Soziologe Bernhard Weicht vor seinem Schreibtisch

Bernhard Weicht, Leiter des Instituts für Sozologie, im Gespräch über das EU-Horizon-Projekt „LeTsCare“.

Lang­zeit­pflege in Eur­opa: Hin­ein­zoo­men in lokale Kon­texte

Im EU-Projekt „LeTs-Care“ erforschen Wissenschaftler:innen die Kontexte und Herausforderungen in der Langzeitpflege in sieben EU‑Ländern. Soziologe Bernhard Weicht, der gemeinsam mit Lisa Waldenburger das zweite Arbeitspaket koordiniert, spricht im Interview über bisherige Erfahrungen und darüber, wie wichtig es ist, klarzustellen, worüber man spricht, wenn es um Pflege geht.

Im April 2024 startete das „„Horizon Europe“-Projekt unter der Leitung der Ca’ Foscari Universität Venedig. Ziel des europäischen Forschungsvorhabens ist die Herausarbeitung nationaler Besonderheiten und die Formulierung konkreter Vorschläge zur Verbesserung der Langzeitpflege in Europa – sowohl für die Menschen mit Pflegebedarf als auch für die Pflegenden. Bernhard Weicht vom Institut für Soziologie erzählt im Gespräch, was das Team in rund zwei Jahren bereits gelernt hat.

Warum ist die Unterscheidung zwischen Pflege und Betreuung in Österreich relevant?

Diese Begriffe haben starke rechtliche Implikationen. In Österreich gibt es beispielsweise seit Mitte der 2000er Jahre ein legalisiertes System der sogenannten 24‑Stunden‑Betreuung durch zumeist migrantische Personenbetreuerinnen, welches durch die Bundesländer sowie das Land finanziell unterstützt wird. Rechtlich dürfen diese Personen Betreuung leisten – soziale Unterstützung, Haushaltsführung – aber keine Tätigkeiten der Pflege im engeren (pflegerisch‑medizinischen) Sinne übernehmen. Wenn wir also Pflegesysteme in der EU vergleichen und fragen, wer die Pflegekräfte sind – zählen wir dann in Österreich die Personenbetreuerinnen dazu? Auf der einen Seite dürfen sie viele der Pflegeaufgaben rein rechtlich nicht übernehmen, auf der anderen Seite sind sie eine immense Stütze für viele Personen mit Pflegebedarf und deren Angehörigen.

Für internationale Vergleiche – wie viele Pflegekräfte es gibt, wie viele künftig gebraucht werden und welche Qualifikationen benötigt werden – ist diese Unterscheidung zentral. Und solche Besonderheiten gibt es in den anderen Ländern auch. Und auch in den ExpertInnen-Interviews wurde die Unterscheidung zwischen Pflege und Betreuung immer wieder thematisiert: Wenn wir allgemein von ‚Pflege‘ gesprochen haben, wurden wir häufig korrigiert – ‘Worüber reden wir genau? ’ Das macht einen großen Unterschied – besonders wenn es um Organisation und Finanzierung geht.

Wie haben Sie die Herausforderungen der Langzeitpflege methodisch erfasst?

Die Grundidee in dem von mir koordinierten Arbeitspaket war, dass die Herausforderungen in spezifische lokale institutionelle und kulturelle Kontexte eingebettet sind. Das heißt, wir mussten Wege finden, diese Herausforderungen in lokalen Kontexten und deren Bedeutungen zu untersuchen. Neben einer breiten Literaturanalyse haben wir nationale Policy‑Texte untersucht, da diese aufgrund ihrer herausfordernden Zugänglichkeit in vergleichenden Studien meistens keine Berücksichtigung finden. Das heißt, wir haben im jeweiligen nationalen Kontext in den letzten zehn Jahren veröffentlichte Policy‑Texte zur Langzeitpflege und Altenpflege ausgewertet. Es folgten ExpertInnen-Interviews – etwa 15 bis 20 pro Land mit unterschiedlichen Akteursgruppen. Abschließend organisierten wir nationale Workshops, um unsere Ergebnisse gemeinsam zu diskutieren.

"Uns geht es auch darum, zu zeigen, wo spezifische Lösungen möglich sein könnten – und wo sie unter den aktuellen strukturellen Umständen nicht realistisch sind."

Was bedeutet „Kontext“ in Ihrer Forschung?

Viele Bereiche der Langzeitpflege werden auf nationaler Ebene gestaltet. Aber wir haben gelernt, dass die regionalen Kontexte innerhalb vieler dieser Länder – in Spanien, Italien, Österreich – eine große Rolle spielen. Deshalb haben wir versucht, diese Vielfalt mit einzubeziehen: Im Norden Italiens meinen Herausforderungen in der Langzeitpflege etwas anderes als im Süden; in Andalusien kann „gute“ Pflege etwas anderes bedeuten als in Valencia.

Deswegen müssen wir noch weiter in territoriale Unterschiede hineinzoomen und die Kontexte berücksichtigen. Nur wenn wir wirklich verstehen, was bestimmte Dinge im lokalen Kontext bedeuten, können wir über gemeinsame Wege, gemeinsame Projekte und gemeinsame Ansätze auf nationaler oder EU-Ebene nachdenken.
Wir meinen nicht alle dasselbe, wenn wir über Qualität oder Pflegebedürfnisse sprechen. Alle denken, dass Interventionen die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen sollten, aber tatsächlich meinen wir Unterschiedliches mit ‘Bedarf’.

Haben Sie ein Bespiel dafür?

