
Beschreibung & Call
Wie die – umfangreiche und vielschichtige – internationale Phraseologie-Forschung der letzten Jahrzehnte gezeigt hat, birgt jener Bereich der Sprache, der sich aus konventionalisierten und idiosynkratischen Wortverbindungen (z.B. engl. Love is blind., to bite the dust, The Great War, Peace be with you.) zusammensetzt, ein besonderes Potential für theoretisch-begriffliche und methodologische Differenzierungen in sich. So wurden phraseologische Wortverbindungen im Laufe der Forschungsgeschichte u.a. bereits aus dem Blickwinkel der Stilistik (vgl. Ballys Traité de stylistique française), der Lexikographie (vgl. etwa Casares‘ Introducción a la lexicografia moderna oder den Begriff der polirematiche im Italienischen), der Semantik und kognitiven Linguistik (man denke an die Studien zu konzeptuellen Metaphern bei Idiomen und anderen Phrasemen), der Korpuslinguistik (vgl. etwa die Arbeiten von John Sinclair und Rosamund Moon) und der (L1- und L2-)Sprachdidaktik (vgl. z.B. das Werk von Peter Kühn und Stefan Ettinger) behandelt. Untrennbar mit der Phraseologie verbunden bzw. ihr zum Teil inhärent sind weiterhin syntaktische, morphologische, pragmatische, psycholinguistische, varietätenlinguistische und – nicht zuletzt – konstruktionsgrammatische Aspekte.
Diese Vielfalt ist zum einen auf die teils unvollendete Theoretisierung des Forschungsgegenstandes zurückzuführen, die eine gewisse terminologisch-begriffliche Heterogenität mit sich bringt. Zum anderen ist sie der sprachlichen Beschaffenheit und den außersprachlichen Aspekten der Phraseologismen geschuldet. So weisen etwa Verbindungen wie Love is blind. und to bite the dust – im Gegensatz zu nicht-phraseologischen Ausdrücken – bekanntlich ein ganzes Bündel an sprachlichen Auffälligkeiten auf, die die Form- und Inhaltsseite betreffen und aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet werden können. Ebenso offenbart ein Blick auf die mittlerweile sehr umfangreiche Typologie konventionalisierter Wortverbindungen, dass phraseologische Phänomene auf allen sprachlichen Organisationsebenen wirken und ihre Analyse potentiell mit sämtlichen Teil- und Schwesterdisziplinen der Sprachwissenschaft – hierunter etwa die Translationswissenschaft, die Terminologie, die Computerlinguistik und die Forensische Linguistik – in Verbindung gebracht werden kann. Aus außersprachlicher Sicht weisen Phraseme als konventionalisierte Ausdrucksmittel von Sprachgemeinschaften, Kulturen und Gesellschaften ferner Charakteristika auf, die sie bspw. für kulturwissenschaftliche Untersuchungen (vgl. The Great War, Peace be with you.), für die Medical Humanities, die Psychologie, die Soziologie, die Ethnologie, die Geschichtswissenschaft und weitere mögliche Bereiche relevant machen.
Die EUROPHRAS-Konferenz 2027 richtet sich an alle Forschenden, die Interesse daran haben, mögliche Schnittstellen zwischen Phraseologie und anderen Bereichen zu untersuchen, wobei der Begriff "Bereich" hier im weiten Sinne zu verstehen ist und – gemäß den oben genannten Beispielen – nicht nur auf sprachwissenschaftliche Strömungen und Theorien (z.B. Konstruktionsgrammatik, Valenztheorie, Sprechaktforschung) oder auf Teildisziplinen der Linguistik (Syntax, Semantik, Varietätenlinguistik etc.) beschränkt ist, sondern ausdrücklich auch andere, womöglich mit der Phraseologie bisher kaum oder weniger in Zusammenhang gebrachte Wissenschaften mit einschließt. Ziel ist es hierbei, nicht nur interdisziplinäre Zugänge zur Phraseologie an sich zu beleuchten, sondern insbesondere auch einen Austausch zwischen Vertreter:innen unterschiedlicher Forschungsrichtungen zu ermöglichen (wobei auch Forschende angesprochen werden sollen, die sich womöglich schon länger mit phraseologischen Themen beschäftigen, ohne sich dessen vollständig bewusst zu sein bzw. ohne dies in ihrer bisherigen Forschungstätigkeit explizit zum Ausdruck gebracht zu haben). Im Mittelpunkt der Tagung sollen insgesamt nicht Problemfragen wie z.B. jene nach der genauen Abgrenzung des Forschungsgegenstandes der Phraseologie oder nach deren Verortung innerhalb der Linguistik stehen; vielmehr soll der Fokus auf der kreativen Auslotung möglicher Anknüpfungspunkte zu anderen wissenschaftlichen Bereichen sowie auf der Identifikation möglicher Forschungslücken liegen.
