Die Philosophinnen Aleksandra Derra (li.) und Ewa Bińczyk (re.)

Die Philosophinnen Ewa Bińczyk und Aleksandra Derra von der Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń in Polen.

Gesell­schaft­liche Hand­lungs­fä­hig­keit in Zeiten globaler Krisen

Am 8. Juni hielten die Philo­so­phinnen Ewa Bińczyk und Aleksandra Derra die dies­jäh­rigen Ernst von Glasers­feld Lectu­res. Beide waren bereits 2017 in Inns­bruck zu Gast, als bei einer Tagung anläss­lich des 100. Geburts­tags von Ernst von Glasers­feld die Aktu­a­lität seines Denkens disku­tiert wurde. Im Mittel­punkt standen diesmal Fragen nach der Rolle von Wissen, Sprache und gesell­schaft­li­chen Deutungs­mus­tern in einer Zeit ökolo­gi­scher, sozi­aler und poli­ti­scher Krisen.

Aleksandra Derra fragte nach den Voraussetzungen neuer Formen kollektiven Handelns. Die Professorin für Philosophie, Wissenschaftsforscherin und Vizerektorin für Gleichstellung stellte in ihrem Vortrag die Idee eines „Feminismus neuer Allianzen“ vor, die sie auch in ihrem jüngsten, für den Marcin-Król-Preis nominierten Buch With Care and Solidarity: Feminism for the 21st Century entwickelt hat. Ausgehend von intersektionalen Ansätzen, etwa den Arbeiten von Kimberlé Crenshaw, plädiert Derra für einen Feminismus, der sich mit Klima-, Arbeits-, Degrowth- und dekolonialen Bewegungen verbindet. Unter Rückgriff auf öko-feministische und Care-orientierte Perspektiven argumentiert sie, dass die ökologischen, sozialen und demokratischen Herausforderungen der Gegenwart nicht isoliert betrachtet werden können. Notwendig seien neue Formen der Zusammenarbeit, der Solidarität und auch eine neue Sprache zur Beschreibung gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Ewa Bińczyk, Professorin für Philosophie und Expertin für Anthropozänforschung, widmete ihren Vortrag den gegenwärtigen Narrativen der Klimakrise. Die Autorin der mehrfach ausgezeichneten Bücher The Epoch of Man: The Rhetoric and Lethargy of the Anthropocene und Socialising the Anthropocene analysierte die Entwicklung von Strategien der Klimawandelleugnung hin zu subtileren Formen der Ablenkung und Verzögerung klimapolitischen Handelns. Ausgehend von Arbeiten von Naomi Oreskes, Erik Conway, Michael E. Mann und Andreas Malm zeigte sie, wie bestimmte Diskurse wissenschaftliche Erkenntnisse zwar nicht mehr grundsätzlich bestreiten, politisches Handeln jedoch erschweren oder aufschieben. Besondere Aufmerksamkeit richtet Bińczyk auf das sogenannte Overshoot-Narrativ, demzufolge gegenwärtige Versäumnisse künftig durch technologische Innovationen kompensiert werden könnten. Sie interpretiert solche Narrative als Formen gesellschaftlicher Desorientierung, die Aufmerksamkeit von vorhandenen Handlungsmöglichkeiten ablenken. Dem stellt sie die Notwendigkeit einer stärker auf wissenschaftlichen Konsens, Transparenz und Risikobewusstsein ausgerichteten Klimakommunikation gegenüber. Die zentrale Herausforderung liege heute weniger in fehlendem Wissen als in der politischen und gesellschaftlichen Umsetzung bereits bekannter Lösungen.

Beide Vortragenden bezogen sich auf Ernst von Glasersfeld, jedoch auf unterschiedliche Weise: Derra nutzte seinen konstruktivistischen Ansatz als Grundlage für feministische Theorien relationalen Wissens, Partizipation und geteilter Verantwortung, während Bińczyk ihn zur Analyse klimapolitischer Narrative heranzog, die Wahrnehmung lenken, Unsicherheit erzeugen und Handlungsfähigkeit beeinflussen.

Der Aktualität der behandelten Themen entsprechend groß war auch die Resonanz des Publikums auf die Vorträge, an die sich eine lebhafte Diskussion anschloss.

(Michael Schorner)

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