Die beiden Jubilar:innen Martina Kraml (70) und Matthias Scharer (80) waren über ihre Disziplin hinaus nicht nur maßgebliche Wegbereiter:innen für die Etablierung der Islamischen Theologie und Religionspädagogik an der Universität Innsbruck, sondern hoch engagierte Persönlichkeiten in zahlreichen universitären Gremien und Funktionen (als Studiendekan:in, Mitglieder im Senat, in Curriculumkommissionen etc.).
Zahlreiche Gäste aus nah und fern gratulierten den beiden Professor:innen im Rahmen einer akademischen Feier, die von Karin Peter, Mehmet H. Tuna, Azemina Mašetic und Maria Juen verantwortet wurde.
Nach den Grußworten durch den Dekan der Theol. Fakultät, Wilhelm Guggenberger, dankte Zekirija Sejdini (Universität Wien) in seiner Laudatio den beiden Jubilar:innen für das große interreligiöse Engagement, das auch für die Aufbauarbeit der Islamischen Religionspädagogik in Innsbruck zentral war. In der langjährigen Zusammenarbeit habe er „echte interreligiöse Religionspädagogik“ erlebt:
„Nicht als freundliches Dialogformat, sondern als gemeinsame Arbeit. Nicht als höfliches Nebeneinander, sondern als gemeinsames Ringen.“
Die Zusammenarbeit sei, so Sejdini, stets von „Mut, Klarheit, Wärme und Verantwortung“ getragen gewesen.
Vielfalt denken – Differenz würdigen
Im anschließenden Festvortrag widmete sich die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi (Hannover) dem Thema „Vielfalt denken, Differenz würdigen: Interreligiöse Lernprozesse als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Gesellschaft“. Gerade angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen brauche es „Formen des Lernens, die Menschlichkeit, Mitgefühl und solidarisches Handeln nicht nur thematisieren, sondern praktisch einüben.“
Interreligiöse Bildung gehöre daher „zum Kernauftrag einer zukunftsfähigen Bildung“ und stelle damit eine wesentliche Säule der Demokratie dar. „Sie schafft Räume, in denen Verständigung möglich wird, wo gesellschaftliche Bruchlinien sichtbar sind, und sie stärkt die Fähigkeit, inmitten von Konflikten dialogfähig und handlungsbereit zu bleiben“, betonte Mohagheghi.
Interreligiöse Lernprozesse seien jedoch voraussetzungsreich, so die Theologin. Sie zielen nicht nur auf Wissen, sondern leben von Begegnungen, die u. a. von epistemischer Demut („ich weiß, dass ich nicht alles weiß“), der Wahrnehmung von Unterschieden, Empathie, der Gastfreundschaft für die mögliche Wahrheit der/des anderen sowie dem Bewusstsein für die eigene Verwundbarkeit getragen sind.
Interreligiöse Bildung brauche nicht nur engagierte Einzelpersonen, sondern eine strukturelle Verankerung an Schulen und Universitäten. Auch in dieser Hinsicht waren Matthias Scharer und Martina Kraml „Vorreiter:innen“. Die in Innsbruck etablierten interreligiösen kooperativen Seminare ermöglichen den Studierenden tiefgreifende persönliche Lernprozesse und „eröffnen damit ein großes Potential, Interreligiosität wertschätzend in ihren zukünftigen Wirkungsraum Schule einzubringen“, betonte Mohagheghi.
Pluralitätsfähigkeit als zentrales Bildungsziel
Den Abschluss der offiziellen Feierstunde bildete eine Gesprächsrunde zu den Vortragsthesen mit der Festrednerin und den beiden Geehrten. In ihrer Resonanz auf den Vortrag nannte Martina Kraml Pluralitätsfähigkeit als zentrales Bildungsziel von Schule und Universität. Es gelte, sich dafür sowohl gesellschaftlich wie auch universitär einzusetzen und in dem Kontext den Wert der islamischen Theologie und Religionspädagogik hochzuhalten:
„Die Gesellschaft und die Universität braucht die islamische Theologie und Religionspädagogik. Man tut also gut daran, die Pluralitäts- und Diversitätskonzepte neu zu entdecken“, so Kraml.
Dies gelte umso mehr angesichts immer raumgreifenderer rechter und rechtsextremer „Framings“ in Politik und Gesellschaft – eine Entwicklung, die sie mit großer Sorge verfolge.
Matthias Scharer erläuterte anhand eines mitgebrachten Kunstwerks sein Verständnis von transreligiöser Bildung. Ausgehend von seinen Lehrerfahrungen in Indien zielt diese auf die gemeinsame Suche und Bearbeitung von generativen Themen, die ins Unendliche zielen – gar mit einem Blick in die Transzendenz –, die alle Suchenden wiederum in eine Relation zueinander setzt.
(Maria Juen, Karin Peter)
