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Walter Fuchs

...hat so viel schönes zu berichten.

Was hat Sie damals an die Universität Innsbruck gezogen? Ich bin in Innsbruck geboren und aufgewachsen. Es mag aus heutiger Sicht eigenartig klingen, aber für mich (und viele meiner Kolleginnen und Kollegen aus der Schule) war es damals irgendwie logisch und selbstverständlich, nach der Matura in der Stadt zu bleiben und sich an der Universität zu immatrikulieren. Das hatte natürlich auch mit dem breiten Angebot an Studienfächern zu tun: Jus, Medizin, Wirtschaft, Sprachen, Geschichte, Philosophie, Theologie, Politikwissenschaft, Architektur, Pädagogik, Chemie, Pharmazie – es war ja (fast) alles vor der Haustüre verfügbar… Und wir mussten damals überhaupt keine Eingangstests absolvieren und keine Studiengebühren zahlen – was für ein Geschenk!

Denke ich an Innsbruck, denke ich sofort an... seine Schönheit! Als „Eingeborener“ habe ich das nicht immer so empfunden – die Kulisse war ja selbstverständlich und die Berge konnten einen manchmal auch gefühlt erdrücken. Nachdem ich aber jetzt schon über zwanzig Jahre nicht mehr in Innsbruck wohne, nehme ich bei Besuchen in der alten Heimat die atemberaubende Szenerie wahr – ich verstehe die Tourist:innen, die mit offenem Mund auf der Innbrücke stehen. Dank eines Forschungsfreisemesters konnte ich im Oktober letzten Jahres zwei Wochen in Innsbruck verbringen. Einige Male habe ich den Arbeitsort vom Café Central spontan auf eine Alm auf der Nordkette verlegt und bei Knödelsuppe und alkoholfreiem Weizenbier den Laptop aufgeklappt, mit Blick auf den bunten Herbstwald, den ausgeputzten blauen Himmel und die Felsengipfel bei spektakulärer Fernsicht. Das ist schon ein großartiges Lebensgefühl. Ich bin heute deswegen auch etwas gnädiger mit dem Tiroler Bergsport-Lokalpatriotismus, den ich als junger Mann bisweilen unerträglich selbstbezogen fand.

Was war für Sie ein unvergessliches Erlebnis Ihrer Studienzeit? Da gibt es sehr viele Erlebnisse! Ich erinnere mich gut an meine allererste Vorlesung. Das war Einführung in das Zivilrecht bei Prof. Heinz Barta. Der Vorlesungsbeginn war von der Hochschülerschaft erst für eine Woche später angekündigt worden. Ein Schulkollege von mir (der später eine steile Karriere bei der Justiz hingelegt hat und heute Hofrat am Obersten Gerichtshof ist) und ich hatten es trotzdem zum richtigen Starttermin geschafft, was uns irgendwie das Gefühl gab, zu einem Kreis von Eingeweihten zu gehören. Prof. Barta verstand es, im unfreiwillig fast leeren Hörsaal die Materie derart elegant und voll mit historischen und philosophischen Bezügen zu präsentieren, dass ich das Gefühl hatte, die absolut richtige Studienwahl getroffen zu haben. Das war ein wichtiges Erlebnis, da es, wie ich bald merken sollte, an der Fakultät ansonsten auch viele entsetzlich öde rechtsdogmatische Lehrveranstaltungen gab. Einige Fächer habe ich fast ausschließlich aus Büchern studiert – wir hatten ja Lernfreiheit! Ich besuchte dafür häufig interessante Vorlesungen an anderen Fakultäten: Politikwissenschaft beim unlängst verstorbenen Anton Pelinka, Literaturgeschichte beim Germanisten Sigurd Paul Scheichl, Psychoanalyse beim Pädagogen Josef Aigner, Kriminalpsychologie beim damaligen Leiter der Innsbrucker Justizanstalt Stefan Fuchs (nicht mit mir verwandt) oder Ethik und Strafvollzug bei einem dieser unfassbar gescheiten Jesuiten an der Theologie, dessen Namen mir jetzt gerade nicht einfällt.

Abseits der Universität im engeren Sinn gab es in meinen Innsbrucker Studienjahren sehr viele unvergessliche Erlebnisse – schließlich war ich jung und voller Lebenshunger! Die Studienpläne ließen uns damals viel Freiheit. So war das Studium voll von vielen schönen Momenten mit Freunden und Partnerinnen. Ich konnte mir auch Zeit für Kultur nehmen – vorübergehend hatte ich sogar ernsthaft eine Karriere am Theater angestrebt. Unvergesslich bleibt mir eine szenische Lesung von Christian Morgensterns „Galgenliedern“ im Stil des absurden Theaters, die ich zusammen mit Freunden aufgeführt habe. Bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, für die ich einige Jahre sommerweise als Veranstaltungstechniker arbeitete, gab es magische Konzerte mit fast unwirklich schöner Renaissance-Musik im Spanischen Saal auf Schloss Ambras.

