Vertrag von Sèvres: Ein auf­­geho­­benes Todes­­urteil

Nachdem in den bisherigen Vorträgen von „100 Jahre Republik Österreich“ 1918/19 in der österreichischen Perspektive thematisiert wurden, ging es am 25. April mit einem Blick über den mitteleuropäischen Tellerrand weiter: Der Historiker Yasir Yilmaz von der Universität Olomouc (CZ) sprach über ein hier wenig präsentes Thema, den Friedensvertrag von Sèvres mit dem Osmanischen Reich.
Gruppenfoto Ringvorlesung
Bild: Der Vortragende Yasir Yilmaz (2. von rechts) mit OrganisatorInnen der Ringvorlesung (von links): Kurt Scharr, Gunda Barth-Scalmani und Ingrid Böhler. (Credit: Judith Dengler)

Der Vertrag von Sèvres stellt nicht zuletzt für die Geschichte des Habsburgerreiches ein bedeutsames Thema dar. Mitorganisator Prof. Kurt Scharr wies auf diesbezügliche Wissenslücken hin und freute sich auch deshalb, Yasir Yilmaz in Innsbruck begrüßen zu können, bevor dieser seinen äußerst interessanten, in englischer Sprache gehaltenen Vortrag begann.

Ein Friedensvertrag, den es nie gab

Großbritannien, Frankreich, Italien und die USA traten erst spät in Friedensverhandlungen mit dem Osmanischen Reich ein, nachdem die Friedensverträge mit den anderen Verlierernationen mehr oder weniger abgeschlossen waren – doch die Ausgangslage war auch hier nicht weniger schwierig. Yilmaz’ erster wichtiger Punkt, um nun die Komplexität von Sèvres zu erklären, war die unmittelbare Vorgeschichte während des Ersten Weltkriegs: Das britische Kriegsziel hatte gelautet, das Osmanische Reich zu zerschlagen – nicht zuletzt aufgrund der Kontrolle über den wichtigen Meeresweg zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer, welcher aus den Dardanellen, dem Marmarameer und dem Bosporus besteht und noch während des Krieges Gegenstand von diversen Geheimverträgen, etwa des Vertrags von London, gewesen war. Zudem äußerte Yilmaz den Verdacht einer persönlichen Abneigung des britischen Premierministers David Lloyd George gegenüber dem Osmanischen Reich. Auch der 14-Punkte-Plan des US-Präsidenten Woodrow Wilson vom Januar 1918 nahm Einfluss auf die Verhandlungen – wie zuvor bei den anderen Pariser Vororte-Verträgen. Der springende (zwölfte) Punkt war die von Wilson explizit propagierte Autonomie sowohl der Türken_innen als auch der im Osmanischen Reich lebenden Minderheiten. Wilsons Vorschläge sollten schlussendlich zwar großteils ignoriert werden, doch es waren auch noch ganz andere Faktoren im Spiel, die zum Scheitern des Vertrags von Sèvres beitrugen.

Die Ereignisse überschlagen sich

Denn während die Verhandlungen in Sèvres noch liefen, begann unter dem jungen General Mustafa Kemal nahezu unerkannt von den „Großen Vier“ (den Siegermächten USA, Großbritannien, Frankreich und Italien) der Unabhängigkeitskrieg der Türken. Während diese militärische Bewegung sich im Gebiet der heutigen Türkei ausbreitete, behandelten die Artikel des Vertrags von Sèvres, die mehr oder weniger zeitgleich verhandelt wurden, einen Status Quo, der keiner mehr war – planten die Siegermächte doch die Aufteilung des implodierenden Osmanischen Reiches. Yilmaz ging im Vortrag dann dazu über, die wichtigsten Aspekte des Vertrags von Sèvres zu erläutern – etwa die Kontrolle der Meeresstraßen, die armenische und kurdische Frage sowie generelle Minderheitenrechte. Gemeinsam hatten gerade die relevanten Bestimmungen laut Yilmaz vor allem eines: ihre sehr schwammige Formulierung, welche mehrere, oft gegensätzliche Interpretationen zuließ. Außerdem sei gerade in diesem Kontext auch das Aufkommen der Ölindustrie im Mittleren Osten mitzudenken, das großen Einfluss darauf hatte, wo die Alliierten die neuen Grenzen ziehen wollten. Da man sich noch kein genaues Bild von den Ölvorkommen im ehemaligen osmanischen Gebiet machen konnte, war man darauf bedacht, die betreffenden Passagen bewusst vage zu halten. In der republikanischen Geschichtsschreibung der jungen Türkei wurde die osmanische Reaktion auf Sèvres als zu verhalten und unterwürfig kritisiert. Yilmaz zog hier einen interessanten Vergleich mit den Friedensverhandlungen mit Österreich: Konstantinopel hatte über die Jahrhunderte – wie auch Wien – viele erfolgreiche Diplomaten der „alten Schule“ hervorgebracht. Diese höfischen Machtzentren gab es nun aber nicht mehr und so konnten auch die geschicktesten Diplomaten die Niederlage am Verhandlungstisch nicht mehr abwenden – die Ergebnisse von Paris waren desaströs. In beiden Fällen war nämlich der Krieg so vernichtend verloren worden, dass alle Kunst der Diplomatie nichts mehr bewirken konnte.

