswegen sind die biologischen Proben zur objektivierbaren Betrachtung von Stress von sehr großer Bedeutung", erklärt Mott. Die bisherigen Fragebogendaten sind bereits bemerkenswert: Nach nur sechs Monaten Programmteilnahme sank das wahrgenommene Stressniveau der Kinder um mehr als 20 Prozent, die Resilienzwerte stiegen gleichzeitig substanziell an.

Ein sicherer Ort am Victoriasee

Trotz dieser Erfolge stieß das Programm an eine strukturelle Grenze. Die Kinder kehrten täglich in die belastenden Verhältnisse des Slums zurück. „Man hat die Kinder vielleicht drei Stunden am Tag, danach müssen sie wieder zurück in ihr Milieu", sagt Mott. Im August vergangenen Jahres wurde daher in Homa Bay County, rund 200 Kilometer westlich von Nairobi direkt am Victoriasee, ein eigener Internatscampus eröffnet. 25 Kinder zogen dorthin um, und eine Veränderung war direkt spür- und messbar. Kinder, die zuvor kaum Augenkontakt herstellen konnten, kamen plötzlich beim Frühstück auf den Forscher zu, erzählten aus ihrem Leben und stellten neugierig Fragen. Die Daten zum fünften Erhebungszeitpunkt zeigen sechs Monate nach dem Umzug nach Homa Bay einen sprunghaften Anstieg der Resilienzwerte. Die aktuellen biologischen Proben werden derzeit ausgewertet. „Wir sahen Kinder, die endlich wie Kinder sein durften. Dieser Wandel spiegelt sich auch in den Daten wider“, freut sich Mott über das erfolgreiche Projekt. Auch die fußballerischen Qualitäten der Kinder sind bemerkenswert. Aufgewachsen auf unebenen Plätzen, wo der Ball unkontrolliert hüpft, entwickeln sie eine natürliche Koordination und Wendigkeit. Inzwischen ermöglicht das Netzwerk der Akademie den Kindern auch den Kontakt zu europäischen Vereinen: Probetrainings beim FC Chelsea und beim GAK in Graz, Besuche von Scouts internationaler Topvereine – Tore, die sich für Kinder aus Korogocho sonst kaum öffnen würden. Simon Mott fasst zusammen, was ihn persönlich am meisten bewegt: „Das Leben findet seinen Weg – egal unter welchen Bedingungen. Wenn man Kindern jedoch Bildung ermöglicht, wird aus dem alltäglichen Überleben ein selbstbestimmtes Leben voller Chancen und Möglichkeiten."

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins wissenswert erschienen. Eine digitale Ausgabe finden Sie hier.

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