Plattformen wie TikTok stehen aktuell hoch im Kurs, aber auch heftig in der Kritik. Nicht nur lustige Memes und fragwürdige Trends kursieren auf den Plattformen, sondern auch viele politische Inhalte. Das macht die Plattformen zu einer neuen Arena der politischen Kommunikation und des politischen Wettbewerbs, welche bisher noch sehr wenig erforscht wurde. Daher hat die Projektgruppe eine systematische Erhebung der TikTok-Aktivitäten aller österreichischen politischen Akteure auf Landes-, Bundes-, und Europäischer Ebene vorgenommen.
Klares Altersgefälle
Bei Unter-25-Jährigen dienen Social Media Plattformen wie TikTok teilweise schon als einzige Nachrichtenquelle. Unter anderem um Wähler:innen dieser Altersgruppe zu erreichen, versuchen immer mehr österreichische Politiker:innen neben den gewohnten Kommunikationskanälen wie Fernsehdiskussionen, Zeitungsinterviews oder Parteitagsreden auch in die Welt der Plattformen vorzudringen.
Auch unter den Politiker:innen ist ein Altersgefälle zu verzeichnen. Die systematische Erhebung ermöglicht die Schlussfolgerung, dass jüngere Abgeordnete sehr viel eher über TikTok kommunizieren als ältere. Während nur 11 Prozent der über 60-jährigen Politiker:innen einen aktiven TikTok-Account haben, sind es bei den unter 35-Jährigen mehr als die Hälfte.
„Radikalisierungs-Bonus“
Die Ergebnisse des Forschungsprojektes bestätigen die Erwartung, dass Inhalte der politischen Ränder auf TikTok mehr Menschen erreichen und beliebter sind als jene der politischen Mitte. Es gibt also einen „Radikalisierungs-Bonus“ auf TikTok. Während FPÖ und Grüne in dem neuen Medium erfolgreich sind, sind es die traditionellen Volksparteien ÖVP und SPÖ, welche sich schwertun, mit ihren Inhalten auf der Plattform zu punkten. Vor allem der rechtspopulistischen FPÖ gelingt es, über TikTok viele Menschen anzusprechen. Über alle Accounts zusammen haben die Freiheitlichen die meisten Likes und Follower. Auch ein Blick auf das Ranking der Accounts zeigt, dass die Hälfte der 20 beliebtesten Accounts in der österreichischen Politik entweder von FPÖ-Politiker:innen oder FPÖ Parteiorganisationen sind.

Likes von Videos je nach politischer Position der Parlamentsparteien (Links-Rechts-Positionierung nach dem international anerkannten Chapel Hill Expert Survey)

Bei der Anzahl an Follower und Likes liegt die FPÖ klar voran, gefolgt von den Grünen und den NEOS.
Mögliche Gründe dafür sind schnell gefunden. Vor allem die Freiheitliche Partei war bei den sozialen Medien früher dran als die anderen. Die beiden Tiroler Nationalratsabgeordneten Christoph Steiner (FPÖ) und Sigi Maurer (Grüne), welche die Seminargruppe zu Beginn des Semesters besucht hatten, erzählten von den Anfängen ihrer Aktivität auf TikTok ohne viele Ressourcen, und (anfangs) ohne viel Erfolg. Doch im Laufe der Zeit haben sich gewisse Abgeordnete eine Basis an Followern aufgebaut, der die anderen Parteien nun hinterher hinken. Dann wäre da noch der Algorithmus. Obwohl die Funktionsweisen der Plattform nur sehr schwer zu durchblicken sind, wird deutlich: Radikale und kontroverse Inhalte werden von dem Algorithmus schneller und weiter verbreitet als gemäßigte, was vor allem der FPÖ in die Karten spielt.
Politische Inhalte erfolgreich
Entgegen einem weit verbreiteten Irrglauben sind es nicht private Inhalte aus dem Leben der Politiker:innen und deren Beteiligung an TikTok-Trends, welche auf der Plattform Erfolg haben, sondern politische Inhalte. Die, meist jungen, Nutzer:innen der Plattform wollen also nicht sehen, wie sich ihre Abgeordneten bei einem Tanz zum Affen machen, sondern ihre politische Meinung hören. Was auch weitere Fragen aufwirft. Liegt dies an der spezifischen politischen Kultur Österreichs, oder können wir ähnliche Beobachtungen auch in anderen politischen Systemen machen?
Die Projektgruppe hat es sich auch zum Ziel gesetzt, die Ergebnisse des Forschungsprojektes an die Öffentlichkeit zu kommunizieren. Neben einem Beitrag auf Tirol Heute und Social-Media-Beiträgen wurde auch eine Website eingerichtet (https://tiktokatlasoesterreich.org/). Außerdem wird der Datensatz über das Austrian Social Science Data Archive (AUSSDA) veröffentlicht und somit für andere Forschende zugänglich gemacht.