Gab es Momente oder Personen in Ihrem Studium, die Sie besonders geprägt haben? Hier möchte ich vor allem ein paar Personen nennen, denen ich einiges verdanke. Prof. Karl Weber, später Erstbetreuer meiner Dissertation, hat den Unterricht im Verfassungs- und Verwaltungsrecht so inspirierend und anschaulich, gleichzeitig aber auch rechtstheoretisch gehaltvoll und mit so viel Humor gestaltet, dass seine Lehrveranstaltungen zu den Höhepunkten des Studiums zählten. Der Strafrechtler Prof. Andreas Scheil, Zweitbetreuer meiner Doktorarbeit und Betreuer meiner Diplomarbeit hat das Nebenfach Kriminologie (die Disziplin, die ich heute als Professor vertrete) ernst genommen und Neugier darauf geweckt. In seinen Seminaren hat er zudem einen Raum geschaffen, in dem man strafrechtliche Themen kritisch und auf Augenhöhe diskutieren konnte. Der schon erwähnte Prof. Barta war im Rahmen seiner Seminare für Doktorand:innen für mich eine wichtige Mentorenfigur. Gerade weil diese Veranstaltungen, in denen es um Themen wie rechtssoziologische Theorie sowie antikes und modernes Rechtsdenken ging, stets nur eine Handvoll Studierender anzog, waren hier intellektuell äußerst ernsthafte Auseinandersetzungen möglich, die mir bewusst machten, dass man Jurisprudenz tatsächlich als Wissenschaft, und nicht nur als Kunstlehre der Rechtsanwendung betreiben kann. Alle drei Personen sind auch streitbare Geister, die sich in ihren Lehrveranstaltungen politisch kein Blatt vor den Mund nahmen. Als junger Mann, der sich aus seinem eher konservativen Herkunftsmilieu heraus weiterentwickeln wollte, hat mich das damals über das Fachliche hinaus sehr abgeholt. In meiner eigenen Lehrtätigkeit bin ich heute diesbezüglich zurückhaltender – auch deshalb, weil mir angesichts der polarisierten ideologischen Grabenkämpfe unserer Zeit der Zweifel oft näher ist als die starke Meinung. Die Haltung, sich als Hochschullehrer bedingungslos für kritisches Denken einzusetzen, habe ich mir aber dennoch zu eigen gemacht. Als weitere Person fällt mir schließlich noch der Zivilprozessualist Bernhard König ein. Obwohl dieser im Vergleich zu den gerade genannten Professoren einen schon damals leicht aus der Zeit gefallenen Habitus pflegte (bei den bei ihm gefürchteten Prüfungen ließ er sich von der Sekretärin Kaffee und Zigarre bringen), war er ein rhetorisch überaus brillanter Vortragender, der vermeintlich staubtrockene Materien wie den Unterschied zwischen Rechtskraft und Vollstreckbarkeit fesselnd wie ein Krimi erklären konnte. Dieses didaktische Feuer habe ich mir für die eigene Lehrtätigkeit zum Vorbild genommen. Die Rechtswirklichkeit der Zivilprozesse wurde indessen später zu einem meiner rechtssoziologischen Forschungsschwerpunkte.

Aus meinem Studium habe ich noch... ein paar juristische Lehrbücher, die zwar hoffnungslos veraltet sind, die ich aber aus Sentimentalität behalten habe. Sie sind außen mit Aufklebern von Greenpeace oder von Figuren der „Simpsons“ verziert und innen in vier verschiedenen Farben mit Leuchtstift angestrichen. Gerade habe ich „Römisches Privatrecht“ von Max Kaser aus dem Regal gezogen. Wenn ich die Seiten aufschlage, riechen sie immer noch nach den Räucherstäbchen, mit denen ich sie damals „behandelt“ habe. Auf der zufällig aufgeschlagenen Stelle steht meine mit grüner Tinte geschriebene Anmerkung „Zinsgesetze = polit. Frage!“

