Martha Heizer

Martha Heizer feierte im Mai 2026 ihr Goldenes Doktorjubiläum. Sie studierte von 1967 bis 1976 Erziehungswissenschaft an der Universität Innsbruck. Bevor sie Erziehungswissenschaft studierte, hat sie zunächst Psychologie angefangen, hat sich dann aber für Erziehungswissenschaft entschieden. Neben dem Studium arbeitete sie als Lehrerin mit voller Lehrverpflichtung an der Hauptschule in Hall.

Warum haben Sie sich für Erziehungswissenschaft als Studium/Hauptfach entschieden? 

Heizer Ich war einfach enttäuscht von der Psychologie. Wir haben damals den Professor Kohler gehabt, viel über Wahrnehmungspsychologie gelernt, viele Experimente gemacht. Wir sind mit Umkehrbrillen Ski gefahren. Er hat uns fast ein Semester lang erklärt, wie und warum man überhaupt mit Farben sehen kann. Das war nicht das, was ich mir unter Psychologie gewünscht habe. Heute gibt es ja die Notfallpsychologie. Das hätte mich sehr viel mehr interessiert. Ich war enttäuscht von der Psychologie, es war nicht meins. Und dann gab es plötzlich die Erziehungswissenschaft mit Rudolf Weiß. Das war ein junger, dynamischer, sprühender Professor, recht liebenswürdig und charmant. Er hat Vorlesungen gehalten, die man wirklich gut verstanden hat. Er hat gesagt: „Wenn ich schon Pädagoge bin, dann muss ich doch schauen, dass ich verstanden werde von denen, die mir zuhören.“

Bei uns sind viele angehende Studierende, die sich vorstellen, dass Erziehungswissenschaft für den Lehrer:innenberuf ausbildet. Wie war das bei Ihnen?

Auch damals hat Erziehungswissenschaft nicht für den Lehrerberuf ausgebildet. Ich war mir ganz sicher, dass ich nicht Lehrerin werde - und habe dennoch nach einem oder zwei Jahren angefangen zu unterrichten; aus ökonomischen Notwendigkeiten. Es gab eine Schule hinter unserem Haus. Ich habe gefragt, ob ich da anfangen kann zu unterrichten. Sie wollten mich woanders hinschicken. Da habe ich gesagt: „Nein, woanders gehe ich nicht. Entweder da oder gar nicht“. Und da habe ich diese Stelle bekommen. Das war schon sehr praktisch.

Frau Heizer unterrichtete dann sieben Jahre an der Hauptschule. Sie bekommt zwei Kinder und studiert nebenbei.

Haben Sie ein unvergessliches Erlebnis in ihrer Studienzeit gehabt?

Genügend! Mein wichtigstes war meine erste Seminararbeit bei Dorli Wieser. Ich habe keine Ahnung mehr vom Thema, aber ich weiß, dass ich nach Literatur gesucht habe und dies zusammengestellt habe. Ich habe es ihr gegeben und mir gedacht, dass es so passt. Und dann hat sie gesagt: „Nein, das ist nicht genügend.“ Ich bin aus allen Wolken gefallen. Sie hat dann gesagt: „So geht das nicht. Da ist ja von Ihnen gar nichts dabei!“ Ich habe ihr gesagt, dass ich mich nicht auskenne und die Fachleute zu Wort kommen lassen muss und ich das zu wenig verstehe. Und sie sagt: „Sie haben sich da jetzt auseinandergesetzt. Sie haben eine Meinung, und die will ich da hören. Und das muss drinstehen in der Seminararbeit. Das ist Ihre Arbeit.“ Das hat mich wirklich fasziniert. Das war nochmal ganz was anderes, als ich mal gedacht habe und viel spannender. Das war eine ganz wichtige Erkenntnis für mich. 
Während dem Studium starteten wir ein Projekt, das ein zeitlich bodenloses Unterfangen war. Es hat ewig gedauert und hat mein Studium verlängert. Aber dadurch, dass das eine so intensive Gruppenerfahrung war, habe ich da schon auch Sachen gelernt, die ich vermutlich sonst nirgendwo so gelernt hätte: Argumente gegenseitig abwägen und schauen, was sind sie wert, und akzeptieren, wenn sie einfach auseinandergenommen werden - und die Freude, die man hat, wenn man merkt, dass ein Argument jetzt wirklich zielführend war.

Gibt es eine Person, die sie besonders geprägt hat?

Das waren viele. Das war viel Positives, viel Negatives.

Es war früher sicher nicht so leicht ins Ausland zu gehen. Hatten Sie Auslandserfahrung im Rahmen des Studiums? 

Nein, habe ich nicht. Aber das war bei mir auch eine finanzielle Frage, weil ich ja nebenbei unterrichtet habe. Ich hätte gar nicht gehen können, obwohl ich es mir so oft gewünscht habe.

Wie hat sich Ihr Weg zum Studium und vom Studium bis heute entwickelt?

