Studium: Diplomstudium Politikwissenschaft
Was hat Sie damals an die Universität Innsbruck gezogen? Hier bin ich aufgewachsen und war bereits in der regionalen Medien- und Jugendszene beruflich aktiv.
Denke ich an Innsbruck, denke ich sofort an... Trinkwasser aus der Dusche!
Was war für Sie ein unvergessliches Erlebnis Ihrer Studienzeit? Die Exkursion nach Russland 1996. Die breiten leeren Straßen, an denen man damals noch irgendein vorbeifahrendes Auto herbeigewunken hat für eine spontane Taxifahrt. Rockbands in Hinterhöfen. An jeder Straßenecke diese quicklebendige Energie von Aufbruch und Zukunft.
Gab es Momente oder Personen in Ihrem Studium, die Sie besonders geprägt haben? 1996 hat uns ein Gastlektor seine angewandte Forschung im Kosovo der 1990er Jahre vorgestellt. Damals hat der serbische Staat eine Politik der Repression und der direkten administrativen Kontrolle durchgeführt; die albanische Mehrheitsbevölkerung war im eigenen Land systematisch aus dem politischen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen. Universität, Schule, Blutbank—alles musste plötzlich selbst und im Untergrund organisiert werden. Damals habe ich zum ersten Mal eine Sprache und Werkzeuge zur Beschreibung von Dynamiken und Mustern in politischen Systemen an die Hand bekommen –egal, ob diese Systeme frei, repressiv oder hochtransformativ sind. Genau zehn Jahre nach diesem Blockseminar wurde ich in ein diplomatisches Vorbereitungsteam des Europäischen Rates vor Ort in Pristina rekrutiert.
Aus meinem Studium habe ich noch... den ersten Studentenausweis – orange, verblasst, zerzaust.
Waren Sie im Ausland? War das für Sie aus heutiger Sicht wichtig? Ich war für ein Erasmus Semester in Uppsala und später zwei Jahre lang an der Johns Hopkins University in Bologna und Washington. Mit Studierenden aus aller Welt zu wohnen, zu feiern, zu lernen, zu reisen—das war unbeschreiblich. Im Ausland gilt es, sich fern von sprachlichen und kulturellen Komfortzonen einzurichten und tägliche Blickwechsel zu üben. Das nimmt die Angst. Was gestern noch fremd war, ist heute Freundin oder Mitbewohner. Auslandserfahrung macht uns weltgewandter und zufriedener.
Wie hat sich Ihr Weg vom Studium bis heute entwickelt? Ich habe mir meinen Weg selbst angelegt, weil es zwar den Beruf des „Risk Managers“ gab, ich mich jedoch als „Opportunity Managerin“ einbringen will. Ob Biodiversität oder Bauwende, EU-Erweiterung oder präventive Sicherheitspolitik, Fortbildungen für CEOs, Jugendliche oder nationale Abgeordnete – immer bearbeite ich Umbruchs- und Zukunftsprozesse. Darauf habe ich mich spezialisiert, so wie andere auf Finanzmärkte oder Ökosysteme spezialisiert sind. Ich kartiere also die Akteure und Dynamiken eines Themas lokal oder in Europa, identifiziere Leitfiguren und Zusammenhänge. Mit der Analyse des Problems halte ich mich nicht länger auf als nötig. Sie dient schlicht als Zündung für das Erkunden und Freilegen von Potenzialfeldern. Ich suche mir Führungskräfte, die Teil der Lösungen sein wollen die wissen, dass frühe, punktgenaue Investitionen sich hinterher ausnahmslos als beste und billigste Option herausstellen. Ob in der Außen- und Sicherheitspolitik. Der Jugend- und Bildungsarbeit. Der Natur und der Demokratie. Für ein paar Monate oder auch Jahre inspiriere oder kuratiere, leite oder begleite ich dann also entscheidende Wegstrecken mit meinen Kooperationspartnern.
Haben Sie nach dem Studium eine andere berufliche Richtung eingeschlagen? Würden Sie sich aus heutiger Sicht für ein anderes Studium entscheiden? Ich würde meinem 18jährigen Selbst Mut zusprechen für das Jus-Studium und das Aufnahmeverfahren in die EU-Institutionen. Denn gerade kreativ-gestalterische Menschen können in großen Systemen klug wirken und strukturelle Weichen stellen. Solche – oft stillen – Impulsgeber:innen nennt man „Intrapreneurs.“
Welche im Studium erworbene Qualifikation hilft Ihnen im heutigen Beruf am meisten? Ich freue mich seit dem Studium auf bunt zusammengewürfelte Gruppen von Menschen, die sich einer Sache widmen. Denn da greift die Zauberformel der kollektiven Intelligenz. Sie schätze ich als wichtigste Ressource überhaupt ein – und Kooperationsfähigkeit als unsere wichtigste Kompetenz.
Was war bis jetzt Ihr schönstes Erlebnis in Ihrer beruflichen Laufbahn? Mindestens drei! Erstens, am 17. Februar 2008 am Dach des Grand Hotels in Pristina nach zwei Jahren intensiver Vorbereitungen im Auftrag der EU zwischen den Kamerateams von CNN und BCC zu stehen und zu verstehen, hier entsteht Europas jüngster Staat. Oder, eines Juli-Tages auf einem Schiffchen am Baikalsee die Arbeit russischer und europäischer Klimaforscher:innen zu dokumentieren. Dann wiederum, im Januar 2017 dem Wahlkämpfer Emmanuel Macron in einem Sitzungszimmer der Humboldt Universität drei innovative science-policy Organisationen vorstellen zu dürfen.
Was möchten Sie gerne noch erreichen – beruflich oder privat? Großes Stiftungskapital oder ein Gestaltungsmandat anvertraut zu bekommen, um unsere Potenziale in Europa zu entfesseln. Ich möchte eine regionale strategische Kultur aufbauen und die EU-Regionalpolitik von morgen mitgestalten. Denn das Gelingen Europas entscheidet sich direkt hier in der Stadt und der Region. In mutigen Initiativen und im proaktiven Zusammenspiel von Forschung, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft.
Was würden Sie heute anders machen? Ich würde ein Tagebuch führen.
Studierenden rate ich... ein gutes Verhältnis zu Risiko zu entwickeln. Wagnisse zu trainieren. Denn wer wagt, gewinnt. Das kann ganz praktisch bedeuten, sich einmal pro Woche in eine Vorlesung zu setzen, die mit Eurem Fach rein gar nichts zu tun hat. Dies ist ein Luxus der europäischen öffentlichen Universitäten, einmalig in der Welt! Ihr werden dadurch offener, kreativer und innovativer, schult Euren multi- und transdisziplinären Reflex.
Was war zu Studienzeiten Ihr Lieblingsort in Innsbruck/an der Universität? Ein nordseitiger Seminarraum weit oben im GeiWi Turm in der Abendsonne. Stadt, Nordkette, Fluss. Da habe ich begonnen, groß zu denken.
Was verbindet Sie heute noch mit der Universität? Herrliche Kooperationen mit Naturwissenschaftler:innen.
Ich wollte immer schon einmal... am Südhang des Hohen Atlas wandern.
Stand: April 2026
