Dr. Martin Gartner
Warum haben Sie sich für das Studium der Erziehungswissenschaften in Innsbruck entschieden?
Meine traumatisierende Schulerfahrung war Anlass dafür, in Richtung Lehrerbildung/Lehrerfortbildung zu gehen, um „dafür zu sorgen“, dass keine - ich möchte fast sagen - „Psychopathen“ auf wehrlose Kinder losgelassen werden. Anschließend habe ich mich dafür entschlossen, Erziehungswissenschaften und Psychologie zu studieren.
Studienbegleitend habe ich die Pädagogische Akademie abgeschlossen und als Lehrer Praxis gesammelt, um dann später in die Lehreraus- und -fortbildung wechseln zu können. Aus diesem Vorhaben wurde schließlich nichts, da ich mit dem damaligen Schulsystem nicht einverstanden war. Schlussendlich belegte ich eine Stelle als Eignungspsychologe im Landesarbeitsamt.
Was war für Sie ein unvergessliches Erlebnis Ihrer Studienzeit?
Das „unvergessliche Erlebnis“ stellte für mich wohl eher die Tatsache dar, dass ich als engagierter Student mein Studium schlicht weg sehr genossen habe. Im Unterschied zu heute waren es damals vergleichsweise recht wenige Studenten. Ich habe die - ich möchte fast sagen - familiäre Zusammenarbeit zwischen dem Mittelbau und uns Studenten sehr genossen. Ich fühlte mich von den Assistenten sehr gut betreut. Auch während meiner Dissertation gab es an der Betreuung seitens der Lehrenden nichts auszusetzen. Ich war ein sehr glücklicher Student und sehr zufrieden mit der Wahl meines Studiums. Alles ist wunschgemäß gelaufen, also genau so wie ich es mir vorgestellt habe.
Gab es Personen in Ihrem Studium, die Sie besonders geprägt haben?
Was mich besonders geprägt hat, war die Zusammenarbeit mit Studentenkollegen*innen im Rahmen eines Forschungsprojektes seitens des Institutes für Erziehungswissenschaften, welches mittels einer groß angelegten Studie sexuelle Einstellungen und Verhaltensweisen der Jugendlichen in Österreich untersucht hat. Diese Projektgruppe ist mir insbesondere durch die kollegiale und wissenschaftliche Zusammenarbeit in nachhaltiger Erinnerung geblieben.
Waren Sie im Ausland? Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?
Nein, die Möglichkeit hatte ich damals leider nie gehabt.
Wie hat sich Ihr Weg zum Studium und vom Studium bis heute entwickelt?
Nach dem Studium habe ich dann, wie bereits erwähnt, eine Stelle als Eignungspsychologe im damaligen Landesarbeitsamt bekommen. Dort bin ich relativ bald sehr krank geworden, entwickelte psychosomatische Symptome. Rückblickend sehe ich diese darin begründet, dass ich an Hand der von den Berufsberatern erhobenen Testdaten recht knappe psychologische Eignungsgutachten schreiben musste. Im Beratungsgespräch wurde dem Arbeitssuchenden dann mitgeteilt, welche Berufsrichtungen wohl zu ihm passten. Mir war damals schon bewusst, dass ein Test im besten Fall eine gute Grundlage für ein Beratungsgespräch darstellt, aber niemals derart ausgelegt werden kann, dass anhand seiner Ergebnisse die jeweilige Berufsorientierung eindeutig festgelegt werden konnte. Aus ethischen Gründen war ich damit nicht einverstanden, was in mir einen Konflikt ausgelöst hat. Dieser innere Konflikt hat mich damals krank gemacht. Eines Tages war es mir frühmorgens nicht mehr möglich aufzustehen, sodass ich in die Klinik eingeliefert werden musste. Einem ganz besonderen Arzt habe ich es zu verdanken, einmal genauer „hinzusehen“: Er führte mir den Zusammenhang zwischen meiner Physis und meinem inneren Konflikt vor Augen. Mir ist nichts anderes übrig geblieben, als meine Stelle beim Arbeitsamt zu kündigen. Und siehe da, nach drei Monaten war ich wieder gesund! Andere Ärzte hatten dafür keine Erklärung!
Für mich war es ein sogenanntes „AHA- Erlebnis“, am eigenen Leib zu erfahren, wie psychische Probleme, ungelöste Konflikte u.dgl. zu psychosomatischen Beschwerden führen können. Das hat mich so fasziniert, dass ich meinen Weg in Richtung Psychotherapie eingeschlagen habe. Ich habe mich im Bereich der humanistischen Psychologie ausbilden lassen und viele verschiedene Psychotherapiemethoden selbst erfahren und studieren dürfen. Seit nun mehr als vierzig Jahren arbeitete ich als freischaffender Psychotherapeut in eigener Praxis. Dieser Beruf ist für mich mehr als nur ein Beruf – er ist wahrhaft zu meiner Berufung geworden, die mir sehr viel Freude bereitet und mich rundum erfüllt. Ganz besonders viel Freude erlebe ich, wenn ich meine Erfahrungen und meine Begeisterung an junge Studenten*innen, die bei mir ein Praktikum machen, weitergeben darf!
Welche im Studium erworbene Qualifikation half Ihnen in ihrem Beruf am meisten?
Das Studium der Psychologie und der Erziehungswissenschaften hat die Basis für meinen weiteren Weg geschaffen. Dieser erstreckte sich dann über viele verschiedene Ausbildungen im Bereich der Psychotherapie und wurde gefestigt durch ein breites Spektrum an Selbsterfahrung und Eigentherapie. Dieser Weg war es letztlich auch, der für mich die eigentliche Berufsausbildung darstellte.
Studienanfänger*innen bzw. Studierenden rate ich…
…der eigenen Intuition und seinen Gefühlen zu folgen, auf die Signale seines Körpers zu hören und - was in Zeiten der KI besonders wichtig ist - den Bereich der emotionalen, sozialen, kommunikativen und empathischen Intelligenz in jede berufliche Laufbahn zu integrieren. Kurz gesagt: Dem eigenen Herzen und seiner Intuition zu folgen ist bei der Wahl des Berufes das Um und Auf
Haben Sie in Ihrer Studienzeit einen Lieblingsort an der Universität gehabt?
Wenn es einen Lieblingsort an der UNI für mich gegeben hat, dann war das wohl tatsächlich das Institut für Erziehungswissenschaften und das Institut für Psychologie.
Ansonsten würde ich wohl die Natur als meinen Lieblingsort bezeichnen. Als Student genoss ich es, sofort im Wald und in den Bergen zu sein. Innsbruck bietet durch die Nähe zur Natur sehr viele Freizeitmöglichkeiten.
Was verbindet Sie heute noch mit der Fakultät bzw. mit der Universität?
Eigentlich nicht mehr all zu viel. Nicht mehr so viel wie früher.
Ich wollte immer schon einmal…
…diesen Beruf ergreifen, den ich jetzt habe.
Erziehungswissenschaft ist für mich…
…die Basis für jede Form von Lehreraus- und -fortbildung sowie von Pädagogik im weiteren Sinne.