Lin Bu 林逋
Zwei Gedichte an die kleine Winterpflaume im Berggarten 山園小梅二首
Übersetzung:
一
眾芳搖落獨暄妍,
占盡風情向小園。
疏影橫斜水清淺,
暗香浮動月黃昏。
霜禽欲下先偷眼,
粉蝶如知合斷魂。
幸有微吟可相狎,
不須檀板共金樽。
二
剪綃零碎點酥乾,
向背稀稠畫亦難。
日薄從甘春至晚,
霜深應怯夜來寒。
澄鮮只共鄰僧惜,
冷落猶嫌俗客看。
憶著江南舊行路,
酒旗斜拂墮吟鞍。
Erstes Gedicht
Sind alle Düfte weit zerstreut, zeigt sich dein Charme allein;
Im kleinen Garten wird die Lust an dem Gefühl ganz mein.
Spärlicher Äste Schatten, schräg über der seichten Flut;
Durch Dunkelduft schwimmt Mond im Dämmerlicht herein.
Im Frost stiehlt sich ein Vöglein deinen Blick und flieht vom Ast;
Wüßte der Schmetterling von dir, er müsst verloren sein!
Mein Glück ist dieses Lied, durch das ich dir verbunden bin,
Ganz ohne lautes Klapperholz und goldner Krüge Schein!
Zweites Gedicht
Wie Seidenschnipsel oder Bröckchen köstlichen Gebäcks –
Schwer malt sich, was so weit zerstreut und zugleich üppig wächst.
Bei Dämmerung erfreut mich deine Jugend noch bis spät,
So sehr die kalte Nacht mit ihrem harten Frost dich schreckt.
So rein und frisch, daß dich der Bonze nebenan verehrt;
Verloren, kühl – daß du ja keine niedre Schaulust weckst!
Sehe mich wieder reisen wie einst durch das Südstromland:
Vom Sattel springend, singend, wo mich ein Gastwimpel neckt.
Kommentar
Diese beiden sowohl berühmtesten als auch einzig wirklich bekannten Gedichte des Lin Bu ließen sich im Zusammenhang einer größeren Auswahl seiner Verse wohl besser nachvollziehen. Die Tradition hat Lin Bu zu einer mageren Ikone der "Dingdichtung" (yong wu shi) gemacht, ihn eigentlich sogar fast völlig auf die lyrische Intimität mit der Winterpflaumenblüte, die in der Legende anstelle einer eigentlich obligaten ehelichen Beziehung gesetzt wird, reduziert. Diese Feinheit muss zunächst erkannt werden, denn als "Einsiedler" oder "Verborgener am Waisenberg" (gu shan yinzhe), wäre eine zölibatäre Lebensweise alles andere als erwartbar. Der Rückzug aus der Gesellschaft schloss in der literarischen Tradition eben keineswegs die Enthaltsamkeit gegenüber menschlichen Beziehungen ein, im Gegenteil war er oft nichts weiter als ein Rückzug ins Privatleben, auf ein Familiengut und in den engsten und wesentlichsten Kreis der Verantwortung, wo Moral und Autorität vor der Korruption, die die Bürde des öffentlichen Amtes jedem aufnötigte, geschützt schienen. Der mit Lin befreundet gewesene zeitgenössische Dichter Mei Yaochen 梅堯臣 (1002-1060) weist in einem Vorwort zur Ausgabe der Gedichte des älteren Freundes deutlich genug darauf hin, daß die Faszination, die die Persönlichkeit Lin Bus wie auch dessen dichterischer Stil auf etliche gebildete Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Epoche ausstrahlte, in der einzigartigen Verbindung von Weltentsagung und Lebensgenuß lag, wobei die vergeistigende Art des letzteren das Tor zu einer besseren Welt aufstieß, die als poetische Wirklichkeit alles übertraf, wonach selbst die Edelmütigsten unter den Streitern für eine sittlich gefestigte Herrschaft und Friedenszeit umsonst strebten.
Auf Anhieb und mit dem nötigen Detailwissen versehen lesen sich beide Gedichte zunächst als Liebeserklärungen an "das Ding Winterpflaumemblüte", bzw. an die "weibliche" kühle Zartheit, die im Vorgefühl der tieferen Regung der "männlichen" Wachstumskraft des Frühlings die zögernde Erwärmung der Erde verkörpert. Die sublime Erotik, die also ohne Frage beide Texte nach außen kennzeichnet, wäre aber nicht vielmehr als eine schlichte Versespielerei nach gutem Geschmack. Was aber die Dichtung Lin Bus gegenüber vergleichbarer Natur- und Landschaftslyrik der klassischen Epochen bis heute auszeichnet, liegt in der Heiterkeit seiner Liebe zu den Dingen der Welt seiner unmittelbaren Umgebung (Waisenberg-Westsee), die scheinbar nichts brechen kann. Alles, was dem Dichter begegnet - winzige Details und gewaltige Umrisse einer See- und Gebirgslandschaft, Sehnsucht und Lust, Traurigkeit und Resignation, Sorge um die Welt auch jenseits der Ortshorizonte und Gedanken über das eigene Schicksal in abseitigem Weltwinkel - alles, was seine Verse unermüdlich reflektieren wie die Seeoberfläche Licht und Schatten, Frühlingsbrise und starre Winterkälte, erscheint für immer geborgen und endgültig gerettet vor den Verwüstungen eines Zeitalters, das nicht etwa, wie es die Geschichtsmythen vom "Aufstieg der Nördlichen Song" bis heute weißmachen wollen, nach Größe strebt, sondern dabei ist, neue Formen des Machtzynismus und der Korruption auf den Plan zu bringen, vor denen die unmittelbar nachfolgenden Generationen mehr und mehr Zuflucht in Hedonismus, Ästhetizismus oder auch in philosophischem Humor suchen würden.
So gesehen ist die Dichtung des Lin Bu von kastalischem Geist erfüllt und mag einzig aus diesem Grund ihren Wert für die Folgezeit bewahrt haben, bevor es zu der Vulgarisierung und Verkitschung kam, durch die man sich heute vom Wesentlichen ablenken läßt. Um aber letzteres erkennen zu können, müssen die Erkennenden offen sein für den Gedanken einer Reinheit dichterischer Sprache und für das sie zeugende Denken, in dem sich Gesetze von Schönheit und Wahrheit offenbaren, die anderweitig nicht zu existieren scheinen. Diese Voraussetzung ist innerhalb einer rein literaturhistorischen Betrachtungsweise selten gegeben.