Foto von einer Sammlung an Comics

Seit 2014 erlebt das Comic-Genre in der Ukraine einen Aufschwung.

Bil­der aus dem Krieg

Kunst vermittelt Emotionen, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Wie Comics als Genre Narrative in der Ukraine – insbesondere während der russischen Invasion – prägen, untersucht die ukrainische Literaturwissenschaftlerin Svitlana Pidoprygora.

Die Illustration zeigt eine junge Frau, nackt, Brust und Schambereich verdeckt sie notdürftig mit ihren Händen, den Blick gesenkt. Sie wirkt zerbrechlich, schutzlos. Ihre Haut strahlt weiß und hebt sich klar vom düsteren Hintergrund ab, hinter ihr liegt ein Stapel Kleider unordentlich auf einer Bank. Erst auf den zweiten Blick sieht man dunkle Hinterköpfe im Vordergrund der Zeichnung – Männer, die die Frau bewachen. „Wir schauen uns das Bild nicht gerne an, es vermittelt ein unbehagliches Gefühl“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Svitlana Pidoprygora.

Comicbild von einer nackten Frau, die resigniert und verzweifelt nach unten schaut. Sie hält ihre Arme schützend vor die Brüste und den Intimbereich.

Szene aus dem Comic „Bunker“, erschienen im INKER-Magazin.

„Die Illustration zeigt die russische Filtration in Mariupol. Dabei handelt es sich um die Nötigung ukrainischer Staatsbürger:innen, sich einer erniedrigenden Überprüfungsprozedur zu unterziehen“, erklärt Pidoprygora weiter.

Svitlana Pidoprygora forscht am Institut für Slawistik an der Universität Innsbruck zur Darstellung der Ukraine in nationalen und internationalen Comics seit 1991. „In der Sowjetunion war das Genre verpönt, es galt als kapitalistisch. Erst mit der Unabhängigkeit der Ukraine entstanden erste, wenn auch nur wenige Comics“, erklärt Pidoprygora. Anders als in westlichen Ländern gab es lange Zeit keine etablierten ukrainischen Superheld:innen. In den 1990er-Jahren wurden nach dem Vorbild der Kosaken erste Proto-Superheld:innen entwickelt: „Meist waren es individuelle Initiativen von einzelnen Künstler:innen, die die neu gewonnene künstlerische Freiheit nutzten.“

Comics in Zeiten des Kriegs

Die Wende in der ukrainischen Comic-Kultur lässt sich ab 2014 feststellen, als Russland die Krim annektierte und Teile der Regionen Donezk und Luhansk zu besetzen begann. „In der weltweiten Entwicklung der Comic-Kultur lässt sich beobachten, dass Comics nicht rein der Unterhaltung dienen, sondern vor allem dann an Popularität gewinnen, wenn sich die Bevölkerung nach Stabilität und moralischer Klarheit sehnt“, so Pidoprygora.

 

Porträt der Wissenschaftlerin

„Comics werden populärer, wenn sich die Bevölkerung nach Stabilität sehnt“, erklärt Pidoprygora.

Seit 2014 hat das Superheld:innen-Genre in der Ukraine einen bedeutenden Aufschwung erlebt. „Ukrainische Legenden, kulturspezifische Bezüge und das charakteristische visuelle Design – Kleidung, Frisuren, Symbole – verorten diese Superheld:innen-Geschichten im ukrainischen Kontext. Der optimistische Ton und die Gewissheit eines Sieges über den Feind sowie das Fehlen von Übersetzungen zeigen, dass diese Comics vor allem für ein ukrainisches Publikum gedacht sind“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Seit der russischen Invasion 2022 entstand eine Vielzahl an dokumentarischen Comics: Journalist:innen, Historiker:innen, Autor:innen und Illustrator:innen arbeiten basierend auf Augenzeugenberichten eng zusammen, um Kriegsereignisse und dahinterliegende historische Strukturen abzubilden.

Kriegserfahrungen sichtbar machen

Die zwei dokumentarischen Comic-Serien Cyborgs (Kiborhy) und INKER spielen dabei eine bedeutende Rolle. Wenn man die ersten Ausgaben der Cyborgs -Comics mit aktuellen INKER-Comics vergleicht, sieht man eine deutliche Verschiebung der Narrative: Während Cyborgs heldenhafte ukrainische Soldaten porträtiert, konzentrieren sich die Erzählungen von INKER auf die Kriegserfahrungen von Zivilist:innen in der Ukraine. Die Erzählweise ist intimer, es geht um die persönliche Reflexion und die emotionale Wirkung des Krieges, ohne explizit Gewalt darzustellen. Die eingangs beschriebene Illustration stammt aus dem Comicmagazin INKER. Pidoprygora erläutert:

„Die Comic-Reihe Cyborgs und die im INKER-Magazin veröffentlichten dokumentarischen Comics wurden ins Englische übersetzt, was die klare Absicht widerspiegelt, die Kriegserfahrungen – sowohl aus der Perspektive des Militärs als auch der Zivilbevölkerung – einem internationalen Publikum zugänglich zu machen."

