Barbara Tasser
Der Argentarierbogen am Forum Boarium in Rom
(unveröffentl. Dipl.arb. Innsbruck 1998)
 

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den architektonischen, kunsthistorischen, topographischen und forschungsgeschichtlichen Aspekten des Argentarierbogens am Forum Boarium in Rom. Dabei handelt es sich um ein kleines, aber sehr aussagekräftiges Monument, bei dem es an der Zeit war, es von Grund auf neu zu beleuchten.
Im Rahmen der Arbeit ergaben sich einige neue Deutungsvorschläge, sei es was die Funktion des Baues, als auch die Motivation der Stifter – die argentarii et negotiantes boarii – und die Wahl des ikonographischen Programmes betrifft.
Das erste, was den Betrachter stutzig macht, ist die Bauform. Das Monument wird zwar allgemein als ‘Bogen’ bezeichnet, aber es ist kein Bogen im eigentlichen Sinne, denn es handelt sich um einen Architravbau, der aus drei Grundelementen, dem Architrav und den zwei Standpfeilern besteht. Diese Form, derart dekoriert, kennen wir als alleinstehenden Bau kaum.
Gegen seine Funktion als freistehender Durchgang zum Forum Boarium und Velabrum spricht die Tatsache, daß er auf der Rückseite nicht dekoriert ist und daß die Theorie, unter ihm habe eine direkte Verbindungsstraße zum Vicus Iugarius hindurchgeführt, grabungstechnisch nicht bewiesen ist.
Die Idee, sich den Argentarierbogen als monumentale Statuenbasis vorzustellen, scheitert daran, daß jegliches Element für eine Identifizierung von Einlassungsspuren oder einer Basis für Skulpturen fehlt. Damit bleibt nur eine Möglichkeit offen: es handelt sich beim Argentarierbogen um einen Eingang, der nicht etwa zu einem Stadtviertel, wie dem Velabrum, führte oder vom Forum Boarium weg, sondern den Zugang zu einem Gebäude bildete, vielleicht zur schola, dem Vereinshaus der beiden Stifterkollegien.
Was die Motivation für die Stiftung des Argentarierbogens betrifft, so haben wir keine eindeutigen Beweise und können nur anhand von Vergleichen, die uns aus der severischen Zeit zur Verfügung stehen, Vermutungen anstellen. Fest steht, daß das Kollegium der Bankiers und Rinderhändler des Forum Boariums sich für irgend etwas dankbar erwiesen hat, und zwar dem Kaiser und seiner Familie gegenüber, aber vielleicht auch den Konsuln des Jahres 204. Zumindest einer von ihnen hatte als Schutzherr des Kollegiums, als patronus, gewirkt und sich dabei wohl Verdienste erworben.
Am ehesten kämen dabei Vergünstigungen in Hinblick auf das unter Septimius Severus immer mehr angewandte munera-privilegia-System in Frage, das den Rinderhändlern im Falle ihrer konzentrierten Mitwirkung bei der annona, der Lebensmittelversorgung der Stadt, steuerliche Erleichterungen und damit wirtschaftliche Vorteile verschaffte. Diese Mitwirkung bestand in der autonomen Beschaffung der Tiere in den umliegenden Gebieten Roms und ihrer Einfuhr in die Stadt. Diese Privilegien betrafen natürlich nicht nur die negotiantes boarii, sondern auch deren enge Mitarbeiter, die argentarii. Ein weiterer Beweggrund für die Stiftung, der sich allerdings nicht beweisen läßt und deshalb auch nur als Denkansatz angesehen werden soll, liegt im der Darstellung des kleinen unteren Reliefs der linken Außenseite des Monuments, worauf möglicherweise der Abtransport der erbeuteten Tiere aus den Partherkriegen wiedergegeben ist. Vielleicht erhielten die Rinderhändler des Forum Boarium das Privileg, sich um die Beutetiere zu kümmern und erwirtschafteten daraus große Gewinne.
Gehen wir von der These aus, daß sich hinter dem Argentarierbogen die schola des Kollegiums befunden hat, so wäre es auch möglich, daß Septimius Severus im Zuge der generellen Umstrukturierung und Monumentalisierung des Forum Boarium den Bankiers und Rinderhändlern beim Bau ihres Vereinssitzes geholfen bzw. einen Teil der Finanzierung übernommen hat. Als Dank hätten die Nutznießer den Eingang zu ihrer schola monumental ausgestaltet und sich so beim Kaiser für seine Großzügigkeit revanchiert, indem sie ihn und sein Haus verherrlichten.
Die Gliederung und Aufteilung des plastischen Schmucks am Argentarierbogen ist, soweit man aus dem Erhaltenen schließen kann, regelmäßig und symmetrisch. Gesims und Gebälk sind mit verschiedenen Ornamentleisten reich dekoriert, und an der Vorderseite ist der Architrav mit der Inschrift versehen, an deren Enden sich jeweils eine Darstellung des Hercules und des ‘Genius’ befindet, die wohl beide am ehesten als Schutzgottheiten des Forum Boarium zu verstehen sind. Die Unterseite der Bekrönung des Argentarierbogens besteht aus einer Kassettendecke.

Der Durchgang ist an den Standpfeilern von oben nach unten mit girlandentragenden Victorien dekoriert. Dann folgen die zentralen Bilder, rechts jenes mit Septimius Severus, Iulia Domna und Geta, der vielleicht den caduceus in der Hand hielt, und links jenes mit Caracalla an dessen Seite man sich noch Plautilla und ihren Vater Plautian vorzustellen hat. Darunter waren Opferinstrumente und je ein Relief mit der Tötung des Opferstieres angebracht.

