Philosoph Jürgen Habermas bei einer Diskussion

Jürgen Habermas (1929-2026) bei einer Diskussion in München.

Sympo­sium zu Jürgen Habermas

Ein Sympo­sium am Forschungs­zen­trum Social Theory widmete sich Jürgen Habermas (1929-2026), einem der welt­weit einfluss­reichsten Philo­so­phen und Sozi­althe­o­re­tiker der Gegen­wart, dessen Werk Philo­so­phie, Sozio­lo­gie, Politik-, Rechts- und Kommu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft nach­haltig geprägt hat.

1979 gab Jürgen Habermas, der am 18. Juni 97 Jahre alt geworden wäre, bei Suhrkamp zwei Bände zur „Geistigen Situation der Zeit“ heraus. Wäre eine solche intellektuelle Vergewisserung heute noch denkbar? Am Forschungszentrum Social Theory trafen sich Wissenschafter:innen unterschiedlicher Fächer, um den Einfluss von Habermas’ Denken auf ihre Disziplinen zu ermessen, zu diskutieren und auf gegenwärtige Problemlagen zu beziehen.

Den Auftakt machte David Furtschegger vom Institut für Erziehungswissenschaft, dessen bei Beltz 2023 erschienene Untersuchung “Individualisiert – idealisiert – instrumentalisiert. Lebenswelt Schule in Erosion” sich neben Foucault auch auf Habermas’ Kommunikationstheorie stützte. Furtschegger argumentierte, dass sich mit Hilfe eines Denkers wie Habermas ein bedeutsamer Nebeneffekt der sogenannten Lernindividualisierung im schulischen Klassenzimmer sichtbar machen lässt: die Gefährdung der Schule als Diskursraum, dem der wechselseitige Bezug auf ein Gemeinsames abhandenzukommen droht.

Matthias C. Kettemann vom Institut für Theorie und Zukunft des Rechts stellte Habermas’ wohl wirkmächtigste Analyse, den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, ins Zentrum seiner Überlegungen. Während Habermas’ Frühwerk die Gatekeeper der öffentlichen Meinung kritisch untersuchte, scheint es angesichts der fulminanten Entwicklung sozialer Medien heute, auch in Habermas’ eigenen jüngeren Überlegungen zum „neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von 2022, gerade umgekehrt fast zu wenige zu geben.

Max Preglau (Institut für Soziologie) analysierte Habermas’ Weiterentwicklung der Kritischen Theorie, die er insbesondere in der „Theorie des kommunikativen Handelns“ unternahm. Einerseits gelang es Habermas, die zeitgebundene Einseitigkeit der frühen Frankfurter Schule durch eine offenere Theoriestruktur zu erweitern, die neben „Arbeit“ die „Kommunikation“ zum Zentralbegriff machte. Andererseits, so Preglau, konnte Habermas zentrale Probleme der postfordistischen Wettbewerbsgesellschaft ebenso wie Fragen der Geschlechterungleichheit in der dualen Architektur seiner Theorie von „System“ und „Lebenswelt“ nur unzureichend verankern.

Ein Update von Habermas’ Kategorien unternahm Richard Weiskopf vom Institut für Organisation und Lernen. Er fragte, was sichtbar wird, wenn man Habermas’ Theorie auf das Thema von Shoshana Zuboffs Arbeiten zum Überwachungskapitalismus bezieht. Ist der Glaube an Machine Learning eine neue Form jener Ideologie, die Habermas in „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ als einseitige Rationalität unseres empirisch-analytischen Zugangs in den Sozialwissenschaften kritisierte? Sind die datensammelnden Bots im Netz die neuen Kolonisatoren der “Lebenswelt”? Und organisieren profitgesteuerte Algorithmen eine Aufmerksamkeitsökonomie, die neue Formen der Unmündigkeit hervorbringt?

Neben Diskussionsbeiträgen von Claudia Scheid vom Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung, Andrea Ploder und Silvia Rief, beide Institut für Soziologie, sowie Wolfgang Weber vom Institut für Psychologie resümierte abschließend Frank Welz (Institut für Soziologie) Habermas’ intellektuelle Entwicklung. Im Zentrum stand dabei die Frage, weshalb Habermas statt als Kritiker des ausgreifenden Sozialstaats der 1980er Jahre in einem grundlegenden Sinn als Denker des demokratischen Wohlfahrtsstaats gesehen werden müsse - weil seine kantianisch geprägten Grundkategorien an die historischen Voraussetzungen keynesianischer Steuerbarkeit und wohlfahrtsstaatlicher Integration gebunden blieben.

Forschungszentrum Social Theory

Das Forschungszentrum Social Theory ist eines von 39 Forschungszentren der Universität Innsbruck. Es koordiniert fachliche Interessen über mehrere Fakultäten und zahlreiche Fächer hinweg. Derzeit vereint es 12 habilitierte, 6 promovierte und 25 promovierende Wissenschafter:innen. Darüber hinaus umfasst das FZ 50 affiliierte Kolleg:innen sowie rund 160 weitere Interessierte; an öffentlichen Veranstaltungen – wie zum Beispiel im Rahmen der aktuellen Vortragsreihe zur Polykrise – nehmen meist zwischen 50 und 80 Personen teil.

In den knapp acht Jahren seines Bestehens organisierte das FZ rund hundert Vorträge, mehrere Ringvorlesungen und Workshops, drei große internationale sowie mehrere nationale Tagungen am Forschungszentrum sowie fortlaufend interne Kolloquien für Doktorand:innen. - Wer mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen, sich zu melden.

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