Neben (1) Vorträgen und (2) einer Postersession (siehe "Call for Papers") finden auch (3) Workshops zu spezifischen Themenschwerpunkten statt (siehe "Workshops").
Beitragsvorschläge (Abstracts) für Vorträge oder Posters können sich unter anderem mit den unten angeführten Schnittstellen zwischen der Phraseologie und anderen linguistischen oder nicht-linguistischen Bereichen auseinandersetzen.
Die folgende Auflistung versteht sich als offener Katalog, der um zusätzliche Schnittstellenbereiche erweitert werden kann. Ferner ist es möglich, dass sich Beiträgsvorschläge verschiedenen (gelisteten oder nicht gelisteten) Schnittstellenbereichen zuordnen lassen.
Schnittstellen zu verschiedenen linguistischen Strömungen und methodischen Ansätzen, wie z.B.:
- Phraseologie & Konstruktionsgrammatik
- Phraseologie & Korpuslinguistik
- Phraseologie & Computerlinguistik/Natural Language Processing
- Phraseologie & Kontrastive Linguistik
- Phraseologie & Historische Linguistik
Schnittstellen zu anderen (traditionellen oder neueren) linguistischen Teildisziplinen, wie z.B.:
- Phraseologie & Morphologie
- Phraseologie & Syntax
- Phraseologie & (Meta-)Lexikographie
- Phraseologie & Textlinguistik
- Phraseologie & Diskurslinguistik
- Phraseologie & Pragmatik
- Phraseologie & Soziolinguistik
- Phraseologie & Medienlinguistik
- Phraseologie & Terminologie und Fachsprachenforschung
- Phraseologie & Dialektologie und Areallinguistik
- Phraseologie & Forschung zu Minderheitensprachen
- Phraseologie & Sprachkontaktforschung und Migrationslinguistik
- Phraseologie & Gesprächsforschung und Konversationsanalyse
- Phraseologie & Mehrsprachigkeitsforschung
- Phraseologie & Linguistic-Landscapes-Forschung
- Phraseologie & Sprachtypologie
- Phraseologie & Politolinguistik
- Phraseologie & Sprachpolitik und Sprachplanung
- Phraseologie & Literaturlinguistik
- Phraseologie & Theolinguistik
- Phraseologie & Kognitive Linguistik
- Phraseologie & Emotionslinguistik
- Phraseologie & Psycho- und Neurolinguistik
- Phraseologie & Forensische Linguistik
- Phraseologie & Klinische Linguistik
- Phraseologie & Forschung zu Leichter und Einfacher Sprache
Schnittstellen zu anderen (stärker oder weniger stark affinen) Forschungsbereichen, wie z.B.:
- Phraseologie & Sprachdidaktik
- Phraseologie & Translationswissenschaften und Translationsdidaktik
- Phraseologie & Literaturwissenschaften und Literaturdidaktik
- Phraseologie & Anthropologie
- Phraseologie & Ethno- und Soziologie
- Phraseologie & Geschichtswissenschaften und Archäologie
- Phraseologie & Kunst- und Musikwissenschaften
Schnittstellen zu interdisziplinären Forschungsbereichen und methodischen Ansätzen, wie z.B.:
- Phraseologie & Cultural Studies (Kulturwissenschaften)
- Phraseologie & Digital Humanities
- Phraseologie & Interaktionsforschung
- Phraseologie & Multimodalitätsforschung
- Phraseologie & Crisis Studies
- Phraseologie & Film Studies (Filmwissenschaften)
- Phraseologie & Gender Studies
- Phraseologie & Humor Studies (Humorforschung)
- Phraseologie & Medical Humanities
- Phraseologie & Ritual Studies (Ritualforschung)
- Phraseologie & Werbeforschung
Die Tagungssprachen sind Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch.
Das Format der Vorträge ist auf 20 Minuten Präsentation plus 10 Minuten Diskussion ausgerichtet.
Wichtiger Hinweis: Die Tagung ist ausschließlich als Präsenzveranstaltunggeplant (keine Online-Präsentationen).
