Kon­­zept für koso­­vari­­sches Kunst- und Kultur­­zent­­rum

Studierende der Fakultät für Architektur entwickelten Vorschläge für den Umbau eines neuen Kunst- und Kulturzentrums im Kosovo. Dabei bewältigten sie integrative Entwurf- und Planungsaufgaben und analysierten die Wechselwirkungen mit dem urbanen, soziokulturellen und diskursiven Kontext. Sie konzentrierten sich auf die Frage, was gegenwärtige Architektur im Stande ist zu tun.
Studie Assemblage von Hannah Brod
Bild: Studie Assemblage von Hannah Brod. (Credit: Hannah Brod)

In der kosovarischen Kleinstadt Strellc wurde das Grundstück der Familie Beqiraj zum Ausgangspunkt für ein architektonisches Projekt. Seit 2018 findet dort jährlich das internationale Kunstfestival „Unter dem Pflug der Zeit“ statt, bei dem sich Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Studierende aus Mittel-, Ost- und Südeuropa und rund zwanzig weiteren Ländern treffen. Ihre vor Ort entstandenen Arbeiten werden in einem jährlich wechselnden Setting einer interessierten Öffentlichkeit gezeigt. Als Ausstellungsort dient eine historische Kulla. Dabei handelt es sich um einen wehrhaften Wohnturm, der insbesondere im Westen und Süden des Kosovo sowie in Nord-Albanien gebaut wurde. Durch den Kosovokrieg wurden zahlreiche dieser kulturhistorisch wertvollen Gebäude zerstört oder beschädigt.

Vermittlung von Methoden

Die vom Festival genützte Kulla samt Stallungen, Garten und einer Gartenmauer aus Stein soll in den nächsten zwei bis drei Jahren zu einem internationalen Kunst- und Kulturzentrum umgebaut werden, das als Drehscheibe für einen europäischen Kunst- und Wissenschaftstransfer agieren soll. Durch die Sanierung soll die Durchführung verschiedener Veranstaltungsformate und Projekte ermöglicht werden. Für diesen Anlass entwickelten 18 Architektur-Studierende im Rahmen der Lehrveranstaltung „EP Entwerfen 3“, die im Wintersemester 2020/21 stattfand, umfassende Konzepte. Als Lehrveranstaltungsleiter*innen agierten Kathrin Aste und Uwe Brunner. Als Methode kam die Strategie „and enjoy the paradox“ zur Anwendung, bei der es darum geht zu überraschen, Neugierde zu wecken und zu polarisieren. Im Mittelpunkt der Lehrveranstaltung stand weniger die Frage, was zeitgenössische Architektur sein sollte, sondern vielmehr war der Fokus darauf gerichtet herauszufinden, was gegenwärtige Architektur im Stande ist zu tun. Mithilfe der Technik der Assemblage entwickelten sie komplexe Objektformationen die scheinbar Unvereinbares miteinander verbinden. „Wir wollten das Widersprüchliche bzw. das Paradoxe kultivieren und schätzen. Dafür braucht man einen Sinn für Dualität, Mut zur Ketzerei und eine Begeisterung für das Kuriose und Bizarre“, erklärt Kathrin Aste.

Durchdachte Entwürfe

Studie Assemblage von Madeleine Linta
Studie Assemblage von Madeleine Linta. (Credit: Madeleine Linta)

Die Studierenden verfolgten mit ihren Entwürfen die Idee, dem vergessenen Ort im Kosovo einen neuen Sinn zu verleihen. Das Ergebnis der Lehrveranstaltung waren detailreich ausgearbeitete Architekturentwürfe, welche auf verschiedensten Weisen, die komplexen örtlichen, kulturellen und sozialen Gegebenheiten feinsinnig miteinander verhandelten. Der Verlauf der Lehrveranstaltung war geprägt von verschiedenen Entwurfsphasen. Das Semester begann mit physischen Studien zur Assemblage. Studierende entwickelten Serien von formalen Assemblagen, welche den kulturellen und architektonischen Kontext des Ortes, wo das Kunst- und Kulturzentrum entstehen sollte, auf mannigfaltigen Weisen, teils spielerisch, teils aber auch kritisch thematisierten und hinterfragten. In der darauffolgenden Entwurfsphase wurde diese Assemblage digitalisiert und hinsichtlich ihrer qualitativ atmosphärischen und räumlichen Aspekte überprüft. Dabei war der intermediale Prozess, die Übersetzung von physischen Modellen zu digitalen Modellen und das spielerische Neuentdecken der Assemblage, aber auch das kreative Experimentieren mit dem Übergang von einem Medium ins andere von größter Bedeutung. In diesem Sinne erklärte bereits Walter Benjamin in seinem berühmten Essay "Die Aufgabe des Übersetzers", dass die Übersetzung in erster Linie ein Modus ist, der eine gewisse Distanz und Autonomie vom Original erfordert, um wertvolle und neuartige latente Potenziale zu entfalten. Nach dieser objektorientierten Auseinandersetzung mit den architektonischen Qualitäten der Assemblage wurden die einzelnen Entwürfe in den örtlichen Kontext eingebettet und funktionale Aspekte sowie raumprogrammatische Anforderungen mit den vorgefundenen Gegebenheiten des zu bebauenden Grundstückes verhandelt. Studierende konnten hierbei auf einen 3D Laser Scan des gesamten Grundstückes und den darauf befindlichen Bauten zurückgreifen, welcher es ihnen erlaubte, ihren Entwurf exakt zu verorten als auch mit größter Präzision und Sensibilität in den örtlichen Bedingungen (Baumbestand, Baumarten, Topografie, Texturen und Materialien etc.) zu intervenieren.

Architektonische Experimente  

Die Endpräsentation der Arbeiten erfolgte am ./studio3, wo die einzelnen Arbeiten bis Ende Juli in Form von Modellen, Zeichnungen und Videos ausgestellt waren. Die besondere Herausforderung der Lehrveranstaltung lag in der Herangehensweise bzw. der Methodik des Entwerfens. Studierende mussten sich von Beginn an der Frage stellen, wie man Architektur schafft, welche das Potenzial in sich trägt, nicht nur zukünftige Betrachter*innen und Benutzer*innen in ihrer architektonischen Erfahrung zu überraschen, sondern wie man sich selbst als Architekturschaffende/r im Entwurfsprozess überrascht und sich somit von vorgeformten und rigiden Entwurfsmustern löst, um neue expressive und ungewöhnliche Architekturen zu entwickeln. Dabei war das stetig architektonische Experimentieren, die aktive Einbeziehung des Zufalls im Gestaltungsprozess und die kontinuierliche und kritische Evaluierung der eigenen Methodik von größter Bedeutung.

(Uwe Brunner/Redaktion)

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