Waren Sie im Ausland? War das für Sie aus heutiger Sicht wichtig? Ja, ich habe das Sommersemester 2001 an der Erasmus-Universität Rotterdam verbracht. Das war für mich immens wichtig. Es ist uns damals sehr leicht gemacht worden, ins Ausland zu gehen, wir wurden geradezu dazu gedrängt, die zur Verfügung stehenden Studienplätze doch bitte in Anspruch zu nehmen. Dafür bin ich sehr dankbar. Mir hat es gut getan, für eine längere Zeit aus Innsbruck rauszukommen. Nach all den Jahren in einer schönen Alpenstadt (siehe oben) war das Leben in einer hässlichen Hafenstadt, die aber trotzdem ein gewisses Flair verströmt, eine willkommene Abwechslung. Ironie beiseite: Die Erasmus-Universität hatte damals ein großartiges Angebot von Kursen für internationale Studierende auf Englisch. Den Kurs in Europarecht (der als einziger angerechnet wurde) erinnere ich allerdings als ziemlich langweilig. Umso interessanter war jedoch das dazu empfohlene Lehrbuch – im angelsächsischen Stil, fallorientiert, gut lesbar geschrieben, völlig anders als die dogmatisch-systematischen Wälzer des deutschsprachigen Raums mit ihren Randziffern und Paragrafennummern. Beeindruckend war der Kurs in „History of International Law“ beim Rechtshistoriker Laurens Winkel. Das war ein bisschen so eine Verrückter-Professor-Figur mit verschiedenfarbigen Socken – ein Doppelgänger von Monty Pythons John Cleese, auch vom Humor her. Um Platons Ideenlehre zu illustrieren, knallte er einen Stuhl auf das Pult und frage uns eindringlich: „Why is this a chair?“ Er liebte es, Europakarten mit vielen Punkten, Pfeilen und Jahreszahlen auf die Tafel zu zeichnen. Inhaltlich war sein Kurs hochinteressant und spannte einen Bogen von den Poliskulturen des alten Griechenland über Hugo Grotius bis in die damalige Gegenwart der Vereinten Nationen. Winkel organisierte für uns eine Exkursion nach Den Haag in den Friedenspalast. Zum Abschluss des Kurses lud er uns zu einem Fest in seine zweistöckige Wohnung mit abertausenden von Büchern (Winkel: „Too many books!“) in einem alten Haus an einer Amsterdamer Gracht ein. Ein anderer, für mich noch wichtigerer Kurs, den ich besucht habe, hieß „Comparative Criminology and Penology“ bei Prof. René van Swaaningen. Auch er verband Humor (in seinem Fall mehr von der leicht brachialen, typisch niederländisch-respektlosen Art) mit großer fachlicher Ernsthaftigkeit. Er kannte mit sich zu unserer Überraschung detailliert mit der kriminalpolitischen Konstellation in sämtlichen Herkunftsländern der Studierenden aus, was er wie beiläufig in den Unterricht einstreute. Der Reader zum Kurs umfasste hunderte Seiten von aktuellen internationalen Forschungsartikeln. Da mich im Gegensatz zu manchen Mitstudierenden die Coffee Shops schon bald nicht mehr interessierten, studierte ich sie alle durch. Das war für mich auch deshalb sehr hilfreich, da ich damals gerade meine kriminologische Diplomarbeit schrieb. In meiner Rotterdamer Zeit traf ich die für mich folgenreiche Entscheidung, mich von meinen Theaterambitionen zu verabschieden und es nach Möglichkeit mit der Wissenschaft zu versuchen. Ich entdeckte, dass es an der Universität Hamburg einen zweijährigen Aufbaustudiengang in Kriminologie gab. Außerdem wollte ich auch promovieren. Die Lebensplanung meiner weiteren Jahre war damit vorgezeichnet.

Wie hat sich Ihr Weg vom Studium bis heute entwickelt? In meiner Innsbrucker Doktorandenzeit legte ich den eigentlichen Grundstein meiner späteren Karriere. Es war aber auch in gewisser Weise eine Durststrecke, da ich das Studium zur Gänze selbst finanzieren musste. Dafür war mein Nebenjob lehrreich: Nach dem Gerichtsjahr arbeitete ich halbtags im Vorzimmer einer Rechtsanwaltskanzlei. Da es eine Allgemeinkanzlei war, die aber auch einige sehr interessante Großfälle im Portfolio hatte, war das Spektrum der Konflikte und Schadensereignisse sehr breit. Von den dabei gewonnen Einblicken in die Rechtswirklichkeit zehre ich als empirischer Rechtsforscher bis heute.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, erscheint sie mir als eine zwar äußerst bescheidene, aber auch sehr freie Existenz. Gerne saß ich auf Bänken entlang der Innpromenade und eignete mir aus sperrigen Suhrkamp-Taschenbänden sozialwissenschaftliche Theorie an, die in meiner Doktorarbeit an manchen Stellen die rechtsdogmatische Argumentation ergänzte – etwa Werke des gerade verstorbenen Jürgen Habermas. Mein Thema lautete „Private Sicherheitsdienste und öffentlicher Raum“. Das war spannend, weil die Privatisierungspläne der damaligen Bundesregierung auch nicht vor staatlichen Kernbereichen wie eben Sicherheit haltmachten – gleichzeitig gründeten sich zum Teil politisch rechtsextrem motivierte „Bürgerwehren“, etwa in Graz. Ich wollte das verfassungsrechtlich einordnen und kritisieren. Die Themen der urbanen Sicherheit und Überwachung sowie der Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums waren damals außerdem in der Soziologie gerade sehr angesagt. Nach drei Jahren war die Dissertation dann fertig, und ich hatte einen Studienplatz im Aufbau-Masterstudium „Internationale Kriminologie“ in Hamburg ergattert.

