Sportliche Großveranstaltungen als politische Bühne, andauernde Boykott-Diskussionen rund um die aktuell stattfindende Fußball-WM, erlaubtes Doping bei den Enhanced Games: „Sportliche Großveranstaltungen sind immer auch ein Brennglas auf soziales und politisches Verhalten einer Gesellschaft und ermöglichen tiefe Einblicke in die Strukturen der menschlichen Psyche“, ordnet der Historiker Robert Rollinger die aktuellen Geschehnisse ein und verweist darauf, wie sich universale Muster in allen Epochen und Kulturen erkennen lassen.
Was sind die frühesten Belege für sportliche Wettkämpfe im eurasischen Raum?
Generell ist Sport ein Phänomen, das wir in allen Gesellschaften beobachten. Deshalb ist es aus historischer Sicht ein spannender Untersuchungsgegenstand. Schließlich geht es bei Sport nicht nur um den Wettkampf, sondern dieser verfügt auch über eine soziale Komponente, die soziale Integration und das Aushandeln von Konflikten ermöglicht. Außerdem spielen politische und religiöse Faktoren eine Rolle.
Wir wissen, dass auch in schriftlosen Gesellschaften das Ausüben von Sport eine durchaus wichtige Rolle spielte. Mit der Einführung der Schrift gewinnen wir dann tiefere Einsichten. So verweisen bereits die frühesten schriftlichen Belege aus Mesopotamien und Ägypten im 3. Jahrtausend vor Christus auf die Existenz sportlicher Betätigung im Wettkampf. Selbst Ballspiele sind in diesem Zusammenhang schon bereits erwähnt, auch wenn es sich dabei nicht um Fußball, sondern um ein Stockballspiel handelt, das sich in Mesopotamien besonderer Beliebtheit erfreute. In diesem schon aus dem ausgehenden 3. Jahrtausend v. Chr. stammenden frühen Belegen traten zwei Mannschaften gegeneinander an und rangen um den Sieg.
Lassen sich universale Muster erkennen – also Merkmale, die sportliche Großveranstaltungen über Kulturen und Epochen hinweg teilen?
Sportliche Betätigung und Wettkampfszenarien sind jeweils stark kulturell geprägt, wobei sich gewisse Gemeinsamkeiten durchaus herauskristallisieren, die sich fast überall finden lassen: eine Form des Ringens zum Beispiel, bei der zwei Personen gegeneinander antreten und dabei genau festgesetzte Regeln eingehalten werden müssen, die von einem Schiedsrichter überwacht werden. Auch Wettlauf, Bogenschießen und Pferderennen lassen sich in vielen Kulturen beobachten. Ebenfalls universal präsent ist das Nebeneinander von Einzel- wie Mannschaftswettkämpfen.
Sehr oft hatten sportliche Wettkämpfe auch eine religiöse Konnotation oder fanden im Kontext von religiösen Veranstaltungen statt, oft auch in Tempelarealen. Außerdem waren Sportveranstaltungen als soziale Knotenpunkte schon immer ein hervorragendes Medium der herrschaftlichen Repräsentation. Politische Anführer konnten sich größeren Gruppen zeigen, mit ihnen kommunizieren oder als „Sponsoren“ auftreten. Gleichzeitig konnte bei dieser Gelegenheit auch militärische Stärke zur Schau gestellt werden. Vor allem in der Antike nahmen Herrscher oft selbst an solchen Bewerben teil, um ihre physische Kraft unter Beweis zu stellen. Dabei geht es allerdings auch immer um die Frage, inwiefern solche Ereignisse inszeniert wurden und die Reklamation von Siegen einfach als ein sozial notwendiger Akt der Selbstvergewisserung zu verstehen ist.
