Felsrelief im Iran

Dieses 1700 Jahre alte Felsrelief im Iran zeigt den Sieg des persischen Königs Schapur I. über einen römischen Kaiser. Kürzlich wurde das Relief als moderne Skulptur nachgebaut.

Gren­zen­los mäch­tig

Imperien sind scheinbar Vergangenheit, doch ihre Machtlogiken prägen die Welt bis heute. Historiker Robert Rollinger zeigt, wie alte Strukturen in moderner Form fortleben und warum wir sie verstehen müssen, um die Gegenwart zu begreifen.

Das Römische oder das Ägyptische Reich, das Britische Empire oder die Habsburger Monarchie sind nur einige Beispiele für Imperien, die aus heutiger Sicht häufig als Relikte vergangener Epochen gelten. Doch bei einem genaueren Blick wird schnell deutlich, Imperien sind mehr als nur die Erinnerung an Erzählungen aus Schulbüchern, antike Reliefs oder zu bestaunende Ruinen. Die Logiken, die Imperien über Jahrtausende geprägt haben, wirken bis heute fort. Der Althistoriker Robert Rollinger beschreibt sie als tief verwurzelte Strukturen, die sich nicht einfach aufgelöst haben, sondern in neuen Formen weiterleben. „Ich würde sagen, sie waren nie weg, sondern weniger sichtbar“, betont er im Gespräch. Der Blick in die Geschichte ist daher nicht nostalgisch, sondern notwendig, um die politischen Dynamiken unserer Zeit zu verstehen.

Imperien denken in Räumen – nicht in Grenzen

Für Rollinger beginnt imperiales Denken nicht mit Staatsgrenzen, sondern mit Einflussräumen. Statt fix definierter Linien, wie wir sie von Nationalstaaten kennen, operieren Imperien traditionell über flexible Zonen, in denen sie militärisch, wirtschaftlich oder kulturell wirken. Diese sogenannten Grenzräume – Borderlands – sind das eigentliche Terrain imperialer Macht. In der Antike waren dies Regionen entlang von Flusssystemen, Handelswegen und Übergängen zwischen Kulturräumen. Heute finden wir sie in globalen Netzwerken von Militärbasen, Investitionsströmen und strategisch kontrollierten Infrastrukturen. Rollinger erklärt: „Imperien haben keine festen Grenzen, sondern Grenzräume. Das sind Räume, in denen sie militärisch, politisch oder wirtschaftlich agieren können – weit darüber hinaus, was sie offiziell beherrschen.“ Gerade an der Außenpolitik großer Mächte lässt sich dieses Muster bis heute beobachten. Die USA verfügen über ein weltumspannendes Netz an Stützpunkten und politischen Abhängigkeiten, das sich über den gesamten Pazifik erstreckt. China schafft mit seiner „Neuen Seidenstraße“ eine moderne, wirtschaftlich geprägte Form imperialer Einflussnahme, indem es Häfen, Verkehrswege und Staaten durch Investitionen bindet. Und auch Russland argumentiert mit historischen Ansprüchen, die tief in frühen Epochen verankert werden.

Geschichte als Werkzeug moderner Politik

Diese legitimatorische Ebene ist ein Kernpunkt, den Rollinger hervorhebt. Imperiale Politik ist immer auch narrative Politik. Mächte legitimieren ihre Entscheidungen, indem sie auf historische Erzählungen zurückgreifen oder diese gezielt umdeuten. Ein besonders eindrückliches Beispiel beschreibt Rollinger anhand eines aktuellen Vorgangs im Iran: Dort wurde ein 1700 Jahre altes Felsrelief, das den Sieg des persischen Königs Schapur I. über einen römischen Kaiser zeigt, als moderne Skulptur nachgebaut. Doch statt des römischen Kaisers kniet nun ein gegenwärtiger politischer Gegner. Dieses Bild vermittelt Kontinuität, historische Gerechtigkeit und nationale Stärke. „Wenn man sieht, wie solche historischen Narrative genutzt werden, dann versteht man, warum Akteure heute so handeln und nicht anders“, so Rollinger. In diesem Verständnis ist Geschichte keine ferne Kulisse, sondern Grundlage politischer Entscheidungen. Wer diese tiefen Strukturen ignoriert, versteht die Gegenwart nicht. Rollinger formuliert es so: „In einer globalen Welt ist es wichtig, sein Gegenüber zu kennen und zu verstehen. Und dieses Gegenüber ist heute nicht mehr nur das regionale Umfeld, sondern global Menschen aus der ganzen Welt.“ Geschichte ermöglicht Verstehen – und Verstehen ist die Voraussetzung, politischen Entwicklungen nicht ausgeliefert zu sein.