Dort fuhr ich in gewisser Weise die Ernte dessen ein, was in den Jahren zuvor gesät hatte. Da ich mich bereits im Rahmen meiner Diplomarbeit, in Rotterdam und dann während meiner Promotionszeit viel mit Kriminologie beschäftigt und auch sozialwissenschaftliche Klassiker gelesen hatte, fiel mir das Studium leicht. Unterdessen bekam ich von der Universität Innsbruck den „Franz-Gschnitzer-Preis“ für meine Dissertation verliehen, was mir noch einmal einen großen Schub an Motivation und Selbstvertrauen verlieh. Ich konnte mich nun auf die Ausbildung in empirischer Sozialforschung konzentrieren, die uns, vor allem im quantitativen Bereich, in Hamburg hervorragend vermittelt wurde. Ich arbeitete dann im zweiten Jahr des Studiengangs als Tutor für Statistik und konnte so meine Kenntnisse noch weiter vertiefen. Das war auch ein Grund, warum ich an der kriminologischen Abteilung der rechtswissenschaftlichen Fakultät unmittelbar nach dem Studium für eine vergleichende Fragebogenstudie zu Jugendkriminalität in Deutschland und Russland engagiert wurde. Das war ein auch theoretisch spannendes Projekt, in dem es um gesellschaftlich bedingte egoistische Einstellungsmuster und ihre Auswirkungen auf Jugenddelinquenz ging. Leider herrschte an der Abteilung jedoch die (an deutschen Universitäten weit verbreitete) ausbeuterische Unkultur vor, bei einer halben Stelle volle Arbeit zu erwarten. Da ich mittelfristig ohnehin wieder nach Österreich zurück wollte, war ich froh, nach einem Jahr einen „Pferdewechsel im Galopp“ hinlegen zu können. Es hatte mich eine Einladung des (damals außeruniversitären) Wiener Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie erreicht, bei einem Forschungsprojekt einzusteigen. Es sollte von 2009 bis 2021 mit einer kurzen Unterbrechung meine wissenschaftliche Heimstätte werden.

In Wien hatte ich das große Glück, mit tollen Kolleginnen und Kollegen (namentlich erwähnen möchte ich Arno Pilgram, von dem ich viel gelernt habe) an vielen interessanten Forschungsprojekten arbeiten zu können – zu Themen wie Erwachsenenschutzrecht, Jugendkriminalität, Korruption, Unternehmenskriminalität, Strafvollzug, Gewalt an Menschen mit Behinderung, Unterbringungsrecht, Verbraucherschlichtung, urbaner Sicherheit und Migration oder Hasskriminalität. Der Schwerpunkt der Institutstätigkeit lag in Gesetzesevaluation, international vergleichenden Projekten und Auftragsforschungen für und über öffentliche Einrichtungen. Ich konnte meine Stärken voll ausspielen – eigentlich ein Traumjob! Durch die neuerworbene sozialwissenschaftliche Methodenkompetenz fielen mir die statistischen Auswertungen, die meistens ich übernahm, nicht schwer – gleichzeitig verfügte ich über hochinteressante Datenzugänge, die für Forschende an Universitäten gar nicht zu bekommen sind. Der Dr. iur. war nicht nur nützlich für das Verstehen der juristischen Hintergründe (die für die Frage, wie Rechtsinstrumente in der Praxis wirken, jedoch oft gar nicht so entscheidend sind), sondern half auch dabei, dass mich Auftraggebende sowie Kooperations- und Interviewpartner:innen in Justiz- und Innenministerium, der Stadt Wien, den Vereinen Neustart und Vertretungsnetz oder bei Gerichten und der Anwaltschaft ernst nahmen. Das sozialtheoretische und- kritische Kriminologieverständnis, das uns in Hamburg vermittelt wurde, passte schließlich wunderbar zum Reformhabitus des Instituts, deren Mitglieder abseits des Tagesgeschäftes immer auch die Suche nach konstruktiven Alternativen zur Strafe umtrieb.