Auch heute stellen sportliche Wettkämpfe eine wichtige politische Bühne dar. Jede einzelne Nation überlegt sich genau, wie sie sich präsentieren will. Gleiches gilt auch für die Veranstalter. Man denke etwa an Sportevents in Saudi-Arabien oder jetzt in den USA. Tatsächlich beobachten wir, dass sich die politische Instrumentalisierung des Sports in den letzten Jahrzehnten verstärkt hat. Eine besondere Form der Inszenierung stellt der Boykott eines Bewerbes dar, bei dem die Nicht-Teilnahme als politisches Statement verkauft wird. Sportliche Großveranstaltungen bieten somit immer auch eine Art Brennglas auf soziales und politisches Verhalten einer Gesellschaft und ermöglichen tiefe Einblicke in die Strukturen menschlicher Gemeinschaften.
Gleichzeitig ist Sport aufs engste mit dem agonalen Prinzip verbunden, das heißt, des sich „gegenseitig Messens“, wobei dieses Messen in einen zivilisatorischen Rahmen eingebettet ist: Es gibt Regeln und einen Schiedsrichter, der auf den korrekten Ablauf der Ereignisse achtet.
Gibt es historische Beispiele von sportlichen Großveranstaltungen, bei denen es zu Gewaltausbrüchen kam?
Solche Beispiele gibt es in der Tat. Konflikte konnten entgleisen, wobei die Zuschauer bzw. „Fans“ eine zentrale Rolle spielten: Ein berühmter Fall eines Gewaltausbruchs ereignete sich in der frühen römischen Kaiserzeit: Die beiden römischen Städte Pompeji und Nuceria waren über mehrere hundert Jahre erbitterte lokale Rivalen. Im Amphitheater in Pompeji wurden im Jahr 59 n. Chr. Gladiatorenspiele abgehalten, bei denen sich Vertreter aus beiden Städten von vornherein feindlich gegenüberstanden. Die Stimmung war derart aufgeladen, dass es schließlich zu einer Massenschlägerei kam, bei der mehrere Menschen ums Leben kamen. Der Senat in Rom leitete darauf ein Verfahren gegen die Stadt, den Veranstalter und die beteiligten Schläger ein. Die Bestrafung war hart. Mehrere Personen wurden ins Exil geschickt und Pompeji wurde für den Zeitraum von zehn Jahren das Austragen von Spielen untersagt. Ich denke, die FIFA könnte durchaus einiges von den römischen Verantwortlichen lernen, wenn es darum geht, nach Ausschreitungen und Tumulten harte Konsequenzen zu ziehen.
Ein weiteres eindrückliches Beispiel ist der sogenannte Nika-Aufstand des Jahres 532 n. Chr. in Konstantinopel: Im Kontext der stets politisch aufgeladenen Wagenrennen im Hippodrom entwickelte sich ein blutiger Aufstand gegen Kaiser Justinian, der seine Herrschaft ernsthaft bedroht sah, das Militär gegen die eigene Bevölkerung einsetzte und mehrere tausend Aufständler massakrieren ließ. Das Ereignis zeigt nicht nur, wie sehr sportliche Großveranstaltungen als Interaktionsraum zwischen Herrscher und Bevölkerung dienten, sondern auch wie schnell sich in diesem Raum eine emotionale Stimmung entladen konnte und die sportliche Veranstaltung zum politischen Zündstoff werden konnte.
Welche Rolle spielte die individuelle Persönlichkeit der Athlet:innen? Wurden sie als Held:innen des Staates gefeiert?
Auch hier gibt es wieder zahlreiche Beispiele aus der römischen Kaiserzeit. Gladiatoren wurden als Helden gefeiert, aber insbesondere auch die Lenker der Wagenrennen – quasi eine frühe Form der Formel 1 – wurden zu Volkshelden stilisiert. Weil das Fahren eines Pferdegespanns im Circus als „niedere“ Tätigkeit galt, kamen diese Personen oft aus unteren sozialen Schichten. Doch erzielten erfolgreiche Wagenlenker oft enorm hohe Preisgelder und wurden zu gefeierten Lieblingen der Massen. Aber nicht nur die Athleten wurden gefeiert, sondern auch die Pferde, die die Wagen zogen. Ihnen errichtete man teils bombastische Grabdenkmäler.
