Die Mit­täter­schaft vom „Ers­ten Op­fer“ am Holo­caust

Die Vorstellung, wonach der Staat Österreich als das erste Opfer von Nazi-Deutschland zu gelten habe, wurde spätestens im Zuge der Waldheim-Affäre aufgegeben. Bertrand Perz, Professor am Wiener Institut für Zeitgeschichte, referierte am 14. Novemver über die Situation Österreichs nach dem „Anschluss“ – insbesondere über die Folgen für die jüdischen Österreicher und Österreicherinnen.
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Bild: Vertreterinnen und Vertreter der Universität mit dem Vortragenden Bertrand Perz (3. von links). (Credit: Judith Dengler)

Österreich wurde direkt nach dem „Anschluss“ als Region ins Reich eingegliedert und erhielt somit die gleichen Rechte und Pflichten wie der Rest von Nazi-Deutschland. Für die österreichischen Juden und Jüdinnen ergaben sich damit vier weitreichende Einschnitte in ihr Leben.

Erstens hatte besonders Wien eine der größten jüdischen Gemeinden in Europa – nach den Deutschen Rassegesetzen etwas über 206.000 Menschen. Diese waren nun allesamt in Gefahr, da auf geradezu obsessive Weise binnen zweier Monate fast alle judendiskriminierenden Gesetze für „Österreich“ adaptiert werden mussten, die sich in Deutschland über Jahre hinweg entwickelt hatten.

Zweitens kam es direkt nach dem „Anschluss“ zu antisemitischen Ausschreitungen, welche mit den Novemberpogromen des Jahres 1938 ihren vorläufigen Höhepunkt fanden. Diese waren in Österreich, und vor allem in Wien mit seiner großen jüdischen Gemeinde, besonders brutal – es kann daher nicht argumentiert werden, dass der Judenhass von „außen“ importiert worden wäre.

Drittens ist Beraubung und Vertreibung zu nennen. Beides wurde zu zentralen staatlichen Aufgaben hinsichtlich des Umgangs mit der jüdischen Gemeinde. Die eigens geschaffene Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien unter der Leitung von Adolf Eichmann (1906–1962) wurde so zu einer essenziellen Behörde, welche mit der forcierten jüdischen Emigration große Geschäfte machte. Aber auch im privaten Bereich gab es genügend Menschen, welche die Situation auszunutzen wussten.

Viertens kam es mit Kriegsbeginn 1939 sukzessive zu Deportationen in Richtung Osteuropa, welche ab dem Frühjahr 1941 ihren Höhepunkt fanden. Bereits vor Kriegsbeginn wurden fast alle österreichischen Juden und Jüdinnen nach Wien gebracht, was die weitere Vorgangsweise der Deportationen vereinfachte – „Restösterreich“ war somit nach kurzer Zeit fast „judenfrei“.

Die verschiedenen Phasen der Deportationen

Auch hier ist von vier verschiedenen Entwicklungen zu sprechen. Erste Deportationsbemühungen brachten knapp 1.600 Menschen nach Nisko, welches im besetzten Polen, nahe zur sowjetischen Demarkationslinie lag. Dieses Vorhaben wurde aber bald wieder verworfen, weil es zu kostspielig war und der Madagaskarplan aufkam. Nach diesem sollten sämtliche Juden und Jüdinnen auf die gleichnamige Insel verfrachtet werden, sobald Frankreich und Großbritannien besiegt worden wären – dazu kam es bekanntlich nie.

Da dieser Plan auf absehbare Zeit nicht umsetzbar war, wurde die österreichische jüdische Gemeinde in einem zweiten Schritt ab dem Frühjahr 1941 ins besetzte Polen abgeschoben. 5.000 Menschen kamen so nach Lublin – wegen dem geplanten Überfall auf die Sowjetunion musste aber auch dieser Plan schnell aufgegeben werden, da keine Transportkapazitäten mehr frei waren.

Die dritte Phase betraf den Großteil der österreichischen Juden und Jüdinnen. So begannen ab Herbst 1941 systematische Deportationen nach Osteuropa, wo verschiedene menschenunwürdige Ghettos entstanden. Aus Österreich kamen die meisten Menschen nach Lodz (das formal Teil des Deutschen Reiches war), ins Reichskommissariat Ostland (Teil der besetzten Territorien der UdSSR), nach Lublin (Teil des damaligen Generalgouvernements) oder nach Theresienstadt (damals Protektorat Böhmen und Mähren). In letzteres sollten vor allem „verdiente“ Menschen kommen – etwa Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg. Dahinter steckte das Kalkül, dass man der Bevölkerung glaubhaft machen wollte, sich um diese (meist älteren) Menschen zu kümmern und es somit unglaubwürdig erscheinen sollte, dass zeitgleich noch weiter im Osten abertausende junge Menschen ermordet werden. Das Lager diente also vor allem der Täuschung und war großteils lediglich ein Durchgangslager. Nach Auschwitz kamen aus Österreich interessanterweise „nur“ 1.000 Juden und Jüdinnen.

Da die dritte Phase dermaßen „erfolgreich“ war, kam es in der vierten nur noch zu kleineren Transporten. Schließlich gab es im Dezember 1944 nur mehr 5.799 (großteils durch hochrangige Ehen privilegierte) Juden und Jüdinnen in Wien, gegenüber 206.000 im März 1938. Mindestens 66.500 davon starben, was eine verhältnismäßig niedrige Zahl war, da viele noch flüchten konnten, was in später eroberten Gebieten nicht mehr der Fall war.

Die Schuldigen

Schuldige gab es in ganz Österreich, darunter beispielsweise viele Lageraufseher, die in Osteuropa Millionen Menschen ermordeten. Darunter tauchten nicht wenige bekannte Namen auf, wie etwa Ernst Kaltenbrunner (1903–1946), Adolf Eichmann (1906–1962), Arthur Seyss-Inquart (1892–1946) oder Amon Göth (1908–1946). Aber auch abseits der Schwerstbelasteten gab es in Österreich viele Kollaborateure. Laut Simon Wiesenthal (1908–2005) war Österreich sogar überproportional beteiligt. Für Perz ist die Schuldfrage allerdings schwierig zu beantworten, da sie immer davon abhängt, wer als Täter definiert wird, womit die Frage des Ausmaßes der österreichischen Beteiligung für ihn nicht zufriedenstellend beantwortet werden kann. Was somit bleibt, ist die Zerstörung einer Kultusgemeinde, welche besonders in Wien äußerst ausgeprägt war.

(Aaron Salzmann)

Der Vortrag zum Nachsehen:

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