Echter Alpenenzian, violett, auf steinigem Untergrund

Kälteliebende Alpenpflanzen wie auch der Echte Alpenenzian sind aufgrund steigender Temperaturen bedroht.

Alpine Pflan­zen­welt reagiert emp­find­lich auf Kli­ma­krise

Steigende Temperaturen verändern die Pflanzenwelt in ganz Europa: In alpinen Gipfelregionen werden vor allem kälteliebende Gewächse seltener, im Grasland nehmen wärmebedürftige Pflanzen zu und in Wäldern passiert beides gleichermaßen. Das zeigen Langzeitbeobachtungen, an denen auch Brigitta Erschbamer vom Institut für Botanik maßgeblich mitwirkte. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachjournal Nature veröffentlicht.

Die globale Erwärmung verändert die Zusammensetzung von Pflanzengemeinschaften europaweit – das machen Daten von über 6000 Vegetationsflächen über Zeiträume von 12 bis 78 Jahren deutlich: Während manche Pflanzengemeinschaften den steigenden Temperaturen relativ gut folgen können, geraten andere zunehmend ins Hintertreffen. In den Bergregionen, insbesondere in den Alpen, ist ein rascher Rückgang kälteangepasster Arten zu beobachten. Immer mehr wärmeangepasste Pflanzen wachsen hingegen in Wäldern und auf Wiesen. „Zu den kälteliebenden Pflanzen in den Alpen, die zu den überwiegend rückgängigen Arten zählen, gehören zum Beispiel das Einblütige Hornkraut (Cerastium uniflorum) und Moos-Steinbrech (Saxifraga bryoides)", erklärte Harld Pauli, der das Langzeit-Monitoring- und Forschungsprogramm GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) für die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien koordiniert. 

Rückgang von kälteliebenden Arten

Wärmeliebende Arten breiten sich zunehmend aus, während kältetolerante Arten zurückgedrängt werden – ein Prozess, den Forschende als „Thermophilisierung“ bezeichnen. Doch viele Ökosysteme reagieren verzögert auf die steigenden Temperaturen; die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Lebensräumen: Alpine Gipfelregionen weisen die stärkste Veränderung auf. Hier ist die Thermophilisierung bis zu fünfmal stärker ausgeprägt als in anderen untersuchten Ökosystemen. Hauptursache ist vor allem der Rückgang kälteliebender Arten. Wald- und Wiesenpflanzen reagieren hingegen weniger stark. Insgesamt war dort die Anpassung am schlechtesten, wo die Temperatur besonders stark gestiegen ist und sich gleichzeitig die Anpassung der Pflanzen verzögerte. – Die Ergebnisse liefern wichtige Grundlagen, um zukünftige Veränderungen der Pflanzenwelt unter der weiter fortschreitenden Erderwärmung präziser abschätzen zu können. Diese Situation erhöht das Aussterberisiko von Arten.

Pionierarbeit

An der kürzlich erschienenen Publikation neuer Erkenntnisse aus den österreichischen Langzeitbeobachtungen war neben Forsch:innen vom Umweltbundesamt, der BOKU und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften auch die mittlerweile pensionierte Professorin, Brigitta Erschbamer, beteiligt. Erschbamer erforschte ab Mitte der 1990er Jahre die Veränderung der Pflanzenwelt in hochalpinen Gegenden und gilt als Pionierin auf ihrem Gebiet. Als Mitglied des GLORIA-Konsortiums und Wegbereiterin für die Errichtung der LTER-Forschungsstation in Obergurgl hatte sie über Jahrzehnte hinweg die wissenschaftliche Verantwortung für Versuchsflächen in Nord- und Südtirol.

PUBLIKATION: Yue, K., Vangansbeke, P., Myers-Smith, I.H. et al. Contrasting thermophilization among forests, grasslands and alpine summits. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-025-09622-7

Nach oben scrollen