INFORMATIONEN ZUR ABSTRACTEINREICHUNG:
- UMFANG: max. 300 Wörter (ohne Titel und Bibliographie)
- BIBLIOGRAPHIE: mindestens 3, maximal 10 bibliographische Angaben
- SPRACHE: Abstracts sind in der jeweiligen Vortragssprache zu verfassen (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch).
- SCHNITTSTELLENBEREICH(E): Auswahl von mindestens 1, maximal 5 Schnittstellenbereiche(n) für ein Abstract (es ist auch die manuelle Hinzufügung von max. einem zusätzlichen, nicht gelisteten Bereich möglich)
- PLATTFORM FÜR DIE EINREICHUNG: Die Einreichung erfolgt (wie auch die Anmeldung) über unser ConfTool (Infos folgen).
DEADLINE FÜR DIE ABSTRACTEINREICHUNG: 15. November 2026
BEGUTACHTUNGSVERFAHREN: Jedes Abstract wird von jeweils mindestens 2 Mitgliedern des wissenschaftlichen Komitees im Peer-Review-Verfahren anonym begutachtet.
BEKANNTGABE DER RESULTATE DER BEGUTACHTUNG: 31. Januar 2027
Die folgenden drei Workshops werden auf der EUROPHRAS-Konferenz 2027 stattfinden:
Mittwoch, 14. Juli 2026, 14:00-18:00
Leitung: Laura Giacomini, Valentina Piunno
Sprache: Englisch
Beschreibung: PhrasaLex ist eine Workshopreihe, die Expert:innen aus den Bereichen der (computerbasierten) Lexikographie, der Lexikographie für NLP, der Phraseologie, der kognitiven Linguistik, des Spracherwerbs und des Sprachunterrichts zusammenbringt. Ziel ist es, theoretische und methodologische Aspekte im Zusammenhang mit der phraseologischen Natur der Sprache, der Interdependenz von Lexis und Grammatik sowie die Implikationen dieser Perspektiven für die Gestaltung von (Lerner-)Wörterbüchern zu reflektieren.
Im Rahmen der EUROPHRAS-Konferenz 2027 zielt PhrasaLex insbesondere darauf ab, gegenwärtige und zukünftige Perspektiven der Phraseologie als Rückgrat der gemeinsprachlichen und der Fachlexikographie zu diskutieren.
Ziele der Workshops
Die drei Workshops dienen als Plattformen zur praxisorientierten Diskussion über die Schnittstellen zwischen der Phraseologie und spezifischen sprachlichen oder außersprachlichen Bereichen. Sie liefern Einblicke in die interdisziplinäre Natur der Phraseologie und in die Potenziale einer gegenseitigen Befruchtung zwischen der Phraseologie und anderen Disziplinen.
Das übergeordnete Ziel jedes Workshops ist es, Expert:innen aus verschiedenen Bereichen an der Schnittstelle zur Phraseologie zusammenzubringen, den Wissensaustausch unter interessierten Forschenden zu fördern und idealerweise eine gemeinsame Stellungnahme zu einem oder mehreren Aspekten eines spezifischen Interessensgebiets für die EUROPHRAS-Community und darüber hinaus zu erarbeiten.
Format
Das Format der Workshops ist wie folgt geplant:
- Einführung und Definition der praktischen Ziele des Workshops durch die Workshop-Leiter:innen;
- einführender Vortrag einer Expertin oder eines Experten;
- Gruppenarbeit und Diskussion zu ausgewählten Themen und Forschungsfragen;
- optionale Ausarbeitung einer abschließenden Stellungnahme zum Stand der Forschung, zu Desiderata und zur Zukunft des interdisziplinären Feldes.
Etwaige vorbereitende Materialien werden von den Workshop-Leiter:innen rechtzeitig zur Verfügung gestellt.
Anmeldung
Bei der Registrierung zur EUROPHRAS-Hauptkonferenz können Sie sich für bis zu zwei Workshops anmelden. Aufgrund begrenzter Platz- und Zeitkapazitäten werden maximal 30 Teilnehmende pro Workshop in der Reihenfolge des Eingangs der Anmeldungen berücksichtigt. Nach Abschluss der Anmeldephase werden die Teilnehmenden von den Workshop-Leiter:innen kontaktiert, um alle kollaborativen Aktivitäten zu koordinieren.