Die Vorderseite ist zwar in einem wesentlich schlechteren Erhaltungszustand als die Innenseite, doch Rekonstruktionsvorschläge sind möglich. So könnte man sich die vordere Ansichtsseite von oben nach unten mit girlandentragenden Adlern, dem zentralen Relief mit links und rechts jeweils einem Mann in Toga denken, die mit Vorsicht vielleicht als die Konsuln aus dem Jahre 204, M. Annius Flavius Libo und L. Fabius Cilo Septiminus zu identifizieren sind, und die Szene der Geleitung des geschmückten Stieres zum Opferaltar.
Die einzige uns erhaltene Außenseite zeigt oben vier Jünglinge mit einem Thymiaterion, darunter die große Darstellung mit zwei gefangenen Barbaren, die von Soldaten abgeführt werden. Das kleine Relief darunter zeigt eine Rinderherde, die von einem bärtigen Mann angetrieben wird.
Was die künstlerische Ausführung und den Stil des Architekturdekors und des Reliefschmuckes am Argentarierbogen betrifft, so ist eindeutig zu spüren, daß es sich um kein öffentliches Staatsdenkmal, sondern um eine Stiftung durch Private handelt, die sicherlich nicht über ausreichende Mittel verfügten, um sich Künstler zu leisten, wie sie etwa am Forum Romanum tätig waren.
Der Beginn des dritten Jahrhunderts mit dem Herrscherhaus der Severer an der Spitze des Reiches stellt für die Entwicklung der römischen Welt einen wichtigen Zeitpunkt dar, da der unaufhaltsame kulturelle, politische und soziale Wandel, der dem Reich bevorsteht, immer offensichtlicher wird. Die traditionsbewußte Hauptstadt Rom muß sich immer mehr Einflüssen aus der Provinz fügen, versucht aber dennoch, und dies wird besonders unter der Herrschaft der Severer deutlich, an der Tradition festzuhalten und das zentralistische, immer starrer werdende System zu erhalten. Diese Tendenz kommt auch in der Kunst zum Ausdruck. Durch die immer auffallendere Vermischung künstlerischer Elemente aus allen Reichsteilen kommt es zu einer Verschiebung der Wertigkeiten. Dieses vieldiskutierte Phänomen der römischen Kultur versieht man gerne mit der Etikette ‘beginnende Spätantike’ und verwendet damit für ein äußerst komplexes System mit unterschiedlichsten Wechsel- und Auswirkungen einen ziemlich einfachen Begriff.
Einen kleinen Beitrag zur künstlerischen ‘Dezentralisierung’ der Hauptstadt leistet auch der Argentarierbogen mit seinem nicht gearde ‘stadtrömischen’ Aussehen und dem Mut seiner Erbauer, für Rom fremde Elemente mit Althergebrachtem zu vermischen und daraus etwas stilistisch aber auch baulich Einzigartiges zu schaffen.
Betrachtet man den figürlichen Reliefschmuck des Argentarierbogens insgesamt, so fällt auf, daß zwei große Themata vorherrschen, die in der römischen Kunst durchaus gang und gäbe sind und besonders häufig auf offiziellen kaiserlichen Monumenten zum Ausdruck kommen. Dabei handelt es sich um Themen mit militärisch-triumphalen und religiösen Charakter. Die Aufteilung der verschiedenen Bereiche erfolgt aber nicht immer auf den einzelnen Ansichtsseiten gleich und ist sehr der subjektiven Deutung unterworfen.
Verbindet man die Aussagen der einzelnen Reliefs miteinander, so käme aufgrund der Interpretation der drei erhaltenen Ansichtsseiten (innen, vorne und außen) und der Inschrift folgende Deutung des gesamten Baus in Frage: Der Argentarierbogen schildert die Bemühungen für das Wohlergehen des Imperiums, bzw. Roms. Somit wäre es den Stiftern des Argentarierbogens gelungen, auf die Hauptverantwortlichen für das Wohlergehen des Imperiums deutlich hinzuweisen und doch ihre eigene Position und Notwendigkeit herauszustreichen, und zwar besonders in einer Zeit, in der man auf eine glorreiche Zukunft blickte, nachdem eine der größten innen- und außenpolitischen Krisen des römischen Imperiums gemeistert zu sein schien und alle die Hoffnung auf ein neues Goldenes Zeitalter richteten.

Weitere Literatur zum Thema:
- D.E.L. Haynes – P.E.D. Hirst, Porta Argentariorum (1939).
- M. Pallottino, L’Arco degli Argentari, I Monumenti Romani, a cura del R. Istituto di Studi Romani, II (1946).
- J. Heurgon, L’Arc des Changeurs à Rome, RA 27, 1947, S. 52-58.
- G. Ch. Picard, Origine et sense des reliefs sacrificiels de l’Arc des Argentiers, in: Hommages à A. Grenier III, 1962, 1254 ff.
- G. Tedone, Arco degli Argentari, BCom 91, 2, 1986, S. 548-553.
- Dies., Arco degli Argentari, BCom 92, 1987/88, S. 353-357.


Publikation: B. Tasser, L’arco degli argentari, Forma Urbis 9, 1999, 24-30.


Bestand: Universitätsbibliothek Innsbruck, Sign. DG30926

Kontakt: Barbara Tasser



Für den Inhalt verantwortlich: die Verfasserinnen und Verfasser der jeweiligen Arbeiten
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2003

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