Gemma Augustea

Sogenannte "Gemma Augustea", KHM Wien: der römische Kaiser Augustus inszeniert sich als Beherrscher der Welt. Gemma Augustea, Kunsthistorischen Museum in Wien.

Europa in der Krise

„Wir in Europa haben es uns in einer Welt bequem gemacht, in der wir uns eingeredet haben, das Imperiale sei vorbei. Das Erwachen besteht darin zu erkennen: Es war nie weg“, so Rollinger, der betont, dass Imperien immer vielfältig waren und sind: multiethnisch, multireligiös und von Eliten getragen. Sie beruhen auf breiten Machtapparaten, starken ökonomischen Ressourcen und der Fähigkeit, große Räume zu organisieren. Während in anderen Teilen der Welt imperiale Muster offen diskutiert werden, erlebt die Europäische Union nach Rollingers Einschätzung eine Identitätskrise. „Jahrzehntelang hat man geglaubt, Macht spiele im internationalen System keine Rolle mehr, und Europa könne sich durch Kooperation statt Konkurrenz definieren“, veranschaulicht der Wissenschaftler. Doch die Welt, so Rollinger, folge weiterhin imperialen Mustern, und Europa müsse erkennen, dass auch diese Strukturen seine Gegenwart prägen. „Das bedeutet nicht, dass Europa selbst ein Imperium ist, aber dass es innerhalb einer von imperialen Logiken geprägten Ordnung agiert – und darauf reagieren muss“, verdeutlicht der Althistoriker.

Vernetzt forschen

Die Forschung des Exzellenzclusters Eurasian Transformations verbindet diese Perspektiven, indem sie historische Tiefenstrukturen aufarbeitet und mit heutigen Entwicklungen verknüpft. Die Analyse alter Großreiche wie des Sasanidenreichs, die Arbeit an nur rudimentär erschlossenen Quelltexten und die Rekonstruktion ihrer politischen und wirtschaftlichen Systeme sind dabei nicht nur wissenschaftliche Detailarbeit, sondern ein Beitrag zum Verständnis moderner Machtmechanismen. „Die Geschichte großer Räume ist ein Schlüssel zum Verständnis globaler Verflechtungen“, so Rollinger, der weiter betont, „das Wichtigste am Cluster ist die enge Verbindung von Forschung und Ausbildung. Wir schaffen vernetzte Curricula und bilden eine neue Generation von Historiker:innen aus, die in größeren globalen Zusammenhängen denken können.“ Die Forschung über Imperien bleibt damit hochaktuell. Sie erklärt geopolitische Konflikte, wirtschaftliche Abhängigkeiten und kulturelle Machtspiele – und es hilft, die Welt nicht als eine Sammlung isolierter Nationalstaaten zu sehen, sondern als ein System überlappender, konkurrierender und miteinander verflochtener Einflussräume. Imperien sind Vergangenheit, aber auch Gegenwart. Und wer sie versteht, versteht die Welt, in der wir leben besser.

Dieser Beitrag ist in der Oktober-Ausgabe von wissenswert erschienen. Die gesamte Beilage zur Tiroler Tageszeitung finden Sie hier (PDF).

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