ein Amsel

Amseln zählen zu den bekanntesten Stadtvögel Europas.

Ein Tag im Leben einer städ­ti­schen Amsel

Im Rahmen einer zoolo­gi­schen Exkur­sion führte Marion Chate­lain ihre Studie­renden im Sommer­se­mester durch den Inns­bru­cker Stadt­raum, um ihnen die Lebens­be­din­gungen von Vögeln im urbanen Raum näher­zu­brin­gen. Entstanden sind dabei Tage­bü­cher über unter­schied­liche Arten. Im zweiten Teil einer kleinen Serie begleitet Sina Keck die Amsel Bruno über Dächer und durch Vorgär­ten.

Bruno ist wach, lange bevor der erste Bäcker seine Türen öffnet. Er ist eine gewöhnliche Amsel (Turdus merula), einer der bekanntesten Stadtvögel Europas. Das Männchen schmückt sich mit einem glänzend schwarzen Federkleid und hat einen orange-gelben Schnabel und Augenringe in derselben Farbe. Ein Weibchen hingegen ist bräunlich gefärbt, was ihr hilft, sich besser zu tarnen. Deshalb wird sie auch oft übersehen. Ursprünglich war die Amsel eine wilde Tierart, die sich hauptsächlich in den Wäldern aufhielt. Mittlerweile hat sie jedoch Städte und Siedlungen erfolgreich besiedelt und gilt heute als eines der besten Beispiele für städtische Anpassung bei Vögeln. Sie kommt häufig in Parks, Innenhöfen, Friedhöfen, Gärten, Hecken und baumbestandenen Straßen vor - überall dort, wo Vegetation und offene Bodenfläche zusammentreffen.

4:58 Uhr – Der Solist auf dem Dach

Während die Fenster noch dunkel sind und die ersten Ampeln an leeren Straßen zu flackern beginnen, steht Bruno auf einem Schornstein und beginnt zu singen. Sein Gesang ist reich, flötend und sehr melodisch – einer der charakteristischsten Klänge europäischer Morgenstunden. In Städten beginnen viele Singvögel früher zu singen, weil der Lärm am Tag die Kommunikation stört. Die Morgendämmerung bietet den klarsten akustischen Raum, um Reviere zu verteidigen und Partner anzulocken. Städtische Amseln nutzen dafür oft Dächer, Antennen oder hohe Bäume als Signalwarten. Für Bruno ist das richtige Timing überlebenswichtig: Wer zuerst gehört wird, hat sein Revier bereits gesichert.

7:10 - Frühstück auf dem Rasen

Während die Sprinkler in einem nahegelegenen Innenhof zu klicken beginnen, landet Bruno auf dem Gras. Er verharrt kurz still auf der Stelle und starrt, neigt den Kopf zur Seite und stößt dann blitzschnell zu. Ein Regenwurm verschwindet in seinem Schnabel. Amseln sind Allesfresser, aber Regenwürmer stehen auf ihrer Liste ganz oben im Menü und zählen somit zu ihrer Lieblingsnahrung. Außerdem fressen sie Käfer, Raupen, Schnecken, Beeren und herabgefallene Früchte. Das typische Innehalten mit schräg gehaltenem Kopf hilft vermutlich dabei, Bewegungen im Boden oder in der Laubschicht wahrzunehmen. In Städten können bewässerte Rasenflächen, Mulch-Beete und kompostreiche Gärten sehr ergiebige Nahrungsräume sein. Ein Jogger läuft vorbei. Bruno hüpft zwei Meter zur Seite und frisst weiter. Diese geringe Fluchtdistanz gegenüber Menschen ist ein wichtiger Grund, warum Amseln in Städten so erfolgreich sind.

Vogel mit offenen Schnabel in einem Nest

10:45 Uhr – Versteckt hinter dem Fahrradschuppen

Brunos Partnerin sitzt in einem dichten, efeubewachsenen Zaun hinter einem schuppenartigen Fahrradunterstand. Tief im Inneren befindet sich ihr Nest: eine saubere Schale aus Gräsern, Wurzeln und Moos, verstärkt mit einer typischen Lehmschicht. Amseln nisten traditionell in Büschen und Bäumen, doch städtische Populationen nutzen häufig auch vom Menschen geschaffene Strukturen - Vorsprünge, Schuppen, Mauernischen, Kletterpflanzen, Balkone oder Gebäudeteile. Studien zeigen, dass Amseln an solch neuen Nistplätze in stark urbanisierten Gebieten sehr guten Anklang finden. Diese Flexibilität ist entscheidend: Natürliche nlätze sind in Städten oft selten, aber Ersatz ist überall vorhanden. Dennoch lauert Gefahr: Hauskatzen streifen umher, Elstern beobachten aus der Höhe und ein Heckenschnitt während der Brutzeit kann Nester in Minuten zerstören.

