Die Veranstaltung fördert den Dialog zwischen Erfahrungsexpert*innen, Fachpraxis, Wissenschaft und Politik und bietet eine Plattform, um aktuelle Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze zu diskutieren. Erstmals wurde der Care Day von Expert*innen aus eigener Erfahrung konzipiert, organisiert und geleitet. Der Care Leaver Selbstvertretungsverein Österreich stellte gemeinsam mit seinen Kooperationspartnern – dem Dachverband der Tiroler Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen (DTKJ), dem Vorarlberger Kinderdorf und der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck – ein umfangreiches Programm zusammen, das die Perspektiven und Erfahrungen von Care Leaver*innen in den Mittelpunkt rückte.
Ganz im Sinne des Veranstaltungstitels „Care Leaver*innen erzählen“ hielten mit Rebecca Blattner und Alexandra Weiss auch die derzeitige und ehemalige Obfrau des Vereins die erste Keynote. Dabei zeigte sich die Relevanz, wenn Personen mit Erfahrungsexpertise über das Alleingelassenwerden im Übergang ins Erwachsenenalter sowie über fehlende Beteiligungsmöglichkeiten innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe sprechen. Die Vortragenden haben selbst erlebt, wie entscheidend es für die persönliche Entwicklung und die gesellschaftlichen Teilhabechancen ist, wenn die Anliegen von jungen Menschen systematisch berücksichtigt werden und sie am Weg in ein selbstbestimmtes Leben ausreichend Unterstützung erhalten. Im gegenwärtigen Kinder- und Jugendhilfesystem in Österreich finden sich derzeit keine verbindlichen Möglichkeiten für eine Verlängerung der Unterstützungsleistung bis 26 Jahre sowie keine fix verankerten Mitbestimmungsrechte für junge Menschen.
Umso wichtiger und erfreulicher war es, dass diese Perspektiven auch die folgenden eingeladenen Entscheidungsträger:innen erreichten: Eva Pawlata (Tiroler Soziallandesrätin), Katharina Schuierer-Aigner (Leiterin der Tiroler Abteilung für Inklusion, Kinder- und Jugendhilfe), Michael Lindner (Geschäftsführer des Dachverbands Österreichischer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen), Lukas Trentini (Tiroler Kinder- und Jugendanwalt) und Jürgen Hartmann (Vorarlberger Kinder- und Jugendanwaltschaft). In der Podiumsdiskussion ging es vor allem um Barrieren und Lösungen, um die seit Langem bestehende Problematik zu verbessern. Unter der Moderation von Maresi Kienzer und Tom Adrian ([Um]bruch:stelle Wien) wurden Möglichkeiten diskutiert, den durch die Verländerung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes entstandenen Stillstand zu überwinden und eine bessere nationale Vernetzung bestehender Initiativen zu erreichen.
Aus wissenschaftlicher Perspektive verdeutlichten die Vorträge von FH-Prof.in Christina Lienhart (MCI Innsbruck) und Dr. Michael Rasell (Universität Innsbruck) den bestehenden Handlungsdruck anhand internationaler Forschungsergebnisse. Besonders hervorgehoben wurden zudem die bislang unzureichend entwickelten Möglichkeiten des Peer-Supports sowie die Notwendigkeit einer gesetzlichen Implementierung und dauerhaften Finanzierung für die Selbstvertretungstätigkeiten von Care Leaver*innen.
In den beiden Workshop-Blocks wurde der Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Erfahrungsexpert*innen weiter intensiviert. Konzipiert und geleitet von Care Leaver*innen gemeinsam mit Partnerorganisationen (DOWAS Tirol, Vorarlberger Kinderdorf, SPACE Jugendwohngemeinschaft, Innovia und Horizon-Europe-Projekt RESPONSIVE) wurden aktuelle Herausforderungen in den Bereichen Wohnungsnot, Übergang in die Eigenständigkeit, psychische Gesundheit, Jugendcoaching und Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe erarbeitet.
Am Ende des Tages blieben neben zahlreichen neuen Erkenntnissen, Kontakten und Ideen vor allem die von Erfahrungsexpert*innen geäußerten Forderungen nach mehr Verbindlichkeit in Erinnerung. Alexandra Weiss vom Care Leaver Verein fasste es pointiert zusammen: „Wir sind hier, wir sind resilient und wir gehen nicht mehr weg, solange sich nichts ändert.“ Dieser Aufruf hinterließ die Hoffnung und Erwartung, dass die besprochenen Handlungsmöglichkeiten auch in konkrete politische Schritte überführt werden.
Website: https://www.careleaver.at/care-day/
(David Furtschegger)
