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Göttliches und Dämonisches. Preidgt zu den Versuchungen Jesu | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Autor: | Niewiadomski Jozef |
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| Veröffentlichung: | |
| Kategorie | predigt |
| Abstrakt: | |
| Publiziert in: | |
| Datum: | 2026-02-24 |
1![]() | Alle Jahre wieder! Alle Jahre wieder konfrontiert uns die Liturgie am ersten Fastensonntag mit der seltsam anmutenden Geschichte der Versuchung Jesu. Jesus fastet, betet und dies auf eine Art und Weise, die kaum radikaler sein könnte. Warum? Warum ein solches Evangelium (Mt 4, 1-11) zu Beginn der österlichen Bußzeit? Sollen wir durch das Beispiel Jesu zur ähnlichen Disziplin ermutigt werden? Womöglich zur gleichen Leistung? Gar verführt zu noch strengeren Fastenpraktiken? Tausende und abertausende Wüstenväter, und auch Wüstenmütter haben einst das Evangelium auf diese Weise verstanden. Sie zogen sich in die Wüste zurück, verlangten von sich Übermenschliches ab, rivalisierten gar mit Anderen um den Grad der Radikalität. So ganz nach dem Motto: „Ich übertreffe sie alle!“ Und das Ergebnis? Meistens haben sie die gleichen Erfahrungen gemacht wie Jesus! |
2![]() | Denn was war das Ergebnis seiner Bemühungen? Er ist mehrmals mit dem Teufel konfrontiert worden. Nicht anders erging es den Büßerinnen und Büßern. In der Wüste, in der Abgeschiedenheit der Waldklause oder in ihrer Klosterzelle waren sie hin und hergerissen zwischen der Gottesliebe und der Faszination des Dämonischen. Die Versuchungen des wohl berühmtesten Wüstenvaters, des Heiligen Antonius (im Hochaltar unserer Kirche ist er einer der drei Heiligen, die zur Heiligsten Dreifaltigkeit aufschauen; unter den Füßen des Heiligen kauert ein Schwein), die Versuchungen und Peinigungen dieses „Fackentoni“ (wie er halt im Volksmund genannt wird), die Peinigungen durch den Teufel und die Dämonen wurden durch keinen Geringeren als den hl. Athanasius in der „Vita Antonii“ minutiös beschrieben, dann in der mittelalterlichen „Legenda aurea“ aufgegriffen. Jahrhundertelang prägte das Thema der teuflischen Versuchung solcher radikaler Entsager die Kulturgeschichte des Abendlandes; man denke bloß an Hieronyms Bosch oder Salvator Dali. |
3![]() | Liebe Schwestern und Brüder, das Fasten ist ambivalent. Es kann dazu verführen, dass man der dämonischen Logik verfällt, überall bloß den Teufel am Werk sieht und sich selbst, vor allem aber die anderen Menschen ihrer Sünden wegen verachtet. Es kann aber auch die Liebe verstärken, zur Erhöhung der Lebensqualität beitragen, die Selbstdisziplin stärken. So gesehen kann man ruhig sagen, Fasten gibt es quer durch alle Religionen. Und nicht nur dort. Kann man aber die Erfahrung Jesu darauf reduzieren? |
4![]() | Das Evangelium des ersten Fastensonntags setzt an einer präzisen Stelle der Lebensgeschichte Jesu an. Es beschreibt die atemberaubende Fortsetzung der Begegnung Jesu mit dem profiliertesten Aussteiger und Vorläufer aller Wüstenmütter und Wüstenväter: mit Johannes dem Täufer. Mit seiner hageren Gestalt und seiner radikalen Botschaft versinnbildlich Johannes die Ambivalenz der radikalen religiösen Glaubenspraxis. Zorn und Güte Gottes, Gericht und Rettung, Dämonisches und Göttliches greifen bei ihm und seiner Botschaft ineinander und sollen auch zur Umkehr provozieren. |
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6![]() | Liebe Schwestern und Brüder, nicht anders ist es bei uns allen, auch wenn es uns meistens an dieser Radikalität mangelt. Auch unserem Gewissen sind diese Ambivalenz und die Vermischung des Göttlichen mit dem Dämonischen nicht unbekannt. Und auch wir verfallen öfters der Versuchung, durch den eigenen Willen und die eigenen Kräfte allein diese Ambivalenz in unserer Lebensgeschichte auszulöschen. |