Die Literaturwissenschaftlerin betont: „Das Besondere an Comics ist, dass es in vielen Fällen nicht viel Text braucht, um Emotionen zu vermitteln. Das gelingt über die Bildsprache, die Farbwahl und den künstlerischen Schwerpunkt. In vielen Fällen fehlen uns die Worte, um zu beschreiben, was passiert. Kunst fungiert als Reflexionsraum, als Brückenbauerin und lässt Spielraum für die eigene Aufarbeitung oder Interpretation“, schildert Pidoprygora, die sich bereits in ihrer Habilitation mit der Verbindung von Sprache und visuellen Elementen auseinandergesetzt hatte.

Internationale Comic-Held:innen

Neben ukrainischen Comics analysiert die Wissenschaftlerin auch internationale Werke, die von westlichen Vorstellungen geprägt sind: „Viele internationale Comic-Anthologien sind direkt der Ukraine gewidmet – ein Ausdruck der Solidarität. Autor:innen globaler Comics (z. B. Nora Krug, Igort, Don Brown) wenden sich historischen Themen und aktuellen Entwicklungen zu, um ihrem Publikum in verständlicher Form die Geschichte der Ukraine näherzubringen und zugleich zu erklären, was derzeit geschieht. Es gibt auch Comics, in denen internationale Superheld:innen ihren ukrainischen Kolleg:innen zur Seite stehen.“

In Russland ist die Situation anders: Die Unterstützung für den Krieg nimmt ab, während Comics, die die Propagandanarrative des Kremls wiedergeben, staatliche Förderungen erhalten. „Diese Werke richten sich auch an ein breites internationales Publikum – sie werden aktiv in mehrere Sprachen, darunter Arabisch und Chinesisch, übersetzt.“

Comics als Kommunikationsmittel

Der Wissenschaftlerin ist es ein Anliegen, Comics aus der Ukraine Menschen in Europa näherzubringen, „denn das eröffnet eine ganz neue, emotional nahbare Perspektive auf den Konflikt, insbesondere, wenn das Erleben der Zivilbevölkerung dargestellt wird“, schildert Pidoprygora. Zuletzt war sie als Gastprofessorin an der Universität in Basel tätig, wo sie gemeinsam mit Kolleg:innen eine Ausstellung zur Comicserie INKER konzipierte. Die Illustrationen wurden mit den Kriegsereignissen kontextualisiert und auch für Schulen zugänglich gemacht.

In Zukunft plant die Literaturwissenschaftlerin, ein ähnliches Konzept in Innsbruck umzusetzen. „Es geht auch darum, den Comic als Genre kennenzulernen, oft haben diese eine ganz eigene Lesart. Und die zweite Ebene betrifft die Narrative aus dem Krieg, die wir vielleicht aus den Medien kennen, die aber in der multimedialen und künstlerischen Gestaltung der Comics eine andere Tiefe bekommen.“

 

Zur Person

Svitlana Pidoprygora hatte eine Professur an der Petro-Mohyla-Schwarzmeer-Nationaluniversität (Mykolaiv, Ukraine) inne, bevor sie 2022 nach Österreich floh. Heute arbeitet sie am Institut für Slawistik der Universität Innsbruck und war außerdem Gastprofessorin sowie URIS-Fellow (Ukrainian Research in Switzerland) an der Universität Basel. Ihre Forschungsinteressen umfassen Visuelle Studien, Comic-Studien, Medienwissenschaften, Massenkulturwissenschaften, Erinnerungsstudien und Ukrainistik. Darüber hinaus engagiert sie sich für die Förderung ukrainischer Initiativen in Österreich.

Das Projekt

Das Forschungsprojekt „Ukraine through Comics: National and International Representations from 1991 to the Present” wird im Rahmen von MSCA4Ukraine (Marie-Skłodowska-Curie-Actions-for-Ukraine) gefördert. Das von der EU finanzierte Stipendienprogramm wurde für geflüchtete Wissenschaftler:innen aus der Ukraine geschaffen, um ihnen die Fortführung ihrer Arbeit zu ermöglichen. Gleichzeitig unterstützt es sie dabei, ihre Verbindungen zu Forschungsstätten in der Ukraine aufrechtzuerhalten. Das Auswahlverfahren war für die zweite Ausschreibung mit einer Genehmigungsquote von nur acht Prozent hochkompetitiv. Es setzt neben einer ausgezeichneten wissenschaftlichen Expertise auch hohe Anforderungen an die aufnehmende Institution. Hierbei wurde Pidoprygora von Eva Binder und Jürgen Fuchsbauer vom Institut für Slawistik unterstützt. Sie erhielt als eine von nur vier ukrainischen Wissenschaftler:innen in Österreich das Stipendium.

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