Wie lebt sich’s wirklich im Paradies?

Das war der Titel einer Veranstaltung des Interdisziplinären Frankreich-Schwerpunkts zur französischen Überseegebiet La Réunion im Indischen Ozean. Referenten waren die Soziologin Rike Stotten und der Romanist Stefan Mantl.
Rike Stotten und Stefan Mantl
Bild: Rike Stotten und Stefan Mantl vor einem Graffito, das die ethnische Vielfalt als identitäres Merkmal von La Réunion illustriert. (Foto: Eva Lavric)

Unter dem Titel „Wie lebt sich's wirklich im Paradies?“ referierten die Soziologin Rike Stotten und der Romanist Stefan Mantl über das französische Überseegebiet La Réunion. Beide hatten auf der Insel längere Zeit gelebt und konnten daher bei ihren Schilderungen aus dem Vollen schöpfen. Begleitet von atemberaubenden Fotos präsentierten sie die „Trauminsel“ unter ihren vielfältigen und teilweise sehr unerwarteten Aspekten.

Bei einer Insel im Indischen Ozean erwartet sich ja jeder lange weiße Sandstrände mit Paradies-Feeling, wie man sie etwa auf Mauritius findet. Das gibt es auf La Réunion natürlich auch, aber nur an der Westküste. Viel stärker ist die Insel von ihrem vulkanischen Ursprung geprägt, den sie auch heute noch nicht verleugnen kann: Gibt es doch außer mehreren erloschenen auch noch einen aktiven Vulkan, den Piton de la Fournaise, der ca. einmal im Jahr ausbricht. Das dürfte allerdings nicht besonders gefährlich sein, denn: „Beim Ausbruch stürmen alle Touristen hinauf, um ein Stück Lava zu ergattern“, so Stefan Mantl, der sich dieses Spektakel auch nicht entgehen hatte lassen.

Die Küsten sind schroff und felsig, und die ganze Landschaft von roten Lavahalden, grün-bunter Vegetation und braun-grauen Gebirgen geprägt. Wer also nur zum Baden und Surfen nach La Réunion gekommen ist, besinnt sich bald eines Besseren (auch weil immer wieder mal Hai-Alarm gegeben wird) und verlegt sich aufs Wandern und Klettern. Dabei gibt es so viel zu entdecken – z.B. einsame hochgelegene Dörfer, die nur zu Fuß oder mit dem Hubschrauber erreicht werden können und in denen sich einst die entlaufenen Sklaven versteckten –, dass man immer wieder auf die Insel zurückkehrt. Nicht nur wegen der bunt gemischten Bevölkerung, die neben gepflegtem Französisch (man ist ja schließlich in Frankreich und damit z.B. auch in der EU) im Alltag lieber Kreolisch spricht, eine Sprachvarietät aus der kolonialen Vergangenheit; oder wegen der üppigen Vegetation, die besonders zu Weihnachten (also im dortigen Hochsommer) von rot blühenden Bäumen geprägt ist, die wie Flammen in der Landschaft stehen; oder wegen der originellen Fauna aus bunten Vögeln, Geckos und Chamäleons; sondern auch wegen des besonderen Lebensgefühls, des langsameren Tempos, der Zwanglosigkeit, Unpünktlichkeit und gemütlicheren Gangart. Und des friedlichen Zusammenlebens von Bevölkerungsgruppen verschiedensten Ursprungs und verschiedenster Religion.

Ist man als Gast eingeladen, bieten einem die Einheimischen den berühmten Insel-Rum mit eingelegten Früchten an, jeder wetteifert darin, besonders vielfältige und köstliche Varianten zu erfinden. Stefan Mantl war als Sprachassistent auf der Insel, eine Tätigkeit, die er den Studierenden im Publikum wärmstens empfahl; Rike Stotten hatte mit einem Praktikum bei einem Biobauern angefangen, war aber dann immer wieder nach La Réunion zurückgekehrt: „Schließlich habe ich die Insel so gut gekannt, dass ich einen Reiseführer dafür geschrieben habe. Aber sogar für mich gibt es immer noch Neues zu entdecken.“

Das sehr interessierte Publikum notierte sich auch gleich den Termin für die zweite Veranstaltung der Reihe „Frankreich unter Palmen“: Am Mittwoch, dem 22.6., spricht Rike Stotten über ein weiteres Überseegebiet, in dem sie gelebt und gearbeitet hat, nämlich die Insel Mayotte, wie La Réunion im Indischen Ozean gelegen, aber doch wieder ganz anders. Save the date!

(Eva Lavric)

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