Frau von hinten, spielt Violine

Musiker:innen zeigen tendenziell bessere Gedächtnisleistungen als Nichtmusiker:innen. Ein internationales Forschungsteam geht der Sache auf den Grund. 

(Wa­rum) Beein­flusst Musi­ka­li­tät unsere Gedächt­nis­leis­tung?

Vergleicht man die kognitiven Fähigkeiten von Musiker:innen und Nichtmusiker:innen, können sich musizierende Menschen musikalische Inhalte besser merken und zeigen tendenziell bessere Leistungen im Bereich des visuell-räumlichen und des verbalen Kurzzeitgedächtnisses. Das zeigt eine aktuelle internationaleStudie mit Innsbrucker Beteiligung. Woraus sich diese Vorteile ergeben, lässt sich nicht restlos klären.

600 Musiker:innen und 600 Nichtmusiker:innen nahmen an dem internationalen Forschungsprojekt mit dem Namen „The Music Ensemble“ teil. Geleitet wird das Projekt von Francesca Talamini vom Institut für Psychologie der Universität Innsbruck und Massimo Grassi vom Fachbereich Allgemeine Psychologie an der Universität Padua. Sie koordinieren ein Team von 110 Wissenschaftler:innen in 15 Ländern, um der Frage nachzugehen, warum musizierenden Menschen bessere Gedächtnisleistungen attestiert werden.

Es handelt sich um eines der ersten großangelegten Forschungsprojekte mit einer umfassenden Stichprobengröße und einem standardisierten Forschungsprotokoll in diesem Bereich. Bisherige Belege für kognitive Vorteile unter Musiker:innen entstammen kleineren Stichproben oder Meta-Analysen. Die Durchführung wurde im Sinne von Open Science transparent dargelegt und ist daher nachvollziehbar und reproduzierbar, betonen die Forschenden.

Den 1.200 Studienteilnehmer:innen wurden Aufgaben zum Testen des musikalischen, visuell-räumlichen und verbalen Kurzzeitgedächtnisses vorgelegt. Des Weiteren analysierten die Forschenden kognitive, persönliche und sozioökonomische Faktoren, da diese ebenfalls die Unterschiede begründen könnten. Kürzlich wurden die Forschungsergebnisse in der hochrangigen Wissenschaftszeitschrift Advances in Methods and Practices in Psychological Science veröffentlicht.

Besseres musikalischen Gedächtnis

Den größten kognitiven Vorteil haben Musiker:innen gegenüber Nichtmusiker:innen im Bereich des musikalischen Kurzzeitgedächtnisses. Bei Übungen zum visuell-räumlichen Kurzzeitgedächtnis weisen Musiker:innen einen kleinen, im verbalen Kurzzeitgedächtnis einen sehr kleinen Vorteil auf.

Die Messungen attestieren den Musiker:innen außerdem vergleichsweise bessere Leistungen in der fluiden sowie der kristallinen Intelligenz. Die fluide Intelligenz beschreibt die Fähigkeit, schnell und flexibel zu denken und Probleme zu lösen, während es sich bei der kristallinen Intelligenz um über die Zeit erworbenes Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen handelt.

Auch im Bereich der sogenannten „exekutiven“ Funktionen, also mentalen Fähigkeiten, die es uns ermöglichen, vorausschauend zu planen, Entscheidungen zu treffen, unser Handeln zu kontrollieren und uns an neue Situationen anzupassen, zeigen Musiker:innen vorteilhafte Leistungen. Zudem scheinen musizierende Menschen offener für neue Erfahrungen zu sein: In dieser Persönlichkeitsdimension belegen die erfassten Daten einen deutlichen Unterschied.

Keine Evidenz für Ursache-Wirkung

Die Wissenschaftler:innen betonen in der Publikation, dass sich aus den Studienergebnissen keine Kausalität herauslesen lasse: Man könne nicht zum Schluss kommen, dass das Spielen eines Musikinstruments (oder das Fehlen musikalischen Trainings) die kognitiven Leistungen beeinflusst, da zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle spielen können.

Beispielsweise sind die Faktoren, die einem Menschen ein (mehrjähriges) musikalisches Training ermöglicht haben, nicht zu vernachlässigen: Eine Hypothese besagt, dass tendenziell jene Menschen, die von vornherein über bessere kognitive Leistungen verfügen, eher ein Instrument erlernen. Die Daten aus der Studie belegen außerdem, dass Musiker:innen häufiger aus Familien mit einem etwas höheren sozioökonomischen Status stammen. Der Besuch einer Musikschule erhöht zudem den Anteil an strukturierter Bildung, die ein Mensch erfährt, was ein zusätzlicher Faktor für bessere Gedächtnisleistungen sein könnte.

Die aktuelle Studie bildet damit die Grundlage für weitere Forschung zu den Unterschieden in den Gedächtnisleistungen und Persönlichkeitsdimensionen von Musiker:innen und Nichtmusiker:innen, um die Ursache der vorteilhaften kognitiven Leistungen zu ermitteln.  Vor allem Langzeitstudien könnten hier valide Ergebnisse liefern, so das Forschungsteam.

Publikation: Grassi, M., Talamini, F., et al.: Do musicians have better short-term memory than non-musicians? A multi-lab study. 2025. Advances in Methods and Practices in Psychological Science. DOI: doi.org/10.1177/25152459251379432

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