13:30 Uhr – Hitze und harte Oberflächen

Zur Mittagszeit strahlt der Asphalt Wärme ab. Bruno ruht im Schatten eines Lorbeerstrauchs, den Schnabel leicht geöffnet. Städte sind durch den sogenannten "Urban Heat Island"-Effekt wärmer als das Umland. Dunkle Oberflächen speichern Wärme und Vegetation ist oft begrenzt. Für kleine Vögel können Überhitzung und Dehydrierung zu einem Problem werden. Zugang zu flachem Wasser - Vogeltränken, Brunnen, tropfende Schläuche oder Pfützen nach Reinigungsarbeiten – beeinflusst ihre täglichen Bewegungen stark. Anders als Tauben kann Bruno nicht nur auf trockenem Stein leben. Er braucht feuchten Boden, Deckung und lebendige Umgebung.

Amsel mit dem Beinen im Wasser

16:20 Uhr – Opportunisten am Rand des Marktes

Vor einem Obstgeschäft liegt eine angeschlagene Birne neben einer Kiste. Bruno stürzt vor, pickt zweimal, zieht sich zurück und kehrt erst zurück, als sich Menschen wieder entfernen. Verhaltensflexibilität ist ein zentrales Merkmal erfolgreicher Stadtwildtiere. Amseln nutzen natürliche Nahrung, bedienen sich aber auch menschlicher Ressourcen wie heruntergefallenes Obst, Komposthaufen, bewässerte Rasenflächen und gelegentlich auch Futterstellen. Diese Anpassungsfähigkeit hilft ihnen, saisonale Schwankungen zu überstehen. Allerdings ist menschliche Nahrung nicht immer vorteilhaft: salzige Snacks, brotreiche Ernährung oder Müll können nährstoffarm oder sogar schädlich sein.

18:55 Uhr – Abendalarm

Ein Schatten zieht über den Platz. Bruno stößt einen scharfen, metallischen Warnruf aus und flüchtet in eine Hecke. Sekunden später schießt ein Sperber vorbei. Räuber sind weiterhin Teil städtischer Ökosysteme. Greifvögel jagen zunehmend auch in Städten, während Katzen zu den wichtigsten Prädatoren kleiner Vögel gehören. Amseln bewältigen diese Gefahr durch Wachsamkeit, dichte Deckung, schnelle Warnrufe und gut bekannte Fluchtwege. Jede Hecke ist dabei mehr als Dekoration – sie ist ein Schutzraum.

Einbruch der Nacht: Deine Straße, seine Zukunft

Während die Straßenlaternen aufleuchten, zieht sich Bruno im dichten Efeu zum Schlafen zurück. Morgen wird er wieder vom Schornstein singen. Sein Überleben hängt teilweise von Entscheidungen der Menschen ab, die ihn oft gar nicht bemerken. Wenn Gärten, Sträucher und Laubschichten behalten werden, bleibt seine Nahrung meist vorhanden. Wenn Pestizide Bodeninsekten reduzieren, wird das Frühstück knapp. Wenn Bruthecken im Frühjahr geschnitten werden, können Jungvögel verloren gehen. Wenn Fenster vogelsicher gestaltet werden, sinkt die Zahl der Kollisionen.

Die meisten Menschen kennen die Amsel nur als Stimme vor dem Fenster. Doch diese Stimme gehört zu einem Tier, dessen Leben eng mit unseren Abflüssen, Gärten, Zäunen, Rasenflächen, Dächern und Routinen verbunden ist. Die Stadt ist nicht getrennt von der Natur – sie ist der Lebensraum von Bruno. Und wir entscheiden jeden Tag ein Stück weit mit, ob sie für ihn bewohnbar bleibt.

(Sina Keck)

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