Universität Innsbruck

Offe­ner Brief an Bun­des­mi­nis­ter Chris­toph Wie­der­kehr

[08.02.2026] Die kürzlich präsentierten Pläne über die Kürzungen des Stundenausmaßes der zweiten lebenden Fremdsprachen in den Allgemeinbildenden Höheren Schulen beunruhigen uns sehr. Ein Offener Brief an Bundesminister Christoph Wiederkehr.

Im Rahmen des FSP-Klausurtages 2026 wurde die aktuelle Debatte um Kürzungen des Fremdsprachenunterrichts in der AHS besprochen. Unsere Kolleginnen Katrin Schmiderer und Eva Hirzinger-Unterrainer vom Institut für Fachdidaktik haben hierzu einen offenen Brief aufgesetzt, um ihre Bedenken zu formulieren:

  • Eine geplante Kürzung unterminiert den europäischen Grundgedanken von Mehrsprachigkeit und widerspricht der Zielvorgabe, dass alle Menschen in Europa zumindest zwei weitere Sprachen abgesehen von ihren Erstsprachen beherrschen sollen (vgl. u.a. Rat der Europäischen Union 2019, Katsarova 2022).
  • In einer zunehmend globalisierten und pluralen Welt kommt dem Sprachenlernen und damit auch dem Fremdsprachenunterricht eine Schlüsselrolle zu. Insbesondere zweite und dritte lebende Fremdsprachen ermöglichen Zugänge zu sprachlichen und kulturellen Kontexten, die über das Englische nur unzufriedenstellend erreicht werden, man denke beispielsweise an den gesamten lateinamerikanischen Raum, ein – auch für Österreich – zunehmend wichtiger Wirtschaftsmarkt.
  • Fremdsprachenunterricht ist der ideale Ort für Demokratiebildung im formalen Bildungskontext. Die anhaltenden globalen Ungleichheiten, eskalierende Kriegs- und Krisenherde und die zunehmende Polarisierung von Meinungen in On- und Offline-Räumen rücken die emanzipatorische, reflexive Dimension des Fremdsprachenunterrichts erneut in den Mittelpunkt fremdsprachendidaktischer Diskussionen (vgl. u. a. Gerlach 2020; Küster 2003). Im Vergleich zu anderen Fächern eröffnet sich im Fremdsprachenunterricht ein besonderes emanzipatorisches Potenzial, schafft er doch vielseitige Möglichkeiten, die Bereitschaft und Fähigkeit zu entwickeln, Gesprächspartner:innen zuzuhören, die Initiative zu ergreifen, sich Gehör zu verschaffen und dabei Risiken einzugehen (vgl. Fliri/Schmiderer im Druck). Gleichzeitig erlaubt es Fremdsprachenunterricht, Wissen und kritisches Verständnis von Sprache und Kommunikation sowie von gesellschaftlichen und globalen Zusammenhängen aufzubauen.
  • Fremdsprachenunterricht fördert kritische Medienkompetenz, etwa durch die Bewertung (fremdsprachiger) Quellen oder die adressatenorientierte Kommunikation in digitalen Umgebungen. Der Fremdsprachenunterricht kennt dafür schon lange selbstreflexive und introspektive Aufgabenformate. Zudem schafft er Möglichkeiten zur Förderung von AI literacy und nutzt proaktiv aktuelle Entwicklungen durch künstliche Intelligenz, etwa für personalisierte Übungsmöglichkeiten mit mündlichen Chatbots oder für unmittelbares Feedback.
  • Schüler:innen wollen mehr als eine Fremdsprache lernen. Wenn Schüler:innen selbst befragt werden, sprechen sie sich zum Großteil für das Erlernen einer zweiten lebenden Fremdsprache aus, was sich konkret im Wunsch nach einer anderen Sprache zusätzlich zu Englisch zeigt (Kaltseis & Doleschal, 2020).
  • Um eine zufriedenstellende Beherrschung der Fremdsprache zu erreichen, ist ein B1-Niveau nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen von absoluter Notwendigkeit, handelt es sich dabei doch um jenes Niveau, das es den Sprecher:innen erst erlaubt, sich mit vertrauten Themen und Alltagssituationen in der Fremdsprache auszudrücken. Für ein B1-Niveau bedarf es in etwa 350 bis 400 Unterrichtsstunden (vgl. u.a. Cambridge English). Bei geschätzten 32 (vollen) Unterrichtswochen in der 5., 6. und 7. Klasse sowie rund 25 Wochen in der 8. Klasse und aktuell drei Wochenstunden pro Jahrgang in der AHS-Oberstufe ergeben sich 363 Stunden (wohlgemerkt Schulwochenstunden) und damit gerade einmal die untere Grenze für das B1-Niveau. Bei einer Kürzung um mehr als 60 Stunden (2 Wochenstunden) ist das Erreichen des B1-Niveaus stark in Gefahr

Trotz all dieser Vorteile und Notwendigkeiten scheinen die zweiten Fremdsprachen stark an Bedeutung zu verlieren, wobei sie im österreichischen Bildungssystem im europäischen Vergleich bereits bislang schwach aufgestellt waren, wie Hirzinger-Unterrainer et al. (in Druck) in einem aktuellen Aufsatz darlegen: „Im Pflichtschulbereich (Sekundarstufe I (SEK I)) wird aktuell überwiegend nur eine LF angeboten (Englisch). Im europäischen Vergleich rangiert Österreich damit sogar weit unter dem Durchschnitt, da der Unterricht einer zweiten LF meist erst in der Sekundarstufe II (SEK II) verpflichtend ist (Vetter, 2024, S. 205) und der Einstieg in das verpflichtende Angebot einer zweiten LF in der Regel deutlich später als in anderen europäischen Ländern erfolgt (Vetter, 2024, S. 205). So lernen in der SEK I lediglich 7,6 % der österreichischen Schüler:innen zwei oder mehr LF, während der EU-Durchschnitt bei 59,9 % liegt. Damit gehört Österreich neben Ungarn und Irland zu den Schlusslichtern in Bezug auf das schulische Fremdsprachenlernen. Auch in der SEK II bleibt Österreich mit einem Anteil von 30 % der Schüler:innen, die zwei oder mehr LF lernen, weit hinter dem EU-Schnitt von 48,9 % zurück (Eurostat, 2023).“

Wir sind der Überzeugung, dass es sich Österreich schlichtweg nicht leisten kann, in der Sprachenbildung unserer Schüler:innen noch weiter zurückzufallen, und fordern, dass der Unterricht in den zweiten lebenden Fremdsprachen uneingeschränkt weitergeführt wird.

Weitere Medienberichte zum Offenen Brief finden Sie unter anderem hier: 

ORF Tirol

Der Standard

Tiroler Tageszeitung

 

 

 

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