Ähnlich wie beim modernen Fußball oder der Formel 1 wechselten erfolgreiche Wagenlenker oft die Rennställe, wenn ihnen ein besseres Angebot gemacht wurde – mit allen emotionalen Reaktionen, die das beim Publikum auslöste: vom Verräter-Vorwurf bis zur begeisterten Aufnahme bei der neuen Partei.
Inwiefern hat man Spitzenleistungen in der Antike in einen religiösen Kontext eingeordnet?
In gewisser Weise war dieses Denken immer da – und ist es in vielen Fällen immer noch. Dabei können sportliche Spitzenleistungen auf göttliche Gunst zurückgeführt werden. Ein schönes Beispiel dafür findet sich im alten Mesopotamien gegen Ende des 3. Jahrtausend v. Chr. So behauptete König Shulgi von Ur in einem Hymnus, die rund 350 km von Ur nach Nippur und wieder zurück an einem einzigen Tag gelaufen zu sein – eine Leistung, die gewiss nicht der Realität entsprochen haben wird. Doch spiegelt dieser frühe Marathon der Superlative den Anspruch wider, eine für die Ewigkeit unübertreffbare Leistung erbracht zu haben. Das ist gewissermaßen das antike Äquivalent zum modernen Weltrekord-Gedanken.
Aber es gibt auch noch einen weiteren Aspekt, der für die Antike genauso gilt wie für die Moderne: Vielfach können sich sowohl Athlet:innen als auch Trainer:innen beim besten Willen nicht erklären, warum sie in einer Saison Erfolge feiern, in der nächsten wieder nicht. An diesem Punkt werden „alternative“ Erklärungsmodelle bemüht und der Aberglauben hält als fester Bestandteil Einzug in den Sport, der in gewisser Weise einen religiösen Mantel bekommt. In der Antike gab es vor Sportwettkämpfen religiöse Zeremonien, Rituale und Gebete. Das ist heute bei aller Aufgeklärtheit nicht unbedingt anders, wenn sich Fußballspieler:innen vor dem Match bekreuzigen, niederknien oder die Hände zum Himmel strecken, den Rasen zuerst mit dem linken oder rechten Fuß betreten oder anderen Ritualen folgen. Dieses Verhalten ist eine Art der religiös verbrämten Selbstvergewisserung und kann unterschiedliche individuelle Hintergründe haben.
Höher, schneller, weiter: Sportliche Wettkämpfe testen immer die Grenzen des Möglichen. Wie sind die „Enhanced Games“ in diesem Zusammenhang einzuordnen, die im Mai 2026 in Las Vegas stattgefunden haben?
Einerseits ist es interessant, wie viel Geld hinter solchen Veranstaltungen steckt. Aber auch die Philosophie, den perfekten Menschen zu schaffen, ist bemerkenswert. Tatsächlich hat man sich ja unter Zuhilfenahme diverser Pharmazeutika erhofft, dass mehrere Weltrekorde erzielt werden, was allerdings nicht der Fall war. Die von ökonomischen Interessen getriebene Absicht, gezielt bestimmte Produkte zu verkaufen, ist unübersehbar. Auch in der Antike griffen Spitzensportler zu besonderen Mitteln – etwa Ringer, die durch spezielle Diäten gezielt Körpermasse aufbauten. Ein Doping-Bewusstsein im modernen Sinne gab es freilich nicht, aber gesundheitliche Langzeitschäden dürften auch damals keine Seltenheit gewesen sein. Solche Ideen haben also auch in der Antike eine gewisse Rolle gespielt, aber die Kommerzialisierung des Sports in unserer Gegenwart darf trotzdem als unübertroffen gelten.
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