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8![]() | Die Begegnung Jesu mit Johannes und sein Tauferlebnis stürzen Jesus in eine Krise. Er flieht in die Wüste. Was sich dann nach 40 Tagen der Entsagung und des Fastens, der Askese und der getrimmten Frömmigkeit ereignet, stellt den absoluten Höhepunkt der Religionskritik der Menschheitsgeschichte dar. Und warum? Mit voller Wucht wird Jesus – wird der menschgewordene Sohn Gottes – mit der Ambivalenz des religiösen Glaubens konfrontiert. Warum und auf welche Weise? Schlag auf Schlag tauchen bei ihm unterschiedliche Bilder von Gott auf. Sie zerwühlen sein Innerstes, lassen ihm die Haare zu Berge stehen und auch den Atem stocken. Was ist passiert? Die bei seiner Taufe erfahrene Gewissheit des bedingungslosen Angenommenseins durch den himmlischen Vater schwindet und der göttliche Zorn scheint ihn mitten ins Herz zu treffen. Eine Frage drängt sich ihm auf: „Hat Gott vielleicht doch eine dunkle Seite, durch die er für die Sünder bedrohlich wird?“ Und dann ist noch ein Gesicht da, das ihn anspricht. Und von ihm Übermenschliches verlangt! Einmal mit Drohung, einmal mit Komplimenten, mit Äußerungen der Wertschätzung. „Bist doch der Sohn, ein Liebling Gottes, beweise also dir selbst und auch mir, beweise, dass du es verdienst, so genannt zu werden. Dass du dem Anspruch gerecht werden kannst. Dass du Grenzen überwindest. Dass du es schaffst, nicht nur über alle Maßen zu fasten, sondern auch Wunder anzukündigen und herbeizuzaubern, Massen zu begeistern, sich in scheinbare Abgründe zu stürzen. Hab Mut. Traue dich. Werde ein Supermann. Ein Vorzeigeguru sozusagen. Wachse über dich hinaus!” |
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10![]() | Jesus ist verwirrt. “Was ist der Schein? Was das Trugbild? Was die Wahrheit? Was ist des Teufels Fratze? Was Gottes Angesicht? Wofür bin ich durch Fasten frei geworden? Für die Begegnung mit Gott, dem himmlischen Vater, oder mit den Dämonen?” Und das Ergebnis dieses authentisch menschlichen Ringens? |
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12![]() | Am Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit lernt Jesus, dass sich der wahre Gott nicht unbedingt durch “Brot und Spiele” offenbart, nicht unbedingt durch Steigerung der Macht und auch nicht unbedingt durch atemberaubende Wunder manifestiert. Denn: All das vermögen auch die Dämonen zu leisten, ganz gleich, wer oder was auch immer sie sein mögen. Jesus lernt aber auch, dass Gott und Teufel in ihrer Erscheinung einander zum Verwechseln ähnlich sein können: in der Öffentlichkeit und vor dem eigenen Gewissen. Er lernt schlussendlich aber auch, dass er dem Geist Gottes vertrauen kann, ganz gleich wie erschreckend und faszinierend die Fratze des Dämonischen momentan erscheinen mag. |
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14![]() | Liebe Mitfeiernde, was heißt das für uns? Warum konfrontiert uns die Kirche seit eh und je am ersten Fastensonntag mit dieser dramatischen Auseinandersetzung Jesu? Tut sie das bloß deswegen, um uns ein Beispiel zu liefern? Uns also zu motivieren, sich im Grunde dem Johannes und seiner Logik der Umkehr anzuschließen? Jesus selber hat aber geurteilt: „Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.“ (Mt 11,11). Größer nicht durch eigene Leistung! Größer aufgrund der Gnade, die ihm zuteilwurde und auch wird. Was heißt das? Wenn die Kirche zu Beginn der österlichen Bußzeit die Wüstenerfahrungen Jesu vergegenwärtigt, dann tut sie das in der festen Überzeugung, dass dieser Jesus uns alle in den Prozess seines Ringens miteingeschlossen hat, hat sich doch „der Sohn Gottes in seiner Menschwerdung mit jedem Menschen verbunden“[1]. Deswegen – und das ist im christlichen Glauben das Tüpfelchen auf dem i – deswegen sind wir alle in unserem Suchen und Zweifeln, in unserem Ringen um das Gottesbild und den Willen Gottes, in unserem Wechselbad der Gefühle, das uns das verunsicherte Gewissen bereitet, gar beim Verlust unseres Glaubens, nicht allein. Wir sind den Dämonen, was das auch immer sein mag, nicht allein ausgeliefert. Wir alle dürfen vertrauen, dass Er – der menschgewordene Sohn Gottes – stellvertretend für uns und auf diese Weise auch mit uns zusammen ringt. Sein dramatisches Ringen dauerte bei Jesus sein Leben lang. Es fand im Gefühl der Gottverlassenheit am Kreuz seinen Höhepunkt. Auch unser Ringen wird bis in den Tod dauern. Wir können aber in unserem Leben und Sterben – trotz all der Unsicherheiten, trotz all der Ängste und auch trotz all der uns oft bedrückenden Leere – vertrauen, dass wir im Leben und im Sterben nicht tiefer fallen als in die Hand unseres Gottes, unseres himmlischen Vaters. Dies aber einzig und allein deswegen, weil Jesus selber uns mitnimmt, mit uns geht und uns auffängt, wenn wir fallen. |
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16![]() | [1] Vgl. 2. Vatikanum, Gaudium et Spes 22,2 |
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