Hunger und Mangelernährung zu bekämpfen zählt zu den zentralen UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Trotz zahlreicher Maßnahmen wird SDG 2 – kein Hunger – laut UN-Bericht bis 2030 bei Weitem nicht erreicht werden. In Subsahara-Afrika sind insbesondere Kinder von den Folgen von verstecktem Hunger – einem ernährungsbedingten Mangel an Mikronährstoffen – besonders betroffen. In einigen Regionen, unter anderem in der Sahel-Zone, treten mehrere Formen von Mangelernährung, nämlich Anämie, Unterentwicklung (chronische Unterernährung), Untergewicht und Auszehrung (akute Unterernährung), mit hoher Wahrscheinlichkeit gleichzeitig auf – allerdings nicht in jeder Altersgruppe gleichermaßen. Das zeigt eine aktuelle Veröffentlichung von einem Team vom Institut für Statistik der Universität Innsbruck sowie der ETH Zürich im Fachjournal Communications Medicine (Nature).
„Versteckter Hunger ist in Subsahara-Afrika natürlich ganz generell ein Problem. Unsere Ergebnisse zeigen aber doch ein heterogenes Bild im Hinblick auf Länder und Regionen", sagt Lead-Autor Johannes Seiler. „Wenn man bedenkt, wie knapp die Ressourcen zur Bekämpfung von Hunger sind, dann kann unsere Studie eine Entscheidungshilfe für einen gezielteren Einsatz dieser Mittel sein", ergänzt Co-Autor Benjamin Müller. Zuvor waren zwar bereits einzelne ernährungsbedingte Risikofaktoren wie Anämie oder chronische Unterernährung und deren regionales Auftreten gut erforscht worden. Über die Korrelation mehrerer Faktoren konnte man allerdings keine fundierten Aussagen treffen. Voraussetzung für die aktuell publizierten Ergebnisse ist ein neu entwickeltes Schätzverfahren, das ebenfalls von Innsbrucker Statistikern rund um Nikolaus Umlauf und Achim Zeileis im Jahr 2024 veröffentlicht und nun an einem großen Datensatz angewendet wurde.
"Wenn man bedenkt, wie knapp die Ressourcen zur Bekämpfung von Hunger sind, dann kann unsere Studie eine Entscheidungshilfe für einen gezielteren Einsatz dieser Mittel sein."
Basierend auf über 200.000 Beobachtungen von Kindern im Alter von 6 bis 59 Monaten aus 30 Ländern identifiziert die statistische Untersuchung jene Regionen, in denen mehrere von der WHO definierten Risikofaktoren auftreten, und zwar: ein zu niedriger Hämoglobinwert im Blut (Hb), eine zu geringe Körpergröße in Relation zum Alter (HAZ), ein zu niedriges Gewicht für das Alter (WAZ), und ein zu niedriges oder zu hohes Gewicht bezogen auf die Körpergröße (WHZ).
Um Zusammenhänge der Faktoren geographisch darstellen zu können, vereinten die Wissenschaftler:innen Daten aus den Demographic and Health Surveys (Hb, HAZ, WAZ und WHZ) mit räumlichen Informationen (z.B., Temperatur oder Malariainzidenz) in einem multivariaten Regressionsmodell. „Wir haben viele und relativ gute Daten aus dem Demographic and Health Surveys Program, die teilweise bis in die 1990er Jahre zurückreichen", beschreibt Johannes Seiler, der bereits seit fast 10 Jahren mit dieser Datengrundlage arbeitet. „Wir können also die Indikatoren in ihrer zeitlichen und räumlichen Dynamik im Modell abbilden." Was theoretisch relativ einfach klingt, bringt in der Praxis allerdings einige Herausforderungen mit sich. Arbeitet man mit großen Datensätzen in einem komplexen multivariaten Modell, benötigt man eine entsprechend gute und leistungsfähige Recheninfrastruktur. Die notwendigen hohen Rechenkapazitäten standen auf den LEO-Hochleistungsrechnern der Universität Innsbruck zur Verfügung.

Geschätzte räumliche Verteilung der Prävalenz von Anämie (Hb < 110 g L-1) und chronischer Mangelernährung (HAZ < -2) sowie der Korrelation zwischen Hb und HAZ in Subsahara-Afrika im Jahr 2020. Die Karten zeigen die modellierte Prävalenz von Anämie bei Kindern im Alter von 6 bis 59 Monaten (links), die geschätzte Korrelation zwischen Hämoglobin und HAZ (Mitte) sowie die Prävalenz von chronischer Mangelernährung (rechts).
Ergebnisse im Detail
Durchgängig sehr hohe Prävalenzwerte bei mehreren untersuchten Risikofaktoren konnten die Wissenschaftler:innen insbesondere in Niger, Mali oder Burkina Faso (Sahel-Zone) zeigen; hier leiden Kinder mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sowohl an Anämie, als auch an chronischer und akuter Mangelernährung. In Ostafrika hingegen ist Anämie weitestgehend weniger verbreitet, andere Formen von Mangelernährung jedoch schon.
Das Modell kann auch Altersunterschiede identifizieren: Anämie und akute Mangelernährung sind am häufigsten bei Kleinkindern unter zwei Jahren und nehmen mit dem Alter ab. Chronische Mangelernährung hingegen ist bei jüngeren Kindern seltener, nimmt aber mit dem Alter zu und erreicht im zweiten bis dritten Lebensjahr ihren Höhepunkt. „Die geografische Heterogenität ist stark ausgeprägt, dass pauschale Interventionen für ganz Subsahara-Afrika nicht zielführend sind", so das Fazit der Wissenschaftler:innen aus der Studie.
Die Forschung, aus der die aktuelle Publikation hervorgeht, wurde vom FWF im Rahmen des Projekts „Probabilistic Machine Learning“ mitfinanziert.
Publikation: Seiler, J., Müller, B., Günther, I. et al. Co-occurrence patterns of malnutrition indicators among children in sub-Saharan Africa. Commun Med 6, 195 (2026). https://doi.org/10.1038/s43856-026-01426-8
