Ein internationales Expert:innen-Panel unter Leitung der Innsbrucker Universitäten und der Pädagogischen Hochschule Tirol hat kürzlich zwei aufeinander abgestimmte Reports veröffentlicht, welche einen wissenschaftlich fundierten Fahrplan zur Eindämmung der wachsenden Belastung durch Zivilisationskrankheiten enthalten. Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs machen weltweit drei Viertel aller Todesfälle aus, 82 Prozent sind es in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen, 90 Prozent aller Todesfälle in der europäischen Region.
Im Mittelpunkt des Fahrplans steht die Verknüpfung von gesunder Ernährung und aktivem Lebensstil. „Healthy Eating & Active Living" lautet die Devise – kurz: HEAL. Idealerweise wird eine vollwertige, überwiegend pflanzliche Ernährungsweise (vegan/vegetarisch) gewählt und der Alltag enthält ausreichend Bewegung, bevorzugt im Freien (inkl. aktiver Mobilität). Dies seien die Mindestempfehlungen und der routinemäßige Standard für Gesundheit und Medizin, betonen die Wissenschaftler:innen.
Die Studienautor:innen fordern rasches Handeln: umfassende Präventionsmaßnahmen sowie eine Reform der medizinischen Ausbildung und der human-relevanten Wissenschaft. Damit verbunden empfehlen sie außerdem einen Wandel weg von krankheitsfokussierter Praxis hin zu einem personenzentrierten und proaktiven Gesundheitswesen, das den Lebensstil an erste Stelle setzt.
„Nachhaltige Gesundheit ist zwar kostenlos, lässt sich aber weder herunterladen noch verordnen – sie muss täglich gelebt und durch fundierte und bewusste Lebensentscheidungen erworben werden. Da in der Kindheit verankerte Gesundheitskompetenzen ein Leben lang wirken, ist die Verankerung von HEAL als Startpunkt auf allen Bildungsebenen – von der Primar- über die Sekundar- bis zur Tertiärbildung – die gesundheitspolitische Priorität unserer Generation", sagt die Hauptautorin Katharina Wirnitzer von der Universität Innsbruck und der PH Tirol.
„Evidenzbasiert sind Bewegung und Ernährung zentrale Präventionsmaßnahmen zur nachhaltigen Förderung von Gesundheit, die in allen Bildungseinrichtungen – insbesondere in der schulischen Sport- und Bewegungserziehung mit umfassenden Möglichkeiten – dual vermittelt werden sollten", so Gerhard Ruedl und Werner Kirschner vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Innsbruck.
Paradigmenwechsel notwendig
- Das Paradoxon: Trotz wissenschaftlicher Fortschritte und steigender Gesundheitsausgaben steigen Zivilisationserkrankungen weiter an. Das Expertengremium legt einen 10-Punkte-Plan mit konkreten Maßnahmen zum Handeln vor – von individuellem Verhalten bis hin zu Veränderungen auf Bevölkerungsebene.
- „Healthy Eating & Active Living": HEAL kombiniert vollwertige, überwiegend pflanzliche Ernährung mit täglicher Bewegung/Sport im Freien sowie aktiver Mobilität. Wissenschaftliche Belege unterstreichen synergistische Effekte, welche über die Wirksamkeit der Einzelkomponenten hinausgehen, den Bedarf und die Notwendigkeit von Medikamenten und chirurgischen Eingriffen reduzieren und die Resilienz sowie Nachhaltigkeit der Gesundheitssysteme verbessern.
- Prävention an 1. Stelle: Die Studienautor:innen empfehlen, Prävention, Gesundheitserhaltung und Gesundheitsförderung gegenüber Therapie im Verhältnis 3:1 zu priorisieren, als Erstmaßnahme gesunde Entscheidungen zu einfachen Entscheidungen zu machen und medizinische Behandlung für spezifische Situationen vorzubehalten.
- Bildung in Gesundheit und Schule: Die Expert:innen empfehlen, das Konzept „HEAL" grundlegend von der Primar- bis zur Tertiärbildung zu verankern. Gesundheits- und Bildungspersonal sollte kontinuierlich weiterqualifiziert werden, um evidenzbasierte Lebensstilberatung und routinemäßiges Monitoring zu gewährleisten. Darüber hinaus sollen Verpflegungsstandards öffentlicher Einrichtungen verbessert und aktive Mobilität in Schulen und öffentlichen Räumen gefördert werden.
- Human-relevante Wissenschaft und Forschung: Empfohlen wird, einen raschen Übergang zu tierversuchsfreien, human-relevanten Methoden für die Grundlagen- und präklinische Forschung sowie für Wirksamkeits-, Sicherheits- und Toxizitätstests durch Förderprioritäten, Validierung und regulatorische Anerkennung zu schaffen.
- Politische Entscheidungen: Anwendung von Health in All Policies (HiAP), um individuelle Entscheidungen mit systemrelevanten Strukturen zu unterstützen und zu verknüpfen. Investitionen in gesundheitsförderliche staatliche Strukturen (öffentliche Verpflegung, aktive Mobilität, Gestaltung öffentlicher Räume, kommunale HEAL-Gesundheitsprogramme). Außerdem betonen die Expert:innen, HEAL verbindlich in Lehrplänen zu verankern. Ergebnisse sollen mit robuster Evaluation überprüft werden, um wirksame Ansätze zu skalieren.
