Das Blochziehen in Fiss


Trotz vieler lokalen Besonderheiten sind Fastnachtsbräuche nicht nur im tiroler sondern auch im europäischen Kontext zu sehen. Gerade das Blochziehen (Bloch = Baum) ist in Tirol, Kärnten, Burgenland, Krain, Ungarn, Siebenbürgen, Deutschland, der Schweiz, Dänemark oder England zu finden.

Im Tiroler Raum war das Blochziehen noch Ende des 19. Jhd. über weitere Teile des Tiroler Oberlandes verbreitet, als dies heute der Fall ist. So zog man etwa im Stubaital, Zirl, Inzing, im Paznaun oder in Landeck den Bloch. Auch in der östlichen Hälfte Tirols, etwa im Zillertal oder in Kals (Osttirol) wurde der Brauch ausgeübt. Verwandt ist das Blochziehen mit dem Pflugziehen. Dabei wurde aber kein Baum, sondern ein Pflug durch den Ort geführt. Der Traminer Egetmann Umzug hat sich vermutlich aus einem solchen Pflugziehen entwickelt. (Eget = Egge).

Die erste Erwähnung eines Blochziehens in Tirol findet sich in einem Rechnungsbuch des Herzogs Sigismund des Münzreichen aus dem Jahr 1460. Der Herzog gab den Frauen (!) von Hötting, die bei der ‚Anpruggen‘ (Inn- und Maria Hilferstraße) und aus der Neustadt (Maria Theresienstraße) den „Plock" oder „Ploch" am Aschermittwoch (!) zogen, zwei rheinische Gulden. 1473 nahm sogar die ‚edelsten Leute‘, so auch die Gemahlin des Herzogs, Eleonore von Schottland, daran teil. 1569 wurde per landesfürstliche Verordnung der Termin des Blochziehens, wie anderer Fastnachten, auf die Zeit vor dem Aschermittwoch verlegt. Trotzdem wurde das Blochziehen 1584 in Inzing, 1604 in Kematen, 1631 in Zirl und Oberperfuß an einem Aschermittwoch statt. In vielen dieser Urkunden wird von „Weibern" und Mädchen berichtet, die vor dem Bloch gespannt wurden. Erst später wurde der Brauch ausschließlich von Burschen gepflogen.

Die Herleitung des Brauchs als Relikt einer vorchristlichen, heidnischen Bevölkerung ist ebenso falsch wie seine Interpretation als fruchtbarkeitskultisches Fest. Zwar gilt das Blochziehen als eine der ältesten Formen der Fastnacht, dennoch kann eine Verbindung zu einem "Kapmf zwischen Frühling und Winter" nicht hergestellt werden!!

In Fiss (Tiroler Oberland) wird schon Monate vor dem eigentlichen Brauch ein großer Baum (ca. 30 m) aus dem Wald geholt. Zwei bis drei Tage vor der Fastnacht wird dieser dann geschmückt und auf 3-4 Schlitten gelegt. Über den ersten Schlitten wird die Hexenhütte aufgestellt. Bis zum Brauch wird der Bloch bewacht, da die männliche Jugend aus den Nachbarorte den Baum zu stehlen versuchen.
Bei den teilnehmenden Figuren handelt es sich einerseits um Tiere, wie den Bär oder den Giggeler (Hahn), andererseits gibt es dämonische Gestalten, wie die Hexen, den Miesmann (Wilder Mann) oder den Schwoafteufel. Daneben ziehen Mohren, Bauern, Musikanten, Bettler, Handwerker, Wanderhändler, Dörrer und Karner den Bloch. Der Schnaller gibt mit seiner Peitsche das Kommando, auf dem Bloch sitzt der Praxer und kutschiert den Bloch während der Bajatzl auf den Dächern herum springt und die Zuseher mit Schnee bewirft.

Der Bloch in Fiss. Vorne das Hexenhaus mit der Hexenmutter Photo: Karl Berger 1998

Der Bloch in Fiss. Vorne das Hexenhaus mit der Hexenmutter
Photo: Karl Berger 1998

Am Tag des Blochziehens geht gegen Mittag der Schnaller und der Bajatzl durch das Dorf und geben somit den Auftakt zum Fest. Im Dorfzentrum versammeln sich die Figuren (Mit Ausnahme des Bären und des Mießmanns). Schnaller und Mohren sitzen an der Deichsel, die Hexen in der Hütte, währen die Bauern, Handwerker und Wanderhändler müssen an den Querhözern den Bloch schieben. Auf Kommando des Fuhrmannes kommt der Bloch langsam in Bewegung. Die Hexen und der Schwoafteufel versuchen dagegen, das Ziehen zu verhindern, währen Giggeler und Bajatzl springend herum tanzen. Der Giggeler bespringt immer wieder junge Mädchen in eindeutiger Weise. Am Platzlbrunnen hält der Troß, um den Bären einzufangen, der den Bloch ziehen helfen soll. Um später den Baum über die „Steile Gasse" ziehen zu können, wird auch der Miesmann als Verstärkung von Jägern eingefangen. Bär und Miesmann sind nun beide vor den Bloch gespannt, da sie sich aber nicht verstehen, beginnen sie immer zu raufen. Auf diese Gelegenheit haben die Hexen gewartet und versuchen nun, beide zu befreien. Gelingt dies, so müssen Bär und Miesmann erneut eingefangen werden. Hat man Bär und Miesmann erwischt, so werden gereimte Sprüche aufgesagt, so zum Beispiel:

„Das ist der große, wilde Mann – aus alter grauer Zeit.
Bei Moos, Wasser und Schwämmen hier im Wald aufgewachsen.
An Stärke ohnegleichen
können zehn von Euch mit ihm sich nicht vergleichen.
Aber wir halten ihn gut gefangen,
daß er nicht kann zu Euch gelangen.
Sonst könnt es kosten manchen seinen Kopf
und mancher Jungfrau ihren Zopf."

 

Nach ungefähr drei Stunden ist der Bloch beim Schulhaus angelangt, wo der unter den Zusehern versteigert wird. Es ist inzwischen zum Prestige geworden, den Baum zu ersteigern. Neben lokalen Persönlichkeiten sind es vor allem Politiker, die mitsteigern.
Wie andere Fastnachtsbräuche auch, so erlebt auch das Blochziehen einen neuen Boom. Neben Fiss veranstaltete auch Fließ (Tiroler Oberland) 2000 nach vielen Jahren ein Blochziehen. Ein „Bam ziachn" fand 1999 in Rinn und Tulfes statt und auch Umhausen (Ötztal) hat 1996 bzw. 2000 das „Larch ziehen" wieder belebt.

 


Literatur:
Gapp, Hans (Hrsg.): Die großen Fasnachten Tirols. Innsbruck 1996.
Haider, Friedrich: Fiss und sein Blochziehen (Prospekt)
Dörrer, Anton: Tiroler Fasnacht innerhalb der alpenländischen Winter- und Vorfrühlingsbräuche. Wien 1949.