Mit der Promotion habe ich an der Schule aufgehört und dann sehr schnell eine Stelle an der Erziehungswissenschaft bekommen; das wäre eine Ganztagsstelle gewesen. Ich habe aber auch schon unser erstes Kind gehabt - die heutigen Frauen machen das trotzdem - ich habe das damals einfach nicht wollen und wollte eine Halbtagsstelle. Ich habe Michael Schratz gebeten, ob er nicht die zweite Hälfte übernehmen möchte und da hat er dann zugestimmt. Dann war ich sieben Jahre auf der Erziehungswissenschaft. Ich habe die allererste Frauenveranstaltung an der Uni gemacht in Innsbruck, da war vorher gar nichts und dann immer wieder eine Lehrveranstaltung über weibliche Sozialisation.
Wir haben dann dieses Projekt gestartet, wie es den Frauen an der Uni Innsbruck geht. Da habe ich Herlinde Hudelist kennengelernt und wir haben gemerkt, dass wir gut miteinander können. Sie hat jemanden gesucht, der oder die an Forschungsprojekten interessiert ist. Dann bin ich nach sieben Jahren an die Theologie gewechselt und war dann gute zwanzig Jahre dort. Ich habe ganz viel mit feministischer Theologie gemacht, mit meiner Chefin gemeinsam und habe die zukünftigen Religionslehrer und Lehrerinnen in Pädagogik ausgebildet. Ich hatte jedes Semester zwei Vorlesungen zur Pädagogik, also Schule und Lernen und Entwicklungspsychologie. Da war ich dann zwanzig Jahre und dann bin ich relativ früh in Pension gegangen. Dann habe ich ein spezielles „Hobby“ entwickelt für die Reform der katholischen Kirche. Und da bin ich immer noch beschäftigt damit. 

Haben Sie im Studium Qualifikationen erworben, die Ihnen im Berufsleben am meisten geholfen haben?

Ich kann mich erinnern, dass es eine hochpolitische Umgebung war in der Zeit, in der ich studiert habe. Ich erinnere mich, wie ich zur Promotion nach Innsbruck gefahren bin, habe ich mir gedacht, dass ich schon anstehen würde, wenn mich jemand fragen würde „Was ist Erziehung?“ Erziehung ist so etwas Komplexes, wo so vieles dazugehört, dass ich mich mit einer einfachen Definition schwertue. Das ist eine Kompetenz, die ich gelernt habe: die Fragen nicht zu schnell und zu simpel oder zu schnell verständlich zu beantworten und dabei dann zu vieles auszuklammern. Und natürlich Argumentieren habe ich gelernt. Ein bisschen auch, was sehr schwierig war, mich durchzusetzen. 

Was möchten Sie gerne noch erreichen (privat)?

Ich bin wirklich sehr dankbar, dass mein Mann und ich noch gesund sind. Jetzt gehen wir auf die achtzig zu und können noch viel unterwegs sein. Also das war schon ein Ziel, eher eine Hoffnung, einen möglichst würdigen Lebensabend zu erleben. Und natürlich mit dieser katholischen Kirche, dass sich da vielleicht irgendwas tut. Und es tut sich schon auch etwas, speziell bei den Gemeinden. Also das, was mir damals 1995 gefordert haben beim Kirchenvolksbegehren, diese fünf Forderungen sind jetzt überall im Gespräch, auch in Rom.

Studienanfänger:innen rate ich…

... sich nicht unterkriegen zu lassen, nicht beeindruckt zu sein von Wissenschaft oder von den Wissenschaftlern und vielleicht Wissenschaftlerinnen (aber das sind ja noch nicht so viele. Von denen darf man sich beeindrucken lassen!). Und immer zu schauen, was ist das Eigene? Um was geht es mir? Was ist mir wichtig? Warum tue ich das? Was kann ich da tun? Und ja, einfach mit großem Selbstbewusstsein zu studieren.

Was war zu Studienzeiten Ihr Lieblingsort in Innsbruck/an der Universität? 

Das Institut war damals bei der Johanniskirche. Das war eigentlich recht gemütlich, so mit der Raumverteilung, alles auf einem Stock. Also ein paar Räume, halt nicht so riesig. Dann sind wir auf die Geiwi übersiedelt. Das Büro dort hat mir gut gefallen. Das war schon ganz nett. Ja, aber Lieblingsort kann ich nicht sagen.

Was verbindet Sie heute noch mit der Fakultät für Bildungswissenschaften bzw. der Universität Innsbruck?

Mit der Fakultät verbindet mich nichts. Also es verbindet mich noch einiges mit der theologischen Fakultät, weil ich dort so lang war, aber nichts mit der Bildungswissenschaft, die kenne ich ja gar nicht, weil bei mir war das alles noch nicht da. Mit der Universität verbindet mich, ja, schon auch, Wertschätzung und ein leises Heimatgefühl. Also, Uni ist schon auch meins. An der Uni war ich daheim und habe da viel gelernt; viel, viel, viel Gutes erfahren, viel Entwicklungsmöglichkeiten erhalten. Die Uni ist ein großes Stück Heimat, eigentlich.

Ich wollte immer schon einmal…

Ich wollte immer schon einmal eine qualitative Untersuchung machen mit Eltern, die gerade Eltern geworden sind, was sie für Vorstellungen haben über das, wie sie ihr Kind erziehen wollen.

Erziehungswissenschaft ist für mich…

... dringend notwendig. Und zwar deswegen, weil unsere Gesellschaft davon abhängt, dass die Erziehung so weit wie möglich Menschen begleitet, die sich dann in ihrem Leben einsetzen für ein gutes Leben für alle. Wenn man sieht, dass überall dort Menschen leicht radikalisiert werden, wo die Erziehung nicht hinhaut, in eine falsche Richtung läuft, braucht es diese Metaebene seitens der Erziehungswissenschaft, die drauf schaut und die sagt, was wirklich wichtig ist und wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln müssen. Das ist natürlich schwierig, weil es da keinen Konsens gibt. Was genau ist dieses „gute Leben für alle“? Die Erziehungswissenschaft kann aber zumindest grobe Fehlentwicklungen anmahnen. Da bin ich wieder bei diesem politischen Aspekt, der damals so wichtig war. Die Erziehungswissenschaft ist politisch.

 

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