Ulrike Kindl steht an einem Rednerpult vor einer Leinwand und zeigt mit einer Hand nach oben.

Ulrike Kindl, Autorin der Bücher über die Kritische Lektüre der Dolomitensagen und emeritierte Professorin der Universität Ca'Foscari in Venedig, bei ihrer Präsentation am Forschungsinstitut Brenner-Archiv an der Universität Innsbruck.

Ladi­ni­sches Erbe: Karl Wolffs Dolo­mi­ten­sa­gen

Die Literaturwissenschafterin Ulrike Kindl ordnet die Sage von König Laurin und seinem Rosengarten aus Karl Felix Wolffs Bestseller "Dolomitensagen" als Kulturgeschichte der ladinischen Minderheit ein. Am Rande der Vorstellung des nunmehrigen dritten Teiles ihres Lebenswerkes im Brenner-Archiv verwies sie im APA-Gespräch auf viele Verbindungen von Sagenstoff, Politik und Tourismusgeschichte in den Dolomiten.

„Die Dolomitensagen sind ladinisches Kulturgut“, zeigte sich die gebürtige Meranerin Ulrike Kindl überzeugt. Die Arbeitsweise vom Südtiroler Volkskundler Karl Felix Wolff und die Herkunft der verschiedenen Sagenstoffe sei seit jeher umstritten gewesen, erklärte sie: „Weil ihm vorgeworfen wurde, Überlieferungen nicht nur aufgezeichnet, sondern auch bearbeitet und umgeformt zu haben.“ Die Literaturwissenschafterin hat in ihrer jahrzehntelangen Forschung zum Stoff jedoch herausgearbeitet, dass er bestimmte Textstellen zwar leicht angepasst hat, die Vermischung zwischen der mittelhochdeutschen Laurin-Märe und ladinischen Überlieferungen zur Enrosadüra ("Alpenglühen") aber vermutlich auf einen einfachen Übersetzungsfehler zurückzuführen sei.

Die Entstehung von Sagen

Die Entstehung der Alpenglühen-Sage könnte jedenfalls auf einen ladinischen Sprachgestus zurückgehen, betonte sie. „L soreie floresc“ heiße ins Deutsche übersetzt so viel wie „die Sonne blüht“ oder „die Sonne geht unter“. Daraus habe sich laut Kindl dann die Vorstellung eines verzauberten blühenden Gartens entwickelt, dessen rote Farbenpracht man nur bei Sonnenuntergang sieht. „In der ladinischen Sage sind es übrigens 'zondres', also Alpenrosen, die da erblühen.“

Dem mittelalterlichen Spielmann, der die Sage ursprünglich im 13. Jahrhundert aufgeschrieben hatte, müsse zudem ein zweites Missverständnis passiert sein, als er das erste Mal von Laurins wundersamem Rosengarten gehört hat. Der Zaubergarten liege „in tiroldes tanne“ und sei von einem „seidenen“ Faden eingehegt gewesen, heißt es im entsprechenden Spielmannslied. Kindl erklärte, dass eine „séida“ im fassanischen Ladinisch ein „Grenzstreifen“ aus ungemähtem Gras auf den Almweiden sei – und nur im deutsch-ladinischen Kontaktgebiet zwischen Schlern, Rosengarten und Karerpass aus einer „séida“ ein „seidener“ Faden werden könne. „Die Geschichte vom Rosengarten und dem Alpenglühen ist ladinisch, der Epos um König Laurin gehört ins deutsche Mittelalter - Wolff hat diese Verknüpfung zu verantworten“, brachte es Kindl auf den Punkt.

Sage, Minderheit und Tourismus

Wolff habe durch seinen 1913 erschienenen Bestseller „Dolomitensagen“ – der zunächst noch als „schmales Bändchen“ erschienen sei, sowie die Verknüpfung der Sage von König Laurin mit ladinischen Erzählungen über das Alpenglühen das Bild der Dolomiten jedenfalls nachhaltig geprägt. „Für mich ist das nicht nur eine literarische, sondern auch eine kulturpolitische Frage, weil es um das mündlich überlieferte Erbe der Dolomiten-Ladiner geht“, betonte die Literaturwissenschafterin.

Cover von Karl Felix Wolffs "Dolomitensagen"
Schwarz-Weiß-Foto von Karl Felix Wolff

Diese Minderheit sei „die älteste Wurzel Tirols“ und nicht zuletzt aufgrund fehlender schriftlicher Überlieferungen historisch und sprachlich besonders verwundbar, erklärte die Meranerin. Von Ladinern existierten nur wenige historische Nachlässe, weshalb mündliche Traditionen eine zentrale Rolle spielten. Insgesamt handle es sich bei der Minderheit nur um rund 30.000 Menschen in den Provinzen Bozen, Trient und Belluno. Sobald Familien abwanderten, gehe die Sprache zudem rasch verloren.

