Für die meisten Einwohner Innsbrucks ist die rissige Borke eines Baumes nichts weiter als eine Kulisse. Sie verschmilzt einfach mit der Umgebung, ohne dass man genauer hinsieht. Doch für eine kleine, vertikale Bergsteigerin wie Clara, ein junges Waldbaumläufer-Weibchen (Certhia familiaris), ist sie eine Bergkette, die darauf wartet, erkundet zu werden. Trotz ihres kleinen, zierlichen, braun gemusterten Körpers ist sie eine der besten Illusionistinnen des städtischen Waldes. Dank ihres gesprenkelten, holzartigen Gefieders verschmilzt sie perfekt mit den einzigartigen Mustern der Rinde des Baumes. Während andere Vögel ihre Symphonien zwitschern, verbringt Clara ihre Tage in den ruhigen Spalten einiger der ältesten Bäume der Stadt, unsichtbar und verborgen in der hölzernen Landschaft.
Eine Spezialistin im Betondschungel
Clara ist mit ihren ganz besonderen Fähigkeiten und Talenten ein echter Glücksgriff für die Natur. Anders als der anpassungsfähige Haussperling benötigt Clara eine sehr spezifische Umgebung, um zu überleben. Sie liebt ältere Bäume mit besonders tief zerfurchter Rinde. In einer modernen Stadt, die von glattem Glas und jungen, schlanken Setzlingen geprägt ist, erinnert Clara daran, warum alte Baumbestände, wie man sie im Hofgarten oder bei den älteren Universitätsgebäuden findet, heute echte biologische Schätze sind.
Der Triumph in den Baumkronen
Claras typischer Tag beginnt gegen 6:00 Uhr morgens. Sie schlüpft aus ihrer gemütlichen Rindenspalte und macht sich sofort an die Arbeit: Sie fliegt an die Basis der nächsten großen Rosskastanie und klettert spiralförmig nach oben. Dabei nutzt sie ihre steifen, spitzen Schwanzfedern als Stütze. Sie sucht nach Insekten, Spinnen und Larven, die unter der abblätternden Borke ruhen. Ihr Werkzeug der Wahl? Ein langer, nach unten gebogener Schnabel, der wie eine feine Pinzette funktioniert. Während die Kleiber im selben Park emsig Samen hämmern oder kopfüber den Stamm hinunterlaufen, begegnet Clara ihnen auf dem Weg nach oben. Durch die Spezialisierung auf die Mikrofauna in den verborgenen Winkeln der Bäume vermeidet sie die direkte Nahrungskonkurrenz mit den größeren, lauteren und vielleicht bunteren Bewohnern des Parks.
Inselhüpfen als neuer Lebensstil
Folgt man Clara durch ihren Tag, zeigt sich der „Inselcharakter“ der Stadtökologie. Für Clara ist Innsbruck keine zusammenhängende Stadt, sondern ein Meer aus Beton und Glas, aus dem hie und da grüne Paradiese auftauchen.
Für einen kleinen, spezialisierten Vogel wie Clara ist das Überqueren einer breiten, viel befahrenen Straße wie dem Innrain ein riskantes Unterfangen. Sie bevorzugt „Korridore“ – Reihen schattiger Bäume oder dichte Hecken, die es ihr ermöglichen, sich von den Flussufern zu den Stadtparks zu bewegen, ohne Raubvögeln wie dem Sperber schutzlos ausgeliefert zu sein.
Der Preis der Sauberkeit
Wer hätte gedacht, dass Sauberkeit ein Problem sein könnte? Aber ja, in gewisser Weise könnte man sagen, dass wir Menschen es manchmal ein wenig übertreiben. In vielen städtischen Wäldern und gepflegten Parks wird Totholz entfernt und alte Bäume werden aus Sicherheitsgründen oder wegen der Ästhetik gefällt. Für Clara und ihre Artgenossen führt dies zu einer massiven Wohnungskrise. Clara sucht auf diesen Bäumen nämlich nicht nur nach Nahrung, sie lebt auch in ihnen.
Wenn Menschen einen Park „aufräumen“, indem sie tote Äste entfernen oder lose Rinde abziehen, zerstören sie unbewusst potenzielle Nistplätze für Baumläufer wie Clara. Dies führt zu einer Verschlechterung des Lebensraums: Die Parks sehen für uns zwar grün und schön aus, sind aber für eine Spezialistin wie sie funktionell nutzlos.
Ein Hauch von Plastizität
Im Gegensatz zur opportunistischen Kohlmeise sieht man Clara selten an Futterhäuschen in Gärten. Ihr spezialisierter Schnabel ist für Fettblöcke und große Samen ungeeignet. Stattdessen zeigt sie in den kalten, kargen Monaten eine andere Form der Verhaltensplastizität. Wenn die alpinen Winde die Rinde der Innsbrucker Bäume mit Eis überziehen, muss Clara noch strategischer vorgehen. Untersuchungen von Arevalo und Gosler (1994) deuten darauf hin, dass Baumläufer bei extremer Kälte ihre Effizienz bei der Nahrungssuche steigern, indem sie sich fast ausschließlich an den Hauptstämmen großer Bäume aufhalten. Dort bieten die tieferen Spalten ein Mikroklima, das verhindert, dass ihre winzige Beute steif friert.
Die vertikale Verbindung
Als die Abendschatten den Inn heraufkriechen, erreicht Clara die Krone ihres zwanzigsten Baumes an diesem Tag. Mit einem dünnen, hohen Tsee fliegt sie hinunter zur Basis des nächsten Baumes, um den Aufstieg von Neuem zu beginnen. Claras Präsenz ist nicht nur die eines biologischen Indikators, sondern sie gibt uns Menschen auch einen wertvollen Hinweis für die Stadtplanung. Sie ist eine stille Zeugin dafür, wie wichtig die „alte“, wilde Natur ist. Wenn wir einen einzigen alten Baum oder ein wildes Grasstück im Garten stehen lassen, retten wir nicht nur eine Pflanze. Wir erhalten die vertikalen Autobahnen und Korridore, auf die Clara und ihre Verwandten angewiesen sind.
Wenn Sie das nächste Mal an einem alten Baum in Innsbruck vorbeigehen, halten Sie für einen Moment inne und schauen Sie genauer hin. Vielleicht beginnt die Rinde ja zu leben.
(Von Josephine Maria Magdalena Dunmore, übersetzt aus dem Englischen)
