Portrait von Ursula Mathis-Moser

Ursula Mathis-Moser

... fühlt sich der Uni immer noch sehr verbun­den.

Was hat Sie damals an die Universität Innsbruck gezogen? In Vor-EU-Zeiten war es naheliegend, dass man an seiner Heimuniversität und nicht an einer anderen österreichischen oder ausländischen Universität studierte, und so war Innsbruck für mich eine ganz natürliche Wahl. Darüber hinaus gab es in der Familie bereits mehrfachen Bezug zur Universität: Anfang der 1950er Jahre hatte mein Vater sein Doktorat der Karls-Universität Prag in Innsbruck nostrifizieren lassen, und ein Großonkel, Eugen Hess, war bereits lange vor dem 2. Weltkrieg in Innsbruck Universitätsdozent für Pharmazie gewesen.

Denke ich an Innsbruck, denke ich sofort an... mein Zuhause.

Was war für Sie ein unvergessliches Erlebnis Ihrer Studienzeit? Unvergesslich ist mir das Altstadtfest des Jahres 1970 anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums der Universität, das von Freude, Feierlaune und dem Gefühl der Gemeinschaft getragen war. Unvergesslich aber auch zu Beginn der 1970er Jahre meine erste Teilnahme an einer Studentendemo, die im Nachklang zu Mai 68 einen bewussten Akt politischer Partizipation darstellte. Unvergesslich schließlich die sub auspiciis Promotion mit Dr. Kirchschläger, wo mir bei der Dankesrede vor Aufregung die Stimme versagte...

Gab es Momente oder Personen in Ihrem Studium, die Sie besonders geprägt haben? Es gab tatsächlich Persönlichkeiten und Momente, die mich mehr geprägt haben als andere: Im Bereich der Anglistik war dies Sonja Bahn, im Bereich der Romanistik Gilberte Tschirner, in der Philosophie waren es Gerhard Frey, Otto Muck und Michael Marlet. Ihnen verdanke ich nicht nur die linguistische Kompetenz in „meinen“ so geliebten Sprachen, sondern auch das tiefere Verständnis für fremde Kulturen, das Hineinhören in den literarischen Text, das kritische Hinterfragen von Zusammenhängen, meine Nähe zum französischen Existentialismus und nicht zuletzt die ständige Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen der Existenz, der Ethik und Verantwortung.

Aus meinem Studium habe ich noch... Mitschriften und Fotos, die mir viel bedeuten.

Waren Sie im Ausland? War das für Sie aus heutiger Sicht wichtig? Das Studium moderner Sprachen setzte voraus, dass man sich möglichst oft und lange in den jeweiligen Kulturräumen aufhielt, in meinem Fall in England, Frankreich, der französischen Schweiz, später in Spanien, bevor ich schlussendlich zu einer begeisterten „transatlantischen Pendlerin“ wurde, mit beruflichen Verpflichtungen und Gastprofessuren u.a. in Kanada und später in Kuba. Aus damaliger wie heutiger Sicht waren diese Auslandsaufenthalte entscheidend für meine berufliche wie persönliche Entwicklung. Es ging nicht nur um die sprachliche und fachliche Profilierung, sondern um etwas viel Grundlegenderes: die behutsame Annäherung an das Fremde, den Respekt vor dem Anderen und seiner jeweiligen Besonderheit, die Freude am Austausch jenseits von Grenzen und das Erkennen von Gemeinsamem. Kein Tag im Ausland war verloren.

Wie hat sich Ihr Weg vom Studium bis heute entwickelt? Mein beruflicher Weg begann noch während des Studiums mit meiner Anstellung am Institut für Romanistik, und in der Folge blieb ich dem universitären Milieu treu. Nach Habilitation, Gastprofessuren (auch in Europa) und Jahren des inneruniversitären Engagements (Aufbau des „Zentrums für Kanadastudien“, der „Textmusik in der Romania“, später des FZ „Kulturen in Kontakt“) erhielt ich 2002 die Professur für französische und spanische Literaturwissenschaft, die es mir erlaubte, mich intensiv für eine weltoffene moderne Romanistik einzusetzen. Es ging dabei um die Entdeckung der außereuropäischen Romania, die Erforschung nicht kanonisierter und interdisziplinärer Gattungen, die Beschäftigung mit Gender und „weiblichem“ Schreiben und die Auseinandersetzung mit Migrationsliteraturen, Transkulturalität, Hybridität und Kolonialisierungsprozessen. In den 50 Jahren meiner universitären Laufbahn kam es im Fach Romanistik zu einem kompletten Paradigmenwechsel, den zu begleiten höchst spannend war und dem ich auch in der universitären Lehre Rechnung zu tragen versuchte. Für meine Forschungsarbeit durfte ich mehrere große Auszeichnungen in Frankreich, Kanada und Österreich entgegennehmen. Derzeit widme ich mich mit literarischen Übersetzungen einer neuen Facette des Kulturkontakts.

Haben Sie nach dem Studium eine andere berufliche Richtung eingeschlagen? Würden Sie sich aus heutiger Sicht für ein anderes Studium entscheiden? Nach dem Studium habe ich höchstens insofern eine neue Richtung eingeschlagen, als ich das Lehramt Englisch/Französisch nie ausgeübt und mich stattdessen für die universitäre Karriere entschieden habe. Ich würde auch heute wieder das Studium moderner Sprachen und Kulturen wählen, allerdings erweitert um eine außereuropäische Sprache und nach Möglichkeit auch um ein Studium der Politikwissenschaft. Beides würde erlauben, den Blick zu weiten und besser auf die Herausforderungen der heutigen Zeit antworten zu können.