Nach drei Jahren am Institut wurde mein Antrag auf ein Habilitationsstipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bewilligt. Ich konnte für meine Karriere eine weitere Brennstufe zünden. Auch wenn ich als Habilitand dann gescheitert bin, war das ein wichtiger Schritt, der mir über die Zwänge der Auftragsforschung hinaus vorübergehend große Autonomie ermöglicht hat. Ich beging jedoch den Fehler, mich zu spät und zu wenig konsequent vom Institutsbetrieb abzugrenzen. Als ich mich dann freigespielt hatte, war ich mir mit Perfektionismus und Prokrastination oft selbst im Weg. Ich verlor mich zum Teil in historischen und theoretischen Aperçus, Nebenschauplätzen und Fußnoten. Spaß gemacht hat es trotzdem, und umsonst war es auch nicht, da ich in der Stipendienzeit viele Artikel – nicht nur zum Thema der Habilitation, in der es um die (damals stark steigende) Inanspruchnahme von Erwachsenenvertretung ging – publizierte und an internationalen Tagungen in den USA und in Mexiko teilnahm. Danach kamen allerdings ein paar schwierige Jahre. Das Habilitationsprojekt geriet ins Stocken. Ich machte die Erfahrung, dass, wenn man sich als außeruniversitärer Forscher habilitieren möchte, an den Universitäten niemand auf einen gewartet hat. Außerdem saß ich zwischen den Stühlen der Disziplinen: An rechtswissenschaftlichen Fakultäten herrscht das Primat der dogmatischen Fächer, und für Soziologieinstitute war ich „kein richtiger Soziologe“ – obwohl ich an der Wiener Soziologie zehn Jahre lang „Abweichendes Verhalten und soziale Kontrolle“ unterrichtete. Unterdessen musste ich wieder an vielen – thematisch disparaten – Projekten gleichzeitig arbeiten und Projektakquise betreiben, um meine Beschäftigung zu sichern. Die Umweltbedingungen für das Institut hatten sich währenddessen dramatisch verschlechtert, da uns sämtliche Subventionen gestrichen wurden.

Den Tiefpunkt meiner Karriere erlebte ich Ende 2017, als ein bereits unterschriftsreif vorbereitetes Auftragsprojekt des Justizministeriums durch das neue politische Kabinett plötzlich abgeschossen wurde. Es wäre um Erklärungen für den starken Rückgang an Zivilprozessen gegangen, der sich für die letzten drei Jahrzehnte beobachten lässt. Ich weiß bis heute nicht, was der genaue Grund für diese Intervention war, aber es war ganz offensichtlich eine Folge des Amtsantritts der damaligen Regierung, die bekanntlich eine gewisse Vorliebe für Inszenierung und penible politische Kontrolle des Geschehens in den Ministerien pflegte. Mir hat der Vorgang geschadet, da ich bereits ungewöhnlich stark in Vorleistung gegangen war. Das Thema – aufgrund welcher Konflikte verklagen sich Rechtssubjekte gegenseitig bei Gericht und wie und warum ändert sich das über die Zeit hinweg – fand ich faszinierend, ich hatte darin auch eine Chance erblickt, meine Habilitation um es als Vergleichsfall zum konträren Phänomen der stark zunehmenden Nutzung eines anderen zivilrechtlichen Instruments (der Erwachsenenvertretung) zu erweitern und ihr so neues Leben einzuhauchen. Während des unfreiwilligen halben Jahres Arbeitslosigkeit, das darauf folgte, wuchs in mir immerhin die Einsicht, mir auch ein berufliches Leben außerhalb des Instituts vorstellen zu können, mit dem ich mich vielleicht ein wenig zu stark identifiziert hatte. Da kam es gerade recht, dass die Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht eine Professur für Kriminologie ausgeschrieben hatte, für die ich alle Voraussetzungen erfüllte. Ich wurde zu einer Probelehrveranstaltung und Gesprächen mit der Berufungskommission eingeladen. Da ich damals mein privates Leben in Wien nicht wirklich verlassen wollte, sah ich es eher als eine Art Testballon und konnte daher sehr unverkrampft auftreten.