Im dänischen Fall liegt der Fokus bei ‘Bedürfnissen’ stark auf der Selbstbestimmung der pflegebedürftigen Person. Also der Vorstellung, dass diese Menschen selbst entscheiden können, wie sie im Alter leben wollen und wie ihre Versorgung organisiert sein soll. In anderen Kontexten werden Bedürfnisse viel stärker im biomedizinischen Sinne verstanden: Was muss konkret getan werden, damit eine Person gesund oder sicher ist. Andere beziehen in die Überlegungen zu subjektiven Bedürfnissen auch soziale Aspekte mit ein – wie beispielsweise ältere Menschen in die soziale Gemeinschaft integriert werden können.

Wir müssen also zuerst verstehen, was wir mit jedem dieser Kernbegriffe eigentlich meinen. Tun wir dies nicht, befinden wir uns in einem unscharfen Bereich, wenn wir Maßnahmen und Interventionen gestalten.

Sprache spielt also eine wesentliche Rolle. Wie geht man denn in der Kommunikation innerhalb des Projekts damit um?

Das war tatsächliche eine spannende Herausforderung. Wir sprechen und schreiben im Projekt hauptsächlich in Englisch, aber die Interviews wurden natürlich in den Landessprachen geführt. Deshalb sprechen die ExpertInnen nicht über ‘care needs’, sondern über das, was ‚needs‘ in ihrer Sprache bedeuten. Wir haben versucht, sensibel für sprachliche Unterschiede zu sein – so gibt es im Bericht beispielsweise ein Glossar, welche Begriffe in den nationalen Sprachen verwendet werden und wie diese im Englischen zu verstehen sind.

Wann wurden Sie auf die unterschiedlichen nationalen Kontexte im Projekt aufmerksam?

Wir haben bereits relativ früh über die verschiedenen Pflegesysteme gesprochen, die je nach Land sehr verschieden sind und damit Einfluss auf die Herausforderungen und Bedeutungszuschreibungen haben. Mit dem Blick nach Dänemark oder den Niederlanden – beide mit einer langen Geschichte etablierter Langzeitpflege als eigenständiges Politikfeld – diskutierten wir über Deinstitutionalisierungsprozesse. Die Versorgung war dort stark institutionalisiert, es gab Pflegeheime in verschiedenen Formen. In den letzten Jahren kann man in beiden Ländern eine Tendenz beobachten Pflegeaufgaben wieder mehr in die Gemeinschaft, die Familie und das Ehrenamt zu verlagern.

Ähnliches können wir zwar auch in anderen Ländern wie Italien, Österreich und Spanien beobachten, doch hier wurde die Institutionalisierung selbst nie so stark umgesetzt. Dort macht der Begriff der ‘Deinstitutionalisierung’ weniger Sinn, beziehungsweise steht Institutionalisierung noch mit dem Aufbau eines eigenständigen Politikfelds aus. Und dann gibt es noch Systeme, wie das von Italien, wo man nicht mal von einem Pflegesystem per se sprechen kann. Es gibt verschiedene Elemente, die zusammengenommen als Pflegesystem fungieren, aber kein Politikfeld darstellen.

Wie kann man also Pflegesysteme vergleichen, wenn es einerseits eine lange Geschichte eines spezifischen, eigenständigen Politikfeldes gibt – vielleicht sogar ein Ministerium für Langzeitpflege – und andererseits Kontexte, in denen dies nicht mal annähernd existiert? Was zählen wir als Politikfeld?

Das klingt ein bisschen wie ein Realitätscheck ...

Ja. Vor allem, wenn wir daran denken, was Entscheidungsträger:innen auf EU-Ebene – aber auch Politik auf nationaler und regionaler Ebenen – brauchen kann. Es ist eine Art Warnung: Wenn wir über Politiken und Projekte nachdenken, müssen wir berücksichtigen, dass sie in unterschiedlichen Kontexten sehr verschieden verlaufen. Eine Warnung davor, schnell Strategien und Lösungen zu entwickeln, die sich dann vielleicht anders als erwartet in der Realität entfalten.

In diesem Sinn halte ich es für einen wichtigen Bestandteil eines gemeinsamen Rahmens oder einer gemeinsamen Strategie, anzuerkennen, dass lokale Aspekte wichtig sind, dass beispielsweise der Wohnort einen großen Unterschied macht – und dass zu ignorieren, wäre fahrlässig für jede politische Maßnahme.

Was bedeutet das in Hinblick auf für politische Entscheidungen?

Unsere Forschung zeigt deutlich, dass der Kontext auch eine Rolle dafür spielt, wofür Geld eingesetzt werden kann und wie Ideen praktisch umgesetzt werden können. Und der Kontext ist natürlich dann besonders relevant für die Menschen, die in diesem leben. Der Kontext in dem man lebt hat generell Auswirkungen darauf, wie man altert, wie man versorgt wird und welche Optionen es gibt. Und das Gleiche gilt für politische Entscheidungsträger:innen: Was man mit einem bestimmten Budget machen kann, ist in verschiedenen Kontexten unterschiedlich - und muss unterschiedlich gedacht werden.

Wenn ein Pflegesektor mehr Geld hat, aber keine Menschen, die darin arbeiten, was kann man dann tun? Vielleicht schönere Pflegeheime bauen - aber das löst nicht das Problem, dass man eigentlich mehr Personal braucht. Uns geht es auch darum, zu zeigen, wo spezifische Lösungen möglich sein könnten – und wo sie unter den aktuellen strukturellen Umständen nicht realistisch sind.

Das hier in gekürzter Form veröffentlichte Interview erschien als zweiter Teil einer Gesprächsreihe über LeTs-Care. Geführt wurde es von Andrea Foà, Kommunikationsbeauftragter bei REVES – European Network of Cities and Regions for the Social Economy. Hier geht es zur englischen Originalversion.

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