Zugleich verwies sie auf die Spannungen zwischen kultureller Kontinuität und wirtschaftlicher Entwicklung: Der Tourismus habe den Ladinern zwar die Grundlage gegeben, in ihren Tälern zu bleiben. Gleichzeitig werde die Tradition nun von jener Entwicklung unter Druck gesetzt, die ursprünglich den Wohlstand gebracht habe. Eines der größten Probleme sei heute der Massentourismus in den Dolomiten mit seinen die „Umwelt und sozialen Strukturen zerstörenden Aspekten“, sagte Kindl.

Jahrzehntelange Forschung

Das im vergangenen Jahr erschienene Buch ist bereits der dritte Band von Kindls kritischer wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Wolffs „Dolomitensagen“. Der erste Band sei bereits 1983 erschienen, blickte die Forscherin zurück. Sie beschäftige sich jedenfalls seit mehr als 40 Jahren mit Wolff und dessen Werk. Geld und institutionelle Unterstützung für die Erforschung ladinischer Kultur seien erst infolge des zweiten Südtiroler Autonomiestatuts im Jahr 1972 und der damit verbundenen finanziellen Unterstützung kultureller Einrichtungen möglich geworden. Kindl ordnete Wolff zudem als den wichtigsten journalistischen Vermittler des frühen Dolomiten-Tourismus ein. „Mit seinen Artikeln in deutschsprachigen - später auch italienischsprachigen - Zeitungen und Reisezeitschriften hat er das Bild der Dolomiten weit über die Region hinaus bekannt gemacht“, sagte sie.

Dolomiten gingen „viral“

Neben dem Juristen und begeisterten Freizeit-Alpinisten Theodor Christomannos, der die touristische Erschließung der Region als Unternehmer mit vorantrieb, sei Wolff damit zu einer prägenden Figur der touristischen Inszenierung des Dolomitenraums geworden. Christomannos habe unter anderem die Große Dolomitenstraße initiiert, die 1909 eröffnet wurde und Bozen mit Cortina d‘Ampezzo verbindet. „Finanziert wurde der Bau der Straße auch mit Unterstützung des k.u.k.-Reichskriegsministeriums, das strategische Interessen an einer Verkehrsverbindung entlang der Grenze zum Königreich Italien hatte“, sagte Kindl.

Die Bezeichnung „Dolomiten“ für die inzwischen weltbekannte Berggruppe habe sich indes erst vergleichsweise spät durchgesetzt. In ihrer Forschung habe sie nachweisen können, dass britische Reisende und Abenteurer diese in Reiseberichten der 1860er-Jahre erstmals als „Dolomite Mountains“ bezeichneten. „Heute würde man sagen, der Begriff ging viral“, sagte die Wissenschaftlerin mit Blick auf die rasante Verbreitung des Begriffs. Heute zählen die Dolomiten wegen ihrer geologischen Besonderheiten zum UNESCO-Welterbe.

Brenner-Archiv mit Wolff-Nachlass

Ursula A. Schneider, stellvertretende Leiterin des Forschungsinstituts Brenner-Archiv, verwies indes auf die Bedeutung des Innsbrucker Bestands für die Forschung Kindls. Der Nachlass von Wolff umfasse jedenfalls 63 Kassetten und enthalte unter anderem Notizbücher aus Feldforschungen, Manuskripte, Korrespondenzen und eine große Zahl an Zeitungsartikeln. „Es ist fast alles da“, betonte Schneider mit Blick auf die Breite des Materials.

Das Brenner-Archiv habe damit eine zentrale Grundlage für die Beschäftigung mit Wolff und der Kulturgeschichte der Dolomiten geschaffen. Laut Schneider war der Nachlass in zwei Teilen nach Innsbruck gekommen: Der erste kurz nach dem Tod des Südtiroler Schriftstellers in den 1970er-Jahren, ein weiterer rund ein Jahrzehnt später. Durch die Bestände lasse sich nicht nur Wolffs Arbeitsweise rekonstruieren, sondern auch nachvollziehen, wie eng Literatur, Tourismus und Minderheitengeschichte im Dolomitenraum miteinander verflochten waren.

(red/science.apa.at)

    Nach oben scrollen