Du Fu 杜甫 (712-770)

Zur Höhe steigend 登高

Übersetzung: 

風急天高猿嘯哀,

渚清沙白鳥飛迴。

無邊落木蕭蕭下,

不盡長江滾滾來。

萬里悲秋常作客,

百年多病獨登臺。

艱難苦恨繁霜鬢,

潦倒新停濁酒杯。

Wind stiebt, himmelweit-hoch; Affen, die jammervoll klagen.

Ufer, hell-rein, Strand weiß; Vögel, die Flugkreise schlagen.

Unbegrenzt weit fällt das Laub im Holze raschelnd herab;

Unerschöpft groß kommt der Strom, durch die Wogen getragen.

Endlos fern trauernd der Herbst, wo einer nur Fremder bleibt;

Lebenslang krank, doch allein diesen Aufstieg noch wagen!

Mühsal und Leid lassen den Frost an beiden Schläfen blühn;

Müde und matt, muss ich mir Kellerbier, trübes, versagen.

Kommentar

Ein später Text Du Fus, der drei Jahre vor seinem Tod, also 767, in der Präfektur Kuizhou, dem letzten Wohnort des Dichters und seiner Familie entstand. Die Präfekturhauptstadt Kuimen am Eingang der Qutang-Schlucht, der Stromrichtung folgend also die erste der Drei Schluchten, lag nicht weit entfernt und das Gedicht scheint als Selbstreflexion während des Aufstiegs zu einem Aussichtsplateau in der Umgebung konzipiert. Mit der Herbststimmung, die die kraftvolle Landschaftsszene der ersten beiden Doppelverse durchdringt, läßt sich auch das Fest der Doppelten Neun assoziieren, das den Übergang im Energiestrom der Natur von Yang- zu Yin-Dominanz feierlich markiert. Der kosmischen Natur der ersten Hälfte tritt in der zweiten die individuelle Natur entgegen, so wie dem unerschöpflichen All der Einzelne in der Ermattung eines zu Ende gehenden Lebens. Der Heimatlosigkeit des kranken Flüchtlings steht dessen trotziger Wille gegenüber, der ihn den Aufstieg noch einmal zu wagen anspornt. Mit Blick auf die unzähligen Übersetzungen dieses Gedichtes, das von der chinesischen Kommentartradition zum Kronjuwel des Sieben-Silben-Regelgedichts erklärt wird, bleibt die banale Tatsache anzumerken, daß es sich bei dem im letzten Vers erwähnten Getränk, 濁酒 zhuo jiu, weder um Wein noch um Schnapps, sondern um ungefiltertes Ale, obergähriges Bier, handelte, das im Deutschen auch Kellerbier genannt wird. 

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