25.10.2012: Gastvortrag von Prof. Dr. Frank Kraushaar (University of Latvia/Tallin University): Landschaftslyrik im Entstehen einer urbanen Zivilisation - die Lieddichtung des Liu Yong (987-1053)

Als lyrischer Meister und Erfinder eines neuen Tones, zugleich auch einer vor ihm ganz un­bekannten Liedform, nimmt der Dichter Liu Yong noch bis heute einen Nischenplatz in der langen, im Westen immer noch allgemein unbekannten Geschichte chinesischer Lyrik ein. Sowohl die historische Zeitachse, auf der sein Leben verlief, als auch inhaltliche und perfor­mative Aspekte seines Werkes – erotische und Reiselyrik, die enge Verbindung zur unterhal­tenden Musik – verführen zu Vergleichsversuchen mit der Troubador- und frühen Minne­dichtung. Liu Yong war aber kein ritterlicher Sänger, sondern Stern einer frühen Großstadt­kultur in China, die nicht wenige Grundzüge zeitgenössischer Ebenbilder teilt: Anonymität des Daseinsgefühls, Entstehung darauf bezogener Naturmetaphorik, Vermischung von Lite­rarität und Umgangssprachlichkeit. Metrische Analysen von Textfragmenten werden die rhythmische Dynamik der Originaltexte freilegen. Durchweg wird jedoch auf eine Überset­zung zurückgegriffen, die wo möglich einen Ton zu treffen vermag, der vor einem Jahrtau­send im Umbruch von Chinas Hochkultur aus einer agrarisch-aristokratischen in eine urban-merkantilistische Orientierung erfunden wurde.