Blick auf eine hohe Eiswand des Grönländischen Eisschildes.

Veränderungen des Eisschildes durch den Klimawandel können dank der Forschungsergebnisse nun voraussichtlich besser vorhergesagt werden.

Klima an den Klip­pen

Senkrechte Eiswände, bis zu 40 Meter hoch: In Game of Thrones wurden sie als Befestigung dramatisiert, im Kalten Krieg mit Interesse erforscht. Wie die imposanten Wälle entlang des 80 000 Kilometer langen Eisrands Grönlands entstanden sind, wie sie sich entwickeln und welchen Einfluss sie auf das Klima habe, ist noch nicht vollständig geklärt. Forscher:innen der Universitäten Graz und Innsbruck sind der Lösung des Rätsels einen Schritt näher gekommen. Die Ergebnisse ihrer jüngsten Untersuchung sind in der Zeitschrift The Cryosphere erschienen.

Ein Teil des grönländischen Eises endet in steilen oder überhängenden Wänden. „Wir finden solche übrigens auch in der Antarktis, in Kanada und Tibet“, schildert Jakob Steiner vom Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz. Mit Kolleg:innen aus Graz und Innsbruck hat er unweit der amerikanischen Basis Pituffik in Nordwestgrönland Feldforschung betrieben. Die Messungen haben gezeigt, dass diese Klippen in den letzten Dekaden zwar – wie das restliche Eis – immer dünner wurden, in ihrer Ausdehnung über mehrere Jahre aber relativ stabil geblieben sind. „Welche Prozesse hinter diesem Phänomen stehen, hat sich uns zunächst nicht erschlossen“, berichtet der Wissenschaftler. „Wir vermuten, dass uns die Form des Randes etwas über die Gesundheit des Eises sagen kann.“ Der Grad der Steigung deute auf vergangene und zukünftige Dynamiken der gesamten gefrorenen Masse hin.

Massive Auswirkungen 

„Unsere Ergebnisse liefern einen wichtigen zusätzlichen Baustein zum Verständnis der arktischen Erwärmung“, erklärt der Glaziologe Rainer Prinz vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck. „Prozesse entlang des Eisrandes an Land waren bislang in vielen Studien unterrepräsentiert, obwohl der überwiegende Teil des Eisrandes tatsächlich an Land liegt.“ Mithilfe neuer Satellitendaten fanden die Forscher:innen heraus, dass die senkrechten Wände und sehr steilen Rampen entlang knapp einem Drittel des Eisrandes in ganz Grönland auftreten. „Diese Erkenntnis erlaubt uns, in Zukunft aus Untersuchungsergebnissen der Feldarbeit bei Pituffik Rückschlüsse auf die ganze Insel zu ziehen“, ergänzt Steiner.
Bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren untersuchten dänische und amerikanische Forscher:innen das Phänomen der Eisklippen. Das österreichische Team geht davon aus, Veränderungen des Eisschildes durch den Klimawandel nun besser vorhersehen zu können. Diese zeigen nämlich bei weitem nicht nur Auswirkungen auf Grönland selbst: Das Schmelzen des Eises führt zu einem Anstieg des Meeresspiegels, verändert den Jetstream und beeinflusst dadurch das europäische Klima. „Es sind verstärkte Extremwetterereignisse zu erwarten“, fasst Steiner zusammen.

 Publikation: Steiner, J., Abermann, J., and Prinz, R.: The terrestrial ice margin morphology in Kalaallit Nunaat (Greenland), The Cryosphere, 20, 1797–1814, https://doi.org/10.5194/tc-20-1797-2026, 2026.

 

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