„Nirgends kann genauer gesehen werden, was großer Gedanke im Aufgang ist, und nirgends ist sein Lauf bereits vollständiger“, adelte Ernst Bloch Hegels berühmtes Werk Phänomenologie des Geistes. Wie kann es sein, dass dieses Buch für einige – etwa den Jenaer Philosophen Klaus Vieweg – als das „Jahrtausendwerk der Philosophie“ gilt, für viele heute jedoch nahezu in Vergessenheit geraten ist, während es vor nicht sehr langer Zeit noch als selbstverständlicher Bestandteil des geistes- und sozialwissenschaftlichen Grundwissens vorausgesetzt werden konnte?
Forschungszentrum Social Theory
Das Forschungszentrum Social Theory bietet eine Plattform für Austausch und Forschung zu den grundlegenden Theorien der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften. Neben diversen Forschungsprojekten organisiert das Zentrum auch Ringvorlesungen, Lesekreise, Vorträge und Kolloquien.
Mit einem eindrucksvollen Plädoyer für Hegels Überlegungen zur Logik des Denkens des Ganzen schuf die Vortragende Zaida Olvera von der Universidad Veracruzana in Xalapa (Mexiko) hier Abhilfe. Sie erinnerte zunächst daran, dass wir zu festlichen Anlässen bis heute Wilhelm von Humboldt mit großer Wertschätzung zitieren – nicht aber jenen Denker, den Humboldt zur philosophischen Fundierung der Bildungsidee an die von ihm neu gegründete Berliner Universität berufen hatte.
Hegel war – so ließe sich resümieren – der Erste, der Geschichte systematisch in die Philosophie integrierte und in seiner Rechts- und Sozialphilosophie bereits die neue komplexe kapitalistische Gesellschaft entschlüsselte. Für seine Zeit – die er selbst als „Moderne“ verstand – war er damit in höchstem Maße aktuell.
Was bleibt, sind grundsätzliche Anstöße für unser heutiges wissenschaftliches Denken: zum Beispiel die Frage, was das in unserer auf Messen und Gütekriterien fixierten empirischen Analyse anvisierte Besondere mit dem Allgemeinen verbindet; wie unser routiniertes Insistieren auf Pluralität einen Begriff der Einheit voraussetzt; und vor allem der oft übersehene Sachverhalt, dass dem Gegenstand der Humanwissenschaften immer schon wirkliche „Arbeit“ vorausliegt und er demnach weder Natur sein noch in Naturgesetzen aufgehen kann.
Moderiert wurde die Diskussion von Nik König, der zum Abschluss den von ihm am Forschungszentrum Social Theory initiierten Theodor-W.-Adorno-Lesekreis präsentierte – und gleich mehrere neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer dafür gewinnen konnte. Wer Hegel gelesen hat, kann es auch mit Adorno aufnehmen.
(Frank Welz)
