Der „Anschluss“ 1938 – Zustim­mung, Macht­übernahme und Selbst­er­mächtigung

Die Zeitgeschichte-Koryphäe Gerhard Botz eröffnete mit einem Vortrag über den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich den zweiten Themenblock der Ringvorlesung „100 Jahre Republik Österreich“ und unterstrich in seinem Beitrag die These eines „Anschlusses“ von „unten, von innen-oben und von außen“.
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Bild: Kurt Scharr, Ingrid Böhler, der Vortragende Gerhard Botz, Eva Pfanzelter und Wolfgang Meixner. (Credit: Judith Dengler)

Der Wiener Historiker ist auch nach seiner Emeritierung 2009 eine der markantesten Persönlichkeiten der Österreichischen Zeitgeschichte. Botz gilt als Begründer der historischen Sozialwissenschaften in Österreich, dementsprechend betont er zu Beginn seines Vortrages die Bedeutung der Regionalgeschichte als Gegenentwurf zur National- oder Globalgeschichte. Schließlich sei es in der Regionalgeschichte am besten möglich, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Prozessen und Aspekten der Gesellschaft herzustellen. So stellt auch seine Arbeit eine mikrohistorische Regionalgeschichte mit Fokus auf den Thematiken Politik und Gesellschaft dar.

Vorgeschichte des „Anschlusses“

Von welcher Zeit sprechen wir überhaupt, wenn wir vom „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich sprechen? Botz grenzt das Ereignis auf die Zeit vom März 1938 bis zum September des gleichen Jahres ein. In dieser Zeit wurden die Grundlagen der nationalsozialistischen Gesellschaftsstruktur Österreichs und der dazu gehörenden Institutionen geschaffen. Allerdings ist die Vorgeschichte dieses Ereignisses zentral für ihr Verständnis: Diverse Anschlussbestrebungen geisterten schon in der Ersten Republik durch die Köpfe der Österreicher und wurden vom national-völkischen Lager instrumentalisiert, was seinen ersten Höhepunkt im Putsch von 1934 fand.

Das zunehmend autoritär regierte Österreich hatte als Garant seiner Unabhängigkeit das faschistische Italien unter Mussolini. Dieser hatte Interesse, als Protektor Österreichs aufzutreten, unter anderem weil das Land einen Puffer gegen das mächtiger werdende Deutschland darstellte. Mit dem Krieg in Abessinien wandte sich Italien allerdings dem Deutschen Reich zu und die Regierung Schuschnigg war gezwungen, nun ebenfalls eine Annäherung an Berlin zu suchen. Durch das Juli-Abkommen 1936 waren schon die Bedingungen gestellt, Österreich auf mittelfristige Sicht in Abhängigkeit von Deutschland zu bringen. Allerdings betonte Botz, dass das noch lange nicht bedeutete, dass es für die Akteure nicht noch andere Handlungsspielräume gegeben hätte.

„Rot-Weiß-Rot bis in den Tod“ 

Das Deutsche Reich erhöhte nun auch seinen militärischen Druck auf Österreich. In dieser Situation traf Schuschnigg am 12. Februar 1938 auf dem Obersalzberg auf Hitler. Für Österreich stand am Ende dieses Zusammenkommens ein ungleiches Abkommen, zu dem unter anderem die stärkere Einbindung von Nationalsozialisten in die Regierung gehörte.  

Zurück in Österreich distanzierte sich Schuschnigg von dieser Vereinbarung mit den berühmten Worten „Rot-Weiß-Rot bis in den Tod“ und schlug eine Volksbefragung über die Unabhängigkeit Österreichs vor. Damit geriet Hitler in Handlungszwang. Ein negativer Ausgang der Volksbefragung hätte einen Anschluss auf längere Zeit unmöglich gemacht. Daher erteilte Hitler am 10. März der Wehrmacht den Befehl für den Einmarsch, nur einen Tag nachdem Schuschnigg die geplante Durchführung eines Plebiszites verkündet hatte.

Der Druck auf Bundeskanzler Schuschnigg war enorm, sodass er schließlich einen Tag später aufgeben musste. Hitler forderte eine Regierung unter der Führung des österreichischen Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart (1892–1946), die mit einer Verzögerung zustande kam. Diese richtete schließlich ein von Göring vorgelegtes Hilfeansuchen nach Berlin, womit ein formaler Grund für das Eingreifen Deutschlands geschaffen war.

Hitler beauftragte auch Verfassungsrechtler, sich mit der Frage des „Anschlusses“ aus rechtlicher Sicht zu beschäftigen. Soweit musste es allerdings gar nicht kommen, da Italien den „Anschluss“ bereits akzeptiert hatte. Man hatte bereits die radikalere Lösung gewählt. Mit dem deutschen Einmarsch und der Veröffentlichung einer Anschlusserklärung in den Gesetzblättern beider Länder am 13. März wurde Österreichs Eigenständigkeit beendet. Das Land blieb noch für kurze Zeit mit eigener Landesregierung bestehen und wurde im April 1939 dann in einzelne Reichsgaue aufgelöst.

„Anschluss“ von Unten, Innen-Oben, Außen

Der „Anschluss“ von unten: ein spontaner, pseudorevolutionärer Moment. Dieser manifestierte sich in Demonstrationen von ehemals illegalen Nationalsozialisten, die von Polizei und Heer nicht unterbunden wurden. Der „Anschluss“ von innen und von oben: Nationalsozialisten drangen bereits am 11. März in die Landhäuser der Bundesländer ein und setzten den Austausch der Landeshauptleute durch. So erlangten die Nazis auch auf Landesebene die Macht, konnten den „Anschluss“ von oben forcieren und ihm gewissermaßen einen demokratischen Anstrich verleihen. Der „Anschluss“ von außen: Der Einmarsch deutscher Truppen am 12. März.

Diese drei Faktoren machten laut Botz die Machtübernahme aus und wurden dazu von einem enormen Propagandaaufwand begleitet, der nach außen hin eine Zustimmung der österreichischen Bevölkerung signalisieren sollte. Zu den mikrohistorischen Aspekten des „Anschlusses“, mit denen sich Botz beschäftigte, gehört auch das beispiellose Ausmaß von Antisemitismus, das gleich nach dem „Anschluss“ in der österreichischen Bevölkerung sichtbar wurde. Er zog von diesem ersten anarchistischen Ausbruch von Antisemitismus eine Linie zur späteren systematisierten und institutionalisierten Degradierung, Vertreibung und schließlich Vernichtung. Der „Anschluss“ war laut Botz aber kein ‚finis austriae‘, denn die Österreichische Geschichte geht aus seiner Sicht auch nach 1938 weiter. Man darf es sich also nicht zu einfach machen und die Zeit zwischen 1938 und 1945 aus der eigenen Verantwortung streichen. 

(Philipp Ferrara)

Der Vortrag zum Nachsehen:

 

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