Inzwischen war ich aber wieder am Institut in Wien angestellt und erlebte dann beruflich doch noch einmal zwei bis drei sehr erfüllte Jahre. Zum einen arbeitete ich mit der Menschenrechtsabteilung des Innenministeriums an einem EU-geförderten Projekt zur Verbesserung der statistischen Erfassung von Hasskriminalität. Das war von der Qualität der Zusammenarbeit auf Augenhöhe und der Fruchtbarkeit der Ergebnisse her die gelungenste Forschungskooperation mit einer Behörde, die ich jemals erlebt habe. Die Leute vom Ministerium haben dafür einen wohlverdienten Verwaltungspreis gewonnen. Zum anderen aber begann eine bis heute andauernde lose Zusammenarbeit mit dem Institut für Österreichische Geschichtsforschung der Universität Wien, die mir viel Freude bereitet. Dessen jetzigen Direktor Peter Becker kannte ich von gemeinsamer Arbeit in der Redaktion der Fachzeitschrift „Kriminologisches Journal“. Ich erzählte ihm von einer spannenden und erklärungsbedürftigen Entdeckung, die ich in den Rechtspflegestatistiken der ausgehenden Habsburgermonarchie gemacht hatte. Ich hatte sie zur Vorbereitung des verhinderten Zivilprozess-Projektes konsultiert, um zu Vergleichszwecken lange Zeitreihen erstellen zu können. Peter vermittelte mir den Kontakt zu einer Mitarbeiterin seines Institutes, die u.a. Expertin für die Geschichte der Staatenkunde, der Statistik und des Eigentums ist. So begann eine überaus inspirierende Zusammenarbeit mit der Historikerin Borbala Zsuzsanna Török. Wir reichten zusammen ein FWF-Projekt zu Ziviljustiznutzung und Sozialpolitik um 1900 ein, dass wir dann gleich in der ersten Antragsrunde bewilligt bekamen – das war ein schöner Erfolg!

Unterdessen hatte mich mitten in der Pandemiezeit ein Anruf aus Berlin erreicht – ob ich die Kriminologieprofessur nun haben wolle. Es war zweieinhalb Jahre nach der Bewerbung, das Berufungsverfahren hatte sich so sehr in die Länge gezogen, dass ich die Sache schon völlig vergessen hatte. Das Annehmen des Rufs war keine leichte Entscheidung, zumal am Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie gerade sehr positive Veränderungen anstanden. Es war gelungen, es als nunmehr „Institut für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie“ in die Universität Innsbruck (mit Außenstelle Wien) zu integrieren. Das ist vor allem ein Verdienst der Institutsleiterin Hemma Mayrhofer, die das geschickt betrieben hat. Seitens der Universität Innsbruck hat der damalige Rektor Tilmann Märk das Potenzial des Instituts erkannt. Ich hätte endlich eine unbefristete, allerdings nur halbe Stelle haben können, der Rest wäre nach wie vor über Drittmittel zu finanzieren gewesen. Da ich mit Mitte 40 keine halbe Portion mehr sein wollte und nach 18 Forschungsprojekten in zwölf Jahren genug von prekären Arbeitsbedingungen und Politikabhängigkeit hatte, entschied ich mich dafür, nach Berlin zu gehen. Da sich dort zufällig auch für meine Frau eine berufliche Perspektive auftat, wagten wir zusammen die Veränderung.

Berlin meint es gut mit mir. „Arm aber sexy“ stimmt zwar nicht mehr so ganz, aber es ist immer noch eine Stadt mit äußerst dichtem kulturellem und kulinarischem Angebot. Vor allem jedoch habe ich meinen Job an der Hochschule für Wirtschaft und Recht sehr schätzen gelernt. Das Lehrdeputat von 18 Wochenstunden will zwar gestemmt werden, die Hochschule vergibt aber auch großzügige Lehrermäßigungen für Forschung. Ich unterrichte hauptsächlich angehende Beamtinnen und Beamte des gehobenen Polizeivollzugsdienstes. In meinen Veranstaltungen geht es darum, ihnen evidenzbasiertes Wissen und Reflexion über Erscheinungsformen der Kriminalität und deren Bedingungsfaktoren zu vermitteln. Da muss man ab und zu Vorstellungen geraderücken, die aus Krimis oder True-Crime-Podcasts mit ihren oft lebensfremden oder hochselektiven Darstellungen kommen. Außerdem geht es um realistische Strategien der Kriminalitätskontrolle. Die meisten Kriminalitätsphänomene lassen sich mit Repression, die oft kontraproduktiv wirkt, nicht gut bekämpfen. Viel eher erfolgversprechend sind Sozialpolitik und Prävention – die freilich scheitern können. Ein gewisses Ausmaß an abweichendem Verhalten ist in einer freien Gesellschaft unvermeidlich. Das zu vermitteln ist nicht immer leicht, aber eine schöne Aufgabe.  Die meisten meiner Studierenden erlebe ich als intelligente junge Leute, die (anders als viele der Soziologie-Studierenden, mit denen ich es in Wien zu tun hatte) recht genau wissen, was sie wollen. Es macht mir großen Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Wenn Lehre und Selbstverwaltungsaufgaben erledigt sind, bleibt Zeit für Forschung – ganz ohne Zwang, dafür Geld aufstellen zu müssen (was man natürlich trotzdem tun kann – zu meinem Fachbereich gehört auch ein drittmittelstarkes Institut für Sicherheitsforschung, an das ich lose angeschlossen bin).