Welche im Studium erworbene Qualifikation hilft Ihnen im heutigen Beruf am meisten? Wenn ich in der Vergangenheit sprechen darf, denn ich bin ja seit 2015 im Ruhestand, so war es zum einen die Notwendigkeit, mich ständig – sei es im Sprechen, Denken oder Schreiben – auf Transferprozesse einzulassen, also geistig flexibel zu sein. Zum anderen war es der Erwerb der Fähigkeit, Texte und Kontexte zu lesen, in weiterer Folge also zu erkennen, dass Literatur ein Ort ist, an dem gesellschaftliche Selbstbeobachtung und Selbstreflexion stattfindet, an dem Neues erprobt, Altes neu perspektiviert und verhandelt wird, an dem auch multiple Logiken Platz finden und Lösungsstrategien entwickelt werden können.

Was war bis jetzt Ihr schönstes Erlebnis in Ihrer beruflichen Laufbahn? Es fällt mir schwer, von einem einzigen Erlebnis zu sprechen, denn ich hatte das Glück, viele wunderbare Momente erleben zu dürfen, als Lehrende mit meinen Studierenden, als Forschende mit meinen „jungen“ Kolleginnen, mit denen mich heute noch eine enge Freundschaft verbindet. Besondere Höhepunkte meiner Laufbahn waren jedoch jene Momente, in denen meine wissenschaftliche Arbeit gewürdigt wurde. So etwa meine drei kanadischen Auszeichnungen: der Preis für Literaturkritik Jean Éthier-Blais (2004), den ich als erste Nicht-Quebecker.in in Empfang nehmen durfte, der Ordre des francophones d’Amérique (2012), der mir als erster Österreicher.in für 30 Jahre im Dienst der Frankophonie zuteilwurde, und schließlich – wieder als erste Österreicher.in – der Prix international du Gouverneur Général en études canadiennes (2019) für „the outstanding contribution to scholarship and to the development of Canadian Studies internationally”.

Was möchten Sie gerne noch erreichen – beruflich oder privat? Mir ist mein Alter wohlbewusst, doch habe ich das Glück, mit keinerlei Einschränkungen leben zu müssen und von einer liebevollen Familie umgeben zu sein: von meinem Mann, der bei meiner Übersetzungsarbeit stets mein erster Leser ist, meiner Tochter, die ebenfalls sub auspiciis promoviert hat und als Ethikern international sehr gefragt ist, ihren Kindern und ihrem Mann. Insofern wünsche ich mir, das Erreichte zu bewahren. Als Romanistin hege ich den Wunsch, nach meiner Übersetzung des Lyrikbandes „Exercices de joie. Einübung in die Freude“ (2026) der Montréalaiser Autorin Louise Dupré auch noch die beiden anderen Teile ihres poetischen Triptychons ins Deutsche zu übersetzen.

Was würden Sie heute anders machen? Ich würde meine Rolle als berufstätige Frau und Mutter mit viel mehr Selbstbewusstsein leben, mich nicht mit einem „Geduldet-Sein“ begnügen, sondern konsequent einfordern, was mir aufgrund meiner Leistung zusteht. Und ich würde radikal damit aufhören, alles, oder fast alles, unbezahlt zu machen.

Studierenden rate ich... neugierig zu bleiben, alles auszuprobieren, was sich ihnen im Studium bietet, ins Ausland zu gehen, um mit umso freierem Blick nach Hause zurückzukehren. Denn wir brauchen mehr denn je gut ausgebildete und weltoffene junge Menschen für unser Land.

Was war zu Studienzeiten Ihr Lieblingsort in Innsbruck/an der Universität? Zu meinen Studienzeiten liebte ich den Weg von der Innerkoflerstraße ins Institut français am Rennweg, wo ich Abend für Abend die Französischkurse besuchte, da ich in der Schule das Unterrichtsfach Französisch nicht gehabt hatte. Ob im Frühjahr, bei Föhnsturm oder im Schnee, die Promenade am Inn vor der spektakulären Kulisse der Nordkette erzählte jeden Tag eine neue Geschichte. An der Universität selbst dagegen war es der ehemalige Hörsaal 118 im „alten Gebäude“, mit seinen hell gestrichenen Holzbänken und knarrenden Stufen, der zum vormittäglichen Fixpunkt und letztlich auch zu einem Lieblingsort wurde.

Was verbindet Sie heute noch mit der Universität? Mit der Universität verbindet mich – auch heute noch – ein ganzes Leben: Menschen, Orte, Ereignisse, Erinnerungen. Die Mitarbeit an einer Internetzeitschrift, die Freude, wenn ich sehe, wie das Archiv für Textmusikforschung, das Forschungszentrum „Kulturen in Kontakt“ oder der Forschungsschwerpunkt „Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“ florieren, – und die einzige Verbitterung in meinem Leben, wenn ich daran denke, wie man eine so erfolgreiche und international anerkannte universitäre Einrichtung wie das Zentrum für Kanadastudien just in dem Moment schließen konnte, als Kanada aufgrund der angespannten Beziehungen zu den USA in den besonderen Fokus der Forschergemeinschaft rückte. Genau zu dem Zeitpunkt auch, als an einer anderen österreichischen Universität ein solches Zentrum für Kanadastudien gegründet wurde...

Ich wollte immer schon einmal... eine Reise rund um die ganze Welt machen.                                                        

Mein Buch- oder Film-Tipp… Ich empfehle Louise Duprés poetische Meditation über das Älterwerden in belasteten Zeiten wie diesen: Louise Dupré: Exercices de joie. Einübung in die Freude. Zweisprachige Ausgabe. Graz, Klingenberg Verlag, 2026.

 

Stand: Mai 2026

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