Währenddessen kam von Seiten der Nationalbewegung unter Mustafa Kemal eine eindeutige Ablehnung des Vertrags, der seiner Meinung nach das Gebiet des im Entstehen begriffenen neuen türkischen Staates bis in dessen Herz zerriss. Jedenfalls diktierten es die militärischen Ereignisse, dass der Friedensvertrag von 1920, der in der Türkei nie in Kraft trat, nachverhandelt und 1923 durch den Vertrag von Lausanne ersetzt wurde, auf den Yilmaz aber nicht näher einging.

Von 1683 über 1920 bis 2018

Gegen Ende seines Vortrags zeigte Yilmaz höchst interessante Parallelen zwischen der schlussendlich gescheiterten türkischen Belagerung von Wien 1683, dem Vertrag von Sèvres und der heutigen türkischen Politik auf. Beispielhaft ist hier ein Auszug aus einem Tagebuch eines osmanischen Soldaten, der über die von ihm miterlebte Niederlage bei der Belagerung von Wien schrieb: „Daran werden sie sich noch in hunderten Jahren erinnern!“ – Wie heutige Debatten zeigten, habe sich diese Einschätzung bewahrheitet. Yilmaz sprach sowohl von einem so genannten Wien- als auch Sèvres-Syndrom, einer „Belagerungsmentalität“, die im Grunde seit 1683 vorherrsche – gekoppelt mit dem Glauben, der gesamte Westen habe sich gegen die Türkei verbündet. Diese Narrative würden noch heute verwendet, um auch in den Massenmedien weltpolitische Zusammenhänge und Ereignisse zu erklären. Ähnlich wie in Tschechien und Ungarn würden Szenarien konstruiert, die eine Bedrohung von außen, aber auch von innen vortäuschen und die viele Menschen als bare Münze nehmen – weil diese Verschwörungstheorien eben leichter zu verstehen seien als die wahren, komplexen geschichtlichen Zusammenhänge. Hoffnung auf Besserung gibt es kaum: Yilmaz sieht in der Türkei keine Journalist_innen, denen es gelingt, Gegennarrative in der Öffentlichkeit zu platzieren. Dadurch kann die Dualität von Überlegenheit gegenüber dem Westen („Wir standen bis Wien!“) und ständiger „Panik-Mache“ vor dem Westen, der die Türkei zerschlagen will, einen wesentlichen Aspekt in der Politik der gegenwärtigen Türkei bilden.

Der Bogen in die Gegenwart wurde schließlich durch die Fragerunde komplettiert, in der Yasir Yilmaz weitere Erläuterungen zur aktuellen türkischen Politik, den kommenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen, (semi-)offiziellen türkischen Geschichtsnarrativen, der Bedeutung Mustafa Kemal Atatürks und auch zur momentanen schwierigen Situation der Historiker_innen in der Türkei gab. Das Publikum wusste die Informationen aus erster Hand sehr zu schätzen und würdigte Yilmaz’ Vortrag mit dem ihm gebührenden Applaus.

(Stefan Hechl, Simon Schöpf, Katharina Walser)

Der Vortrag zum Nachsehen


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