Würden Sie sich aus heutiger Sicht für ein anderes Studium entscheiden? Vielleicht würde ich es mit Soziologie und Geschichte probieren. In diesen Fächern heute akademisch Karriere zu machen, ist jedoch extrem herausfordernd. Ich glaube, ich habe eine für mich sehr passende Nische gefunden. Letztlich kann ich im Rahmen des interdisziplinären Faches Kriminologie sehr viel unternehmen, was mich interessiert – es hindert mich auch niemand daran, meinen rechtssoziologischen und historischen Interessen nachzugehen!

Welche im Studium erworbene Qualifikation hilft Ihnen im heutigen Beruf am meisten? Die im engeren Sinne juristischen Kenntnisse, die ich im Diplomstudium erworben habe, brauche ich heute weniger. Sie schaden aber auch nicht. Kritisches, über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinausschauendes Denken habe ich mir im Promotionsstudium angeeignet. Das hilft mir bis heute enorm. Für die Forschungspraxis sind Kenntnisse in empirischer Sozialforschung, die ich während meines Aufbaustudiums in Hamburg wie ein Schwamm aufgesogen habe, unerlässlich. An den rechtswissenschaftlichen Fakultäten sollten die „Nebenfächer“ wie Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsvergleichung oder Kriminologie – zutreffender könnte man von „Metafächern“ sprechen – nicht zusammengestrichen, sondern ausgebaut werden. Da sie über das hier und heute geltende Recht (das man natürlich bis zu einem gewissen Grad auch kennen muss) hinausweisen, veralten ihre Wissensbestände viel weniger schnell. Deren Produktion wird auch keine KI so schnell übernehmen können.

Was war bis jetzt Ihr schönstes Erlebnis in Ihrer beruflichen Laufbahn? Ein unvergessliches Erlebnis war die feierlich gestaltete Stipendienverleihung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Es gab den Festvortrag eines asiatischen Naturwissenschaftlers. In Posterpräsentation der neuen und Vorträgen ausgewählter älterer Stipendiat:innen erfuhr man, was die anderen so machen. Ich erinnere mich an einen Ansatz der Verbindung von Quanten- und Relativitätstheorie, eine literaturwissenschaftliche Analyse von Science Fiction, Gendergeographie oder eine Studie zu sämtlichen Königsmorden der europäischen Geschichte. Lauter junge Leute mit Genieverdacht, und ich gehörte dazu! Ein anderes schönes Erlebnis, das mir spontan einfällt, ist die Email eines von Rassismus betroffenen österreichischen Mannes mit dunkler Hautfarbe, der sich für meine Studie zu Hasskriminalität bedankt hat. Das hat mir das Gefühl gegeben, mit Forschung etwas ganz unmittelbar Sinnvolles bewegen zu können.

Was möchten Sie gerne noch erreichen – beruflich oder privat? Beruflich möchte ich mindestens noch ein schönes Buch schreiben. In meinen Wiener Jahren hat die Zeit immer nur für Forschungsberichte und Artikel gereicht. Ich habe auch schon ein Thema für ein längerfristiges Vorhaben. Arbeitstitel: „Wirtschaft und Verbrechen – Dimensionen des Zusammenhangs von Kriminalität und sozialer Kontrolle mit Ökonomie“. Das ist ein in den letzten zwei Jahrzehnten erstaunlich unterbelichtetes Thema – viele Kriminolog:innen wollten eher „was mit Kultur“ machen (z.B. Phantombilder oder Gangstarap-Texte analysieren o.ä.). Das ist gewiss reizvoll und unterhaltsam, führt aber dazu, dass klassische sozialstrukturelle Fragen, die sich in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts neu stellen und nicht einfach als bereits beantwortet vorausgesetzt werden können, mittlerweile kaum mehr bearbeitet werden. Das möchte ich, ohne dabei in den Ökonomismus älterer marxistischer oder aber neoliberaler Ansätze zurückzufallen, ändern. Privat möchte ich mein Musizierhobby, das ich mir seit ein paar Jahren gönne, weiter pflegen. Ich spiele Ukulele, auch in einer Spielgruppe in Berlin. Obwohl es so klein ist, ist es ein ungeheuer vielseitiges Instrument, das sich z.B. auch gut für Jazz eignet. Da die Ukulele genauso gestimmt ist wie die Renaissancegitarre, kann man wunderschöne Musik aus dem 16. Jahrhundert eins zu eins darauf spielen. Es ist mein Traum, davon eine halbe Stunde Repertoire zu schaffen. Dann werde ich mich einmal in den Park von Schloss Ambras setzen und es spielen – wer weiß, vielleicht sogar auf einer richtigen Renaissancegitarre...

Was war zu Studienzeiten Ihr Lieblingsort in Innsbruck/an der Universität? Ein Lieblingsort war das Tanzcafé Prometheus in der Altstadt. Das war damals ein Treffpunkt der alternativen Rockszene. Man konnte dort spätadoleszente Opposition und Feierlaune gutartig ausagieren. Es war auch ein hervorragender Platz, um Leute kennenzulernen. Ein weiterer Lieblingsort war die Bühne des Tiroler Landestheaters, auf der ich viele Dutzende Male als Komparse stand. Das Theater war auch ein interessantes Soziotop. Mich hat es so fasziniert, dass ich eine Zeit lang ernsthaft Regisseur werden wollte. Tatsächlich konnte ich für insgesamt drei Produktionen als Regieassistent arbeiten, sowohl im Musiktheater als auch im Schauspiel. Das hat zwar Studienzeit gekostet, war die Horizonterweiterung aber absolut wert. An der Universität selbst waren die Bibliotheken meine Lieblingsorte: Das Diplomstudium habe ich praktisch zur Gänze im großen Lesesaal der Hauptbibliothek verbracht. Da ich für meine Doktorarbeit auch sozialwissenschaftliche Literatur benötigte, habe ich sie hauptsächlich in der damals nagelneuen, architektonisch attraktiven SOWI-Bibliothek geschrieben, deren lange Öffnungszeiten mir sehr entgegenkamen. Bis heute liebe ich diese Atmosphäre konzentrierter Stille in Bibliotheken.

Was verbindet Sie heute noch mit der Universität?

Abgesehen davon, dass mein altes Institut nun zur Universität Innsbruck gehört, sind es gelegentliche Kongressteilnahmen. Prof. Barta, den ich schon mehrmals erwähnt habe, hat Konferenzen für Rechtstatsachenforschung organisiert, die ich immer sehr gerne besucht habe. Das Format wurde dann von seiner ehemaligen Mitarbeiterin Caroline Voithofer (heute Professorin am Institut für Theorie und Zukunft des Rechts) und dem Lehrstuhlnachfolger Michael Ganner weitergeführt. Da ist über die Jahre ein sehr freundschaftliches Verhältnis entstanden.

Studierenden rate ich... über den Tellerrand der eigenen Disziplin zu schauen! Dafür kann man auch einmal Verzögerungen des Studiums in Kauf nehmen. Generell rate ich dazu, das Leben in der Gegenwart zu genießen und Freiräume, die man immer hat, zu nützen – dazu gehört auch, das Smartphone einmal wegzulegen, im Park zu sitzen, das Grün rundherum wahrzunehmen, ein Buch zu lesen… Trotz aller Krisen leben wir immer noch in einer freien Gesellschaft mit hoher Lebensqualität. Das sollten wir wertschätzen und verteidigen!

Ich wollte immer schon einmal... ein Musikinstrument spielen können (siehe oben).                                        

Mein Buch- oder Film-Tipp… Als Buch empfehle ich „Die geheime Geschichte“ von Donna Tart. Das ist ein sehr spannender und gescheiter, aber auch herrlich böser Campus-Roman. Filmisch: Die TV-Serie „The Wire“. Die ist kriminalsoziologisch derart gehaltvoll, dass sie eigentlich in kriminologische Lehrpläne integriert gehört. Es geht darin nicht nur um die Drogen verkaufenden „Corner Boys“ und das Elend der Drogenkonsumierenden in Baltimore, sondern es wird auch ein komplexes Panorama des gesamten gesellschaftlichen Gefüges entrollt, das eine solche Kriminalität genau in dieser Form hervorbringt, einschließlich der sozialen Subsysteme, die involviert sind: Polizei und Justiz selbst, die Politik, der Journalismus, die Wirtschaft der Hafenstadt und das Erziehungssystem. 

Was würden Sie Ihrem Jüngeren Ich gerne sagen? Habe keine Angst vor der Zukunft!

Können Sie uns noch eine Lebensweisheit/Zitat mitgeben… Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!

 

Stand